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Körperwelten-Ausstellung in Berlin Unwürdig oder doch Kunst?

Bei der dauerhaften Körperwelten-Ausstellung in Berlin wird der tote Körper wieder lebendig. Bei der Kritik daran geht es um moralische und ethische Grundsatzfragen.

Körperwelten

Körperwelten - die Ausstellung hat in Berlin eine dauerhafte Bleibe gefunden

Im Sprung hat der Mann das Skateboard noch unter den Füßen, der Rücken ist gekrümmt, die Muskeln angespannt, jede Muskelfaser ist sichtbar, kein Wunder. Denn Haut befindet sich nicht mehr über den Knochen, Sehnen und Muskeln. Der Skateboarder ist ein Plastinat und war einmal ein lebendiger Mensch, sagt Angelina Whalley, Ehefrau des Plastinators Gunther von Hagen und Kuratorin der Ausstellung: "Den menschlichen Körper hier in einer menschlichen Form darzustellen. Ich kann wirklich nichts daran erkennen, was daran unwürdig sein soll."

Nach 20 Jahren Ausstellungsgeschichte, mit über 40 Millionen Besuchern weltweit, wurde jetzt das weltweit erste Menschen Museum dauerhaft im Zentrum Berlins - direkt am Alexanderplatz, im Sockelgebäude des Fernsehturms - eröffnet.

Aber genau das wird den Ausstellungsmachern vorgeworfen. 200 Teil- und 20 Ganzkörper-Plastinate sind jetzt dauerhaft im so genannten "Menschenmuseum Körperwelten" am Berliner Fernsehturm im Bezirk Mitte zu sehen. Es gibt einen Turner an Ringen, eine Frau in Engelspose mit einer hinten offenen Rumpfwand und Blick in die inneren Organe. Ein Mann in Denkerhaltung mit freigelegten Nervenfasern und ein Paar in inniger Umarmung.

Ist die Ausstellung ein Verstoß gegen das Bestattungsgesetz?

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Sportliche Eleganz in den Körperwelten

Für Cordula Machoni, Pfarrerin der Marienkirche gleich nebenan sind das allesamt Leichen, die würdevoll bestattet werden müssten. Sie will mit ihrer Gemeinde für die Totenruhe der Plastinate beten. "Ich finde, es braucht doch einen ruhigen, einen stillen und einen würdigen Ort um sich mit dem Thema Tod zu beschäftigen." Das sieht der Bezirk Mitte ähnlich. Bezirksbürgermeister Christian Hanke hat deshalb versucht, die Ausstellung mit allen Kräften zu verhindern. "Es ist so, dass ich die Ausstellung für ethisch absolut bedenklich halte." Und er sah in der Ausstellung einen Verstoß gegen das Berliner Bestattungsgesetz. Das Verwaltungsgericht entschied aber für den Veranstalter und untersagte auch das vom Bezirk angedrohte Zwangsgeld von 10.000 Euro am Tag.

Der Berliner, Detlef von Wengler, 61 Jahre alt, wird irgendwann auch Teil dieser Ausstellung sein. Er ist Körperspender und will sich nach seinem Tod plastinieren lassen. Das ist ihm lieber als jede Bestattung. "Es ist besser so, als wie von Maden aufgefressen zu werden oder verbrannt zu werden. Ich sehe das als Kunst an. Wir dachten eklig, gruselig und so. Gar nicht. Das sieht ja aus wie Plastik alles". Dennoch wird es wohl über das, was gruselig ist und was nicht, geteilte Meinungen geben."

Medizinische Aufklärung steht im Vordergrund

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Körperwelten - wie im richtigen Leben

Denn neben Körpern in ästhetischen Posen liegen auch in Vitrinen indirekt beleuchtete Schrumpf- und Fettlebern, Raucherlungen, krebsbefallene Nieren und missgebildete Föten. Das auch Voyeurismus eine gewisse Rolle beim Auswählen der Exponate spielt, gibt Karin Schüssler Leipold, Mit-Organisatorin der Ausstellung, gerne zu. Für die Körperwelten-Organisatoren steht aber hier die medizinische Aufklärung im Vordergrund. "Aus medizinischer Sicht das mal darzustellen was es da für Probleme geben kann, das finde ich einfach nur legitim. Und ich finde es ist auch in der Ausstellung sehr dezent und sehr vorsichtig gelöst. Also man kann sich auch entscheiden, ob man das sehen will oder nicht. Die Ausstellung soll die Leute anregen, über sich und ihren Umgang mit dem Körper nachzudenken." Deshalb gibt es auch Informationen über Ernährung, Stoffwechsel, Alterung von Zellen oder das Verdauungssystem.

Die Wanderausstellung ist nach fast 20 Jahren immer noch beliebt - auch bei Kindern

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Körperwelten und sein Erfinder Plastinator Gunther von Hagen

Die Körperwelten-Show tourt seit 1996 als Wanderausstellung durch die ganze Welt. 19 Mal war sie bereits in Deutschland zu sehen, drei Mal in Berlin. Eine bestattungsrechtliche Sondergenehmigung war damals nicht nötig. Auch unter Aspekten des Jugendschutzes gab es noch nie Probleme, sagt Karen Schüssler Leipold. "Wir wissen, dass Kinder einen sehr sehr unverkrampften Zugang zu unseren Plastinaten haben. Dass alle sehr spannend finden, was unter der Haut ist. Meistens machen sich Erwachsenen einen viel größeren Kopf als die Kinder." Dennoch will der Bezirk Mitte die Ausstellung auch unter dem Jugendschutzaspekt noch einmal genauer anschauen. Körperspender Detlef von Wengler gefällt jedenfalls die Vorstellung, dass seine Enkel, Ur- und Ur-Ur-Enkel ihn irgendwann einmal im Menschenmuseum statt auf dem Friedhof besuchen können. Und den Nachfahren will er dann sozusagen post mortem dann noch ein bisschen was bieten. "Weil meine Vorfahren Ritter waren, deswegen hatte ich den Wunsch, vielleicht als kniender Ritter mit Schwert ausgestellt zu werden."