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Klarnamen in Sozialen Medien "Viele gute Gründe für Pseudonyme"

Immer mehr Hass bei facebook und Twitter: Die Nutzer überschlagen sich mit Drohungen und Beleidigungen - oft unter Pseudonym. Eine aktuelle Umfrage hat ergeben, dass 60 Prozent der Deutschen eine Klarnamenpflicht gut finden.

Pro und Contra Klarnamenpflicht - Kann das Verbot von Pseudonymen den Hass im Netz verringern?

Pro und Contra Klarnamenpflicht - Kann das Verbot von Pseudonymen den Hass im Netz verringern?

Gespräch mit Markus Beckedahl, Netzaktivist und Gründer des Blogs netzpolitik.org

Sie sehen die aktuelle Umfrage und die Zahl ihrer Befürworter kritisch?

Wenn man sich die Altersverteilung genau anschaut, findet man heraus, dass 81 Prozent der über 59-Jährigen eine Klarnamenpflicht befürworten, aber 59 Prozent der 18- bis 29-Jährigen dagegen sind. Genau diejenigen, die davon betroffen werden, sagen mit großer Mehrheit, Klarnamenpflicht bringe nicht so viel und habe eher viele schädigende Gründe für ein Onlineleben.

Das Argument, Klarnamen würden helfen gegen Hass im Netz vorzugehen, wiegt auf den ersten Blick doch schwer. Was spricht trotzdem gegen diese Klarnamen?

Finger auf Computertaste auf der Hass steht

Wird Hass im Netz trotz Klarnamen nicht ausreichend verfolgt?

Das Argument, mit einer Klarnamenpflicht würde es weniger Hass im Netz geben, kommt vor allen Dingen von denjenigen, die sich im Netz nicht wirklich aufhalten. Vor allen Dingen haben wir diese große Hassdebatte durch Plattformen wie facebook bekommen. Wenn man sich auf facebook diese Hasskommentare anschaut, stellt man fest, sehr häufig werden diese unter Klarnamen gepostet.

Das Problem sind nicht unbedingt diese Pseudonyme. Das Problem ist, dass schon jetzt gegen viele, im Klarnamen gepostete, volksverhetzende Äußerungen nicht vorgegangen wird. Hier sollte man ansetzen. Wenn man heutzutage Postings bei der Polizei meldet, die eindeutig volksverhetzend sind, die eindeutig unter Klarnamen gepostet wurden, gibt es kaum Erfolge bei der Rechtsdurchsetzung - obwohl alles da ist.

Wäre es eine Lösung, dass man Menschen, die einen Grund für ein Pseudonym haben - zum Beispiel, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzen, oder weil sie sich gegen Rechtsradikalismus engagieren - das gestattet und anderen eben nicht?

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Das bringt nichts. Entweder muss man es allen gestatten oder keinem. Ich finde, wir sollten es allen gestatten. Es gibt viele gute Gründe für Pseudonyme und gegen eine Klarnamenpflicht.

Nehmen wir zum Beispiel die jungen Menschen, die mit großer Mehrheit gesagt haben, sie sind gegen eine Klarnamenpflicht. Junge Menschen äußern heute ihre Meinung im öffentlichen Raum, im Internet und werden möglicherweise morgen oder in zehn Jahren mit dieser Meinung konfrontiert.

Stellen Sie sich vor, die über 59-Jährigen, die mit großer Mehrheit diese Klarnamenpflicht fordern, deren Äußerungen 1968 oder bei den Studentenunruhen, würden heute noch im Netz sichtbar sein. Ganz viele von denen hätten doch keine Karriere mehr machen können und wären heute wahrscheinlich auch deswegen gegen eine Klarnamenpflicht. Wir haben das Phänomen, dass das Internet diese Flüchtigkeit des Augenblicks, den wir alle gewöhnt waren im realen analogen Raum, nicht mehr hat - wenn man auf einer Veranstaltung sein Gesicht und seine Meinung gezeigt hat.

Im Netz gilt aber, dass, wenn Sie sich dort hinstellen, ihre Meinung äußern, das möglicherweise in 30 Jahren noch gegen Sie verwendet werden kann.

Online: Heidi Keller, Christine Scherer