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Durch die Corona-Krise sinkt der Ausstoß an Klima-Gasen weltweit wie nie. "Jetzt ist der Moment", sagt SWR-Umweltredakteur Werner Eckert, um langfristig in die Klimawende zu investieren.

Der Effekt ist einzigartig: Mindestens fünf Prozent weniger Klimagase weltweit in diesem Jahr in Folge der Corona-Krise – das hat es nach Angaben von Professor Reimund Schwarze vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung noch nicht gegeben, nicht in anderen Wirtschaftskrisen und auch nicht in den Weltkriegen. Tatsächlich ist die deutsche Stromproduktion im ersten Quartal um annähernd 20 Prozent zurückgegangen. Betroffen waren vor allem die Strom-Exporte – unsere Nachbarn haben ihre Wirtschaft deutlich stärker zurückgefahren. 

Nicht zurück zum alten Stand - sondern Green Recovery und Green Deal

Aber die historischen Erfahrungen haben gezeigt, dass weniger Klimagase durch solche krisenhaften Zusammenbrüche immer nur kurzfristige Effekte erzeugt haben. Der Ausstoß an Klimagasen ist danach wieder genau so rasant angestiegen wie davor. Indizien dafür gibt es auch dieses Mal: Die Schadstoffbelastung in China hat tatsächlich auch jetzt schon wieder 80 Prozent der Vor-Corona-Zeit erreicht.  

Das müsse diesmal anders werden, fordern viele – und durchaus Mächtige. UN-Chef Antonio Guterres spricht von einer "Green Recovery" – einem grünen Konjunkturprogramm. Ähnlich die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen, die – grundsätzlich jedenfalls – am "Green Deal" festhält.

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Jetzt ist die Zeit für klimafreundliche Investitonen in die Zukunft

Die Debatte läuft dieses Mal nicht entlang der klassischen Grenzen zwischen Industrie hier und Klimaschützern dort. Sondern wir erleben da, dass der Streit um die Energiewende von Kohle, Öl und Gas hin zu den Erneuerbaren sich noch einmal verschärft: Alte Industrie gegen neue Branchen, Verbrennungsmotor gegen E-Auto. All das bestimmt die Haltung jeweils von Teilen der Wirtschaft – die einen so, die anderen anders. Das ist jetzt nicht neu, aber sehr verschärft durch die Krise. Denn jetzt wird in kurzer Zeit sehr viel Geld ausgegeben werden. Und jeder Euro, der jetzt investiert wird, legt Infrastrukturen, Technologien und Anlagen für Jahrzehnte fest. Später wird öffentliches Geld dagegen knapp sein. Deshalb ist jetzt der Moment.

Der Markt wird es nicht regeln – die Politik muss lenken

Das Problem der klassischen Marktwirtschaft: Die Preise als Lenkungsinstrument zeigen derzeit in die falsche Richtung. Sie sind sozusagen kurzsichtig. Der Ölpreis tief im Keller – CO2-Zertifikate für Industrie und Kraftwerke aber auch. Orientiert man sich an diesen Preisen, dann wird ein Wiederaufbau dem Klimaschutz extrem zuwiderlaufen.

Deshalb sind politische Entscheidungen in dieser Situation so wichtig, um Corona-Krise und Klima-Krise gemeinsam im Blick zu behalten.

E-Lkw mit Oberleitung auf deutschen Autobahnen für besseres Klima (Foto: dpa Bildfunk, Bernd Settnik/dpa-Zentralbild/dpa)
Mit Strom aus der Oberleitung sollen Lkw auf deutschen Autobahnen das Klima verbessern. Bernd Settnik/dpa-Zentralbild/dpa

Zukunftsorientierte Modelle für die Zeit nach Corona

Die Denkfabrik „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft“ hat im Auftrag von Greenpeace ein Konzept erarbeitet für die Zeit nach der unmittelbaren Krisenhilfe. Kurz gesagt: Die Energiewende ohne Abstriche voranbringen und die Arbeitnehmer der alten Industrien stützen – nicht die Firmen.

Das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie empfiehlt konkret Programme zur klimagerechten Sanierung von Gebäuden, für den Umbau der Stahlerzeugung auf Wasserstoff-Technologie, Oberleitungen für Lkw an den Autobahnen und viel Geld für die Digitalisierung. Damit Home-Office und Videokonferenzen auch nach der Krise helfen können, Energie und Klimagase einzusparen.

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Aus dem amerikanischen Englisch von Gabriele Gockel, Sonja Schumacher und Barbara Steckhan
Verlag Hoffmann und Campe
ISBN 978-3-455-00693-3
352 Seiten
24 Euro  mehr...

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