Constance Schirra (Foto: SWR, © SWR/Christian Koch, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im Rahmen einer engen, unternehmensbezogenen Berichterstattung im SWR-Zusammenhang bei Nennung Bild: SWR/Christian Koch (S2+), SWR Presse/Bildkommunikation, Baden-Baden, Tel: 07221/929-24429, foto@swr.de)

"Zwei Minuten": Die Kolumne zum Wochenende

Meinung: Her mit den Phrasen!

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Kaum nutzt ein Politiker eine Floskel, schon ist sie aus den Medien nicht mehr weg zu denken – und es gibt so viele schöne, findet Constance Schirra.

Ich wüsste so gerne mal: Was ist eigentlich am Anfang des Tages? Was am Ende des Tages ist, weiß ich inzwischen natürlich: "Am Ende des Tages müssen wir uns fragen …", "Am Ende des Tages werden wir sehen …". Alle Welt meint, an einer beliebigen Stelle der eigenen Rede unbedingt "am Ende des Tages" unterbringen zu müssen. Warum auch immer. Fragt keiner. Machen alle.

Die Kolumne von Constance Schirra können Sie hier auch als Audio hören:

Dafür muss man vor allem uns danken, uns Journalisten! Wir wollen die schönsten Hohlwörter und Phrasen aller Welt im deutschen Sprachgebrauch etablieren, darum klauen wir sie - am liebsten Politikern - und schmuggeln sie in jeden Kommentar, in jedes Interview. Und es gibt soooo viele schöne Ausdrücke und Floskeln, ach, ich bräuchte deutlich mehr als zwei Minuten Zeit, um sie alle zu nennen. Aber wenigstens meine liebsten, also: Derzeit ergötze ich mich besonders an hübschen Wörtern mit "K": Unions-Politiker fordern den Kanzler dauernd auf: "Klare Kante" zeigen! "Klartext" sprechen!

Der Kanzler ist im Bundestag zu sehen, der Kanzler ist im Bundestag zu hören, aber immer und immer wieder kommt dieser verzweifelte Appell von den Plätzen der Opposition. Sie können ihn von dort offenbar weder hören noch sehen - zu weit weg von der Regierungsbank. Oder in der Opposition grassiert ein Leiden an Augen und Ohren. Schlimm, zumal ansteckend. Von der "Augsburger Allgemeinen" bis zum ZDF kräht plötzlich alles nach "Klartext" und "klarer Kante".

Präzise auf den Punkt kommen spart viel Zeit und Nerven (Foto: IMAGO, agefotostock)
Präzise auf den Punkt kommen spart viel Zeit und Nerven agefotostock

Dann mag ich noch das Wort "Deal". Das kommt ursprünglich von dem orangenen Mann, der mal im Weißen Haus war. Und das kleine Wort schwappte über das große Meer, verbreitete sich hier gleich einer invasiven Art und beschert mir seitdem Deals jedweder Natur, "Klima-Deal", "Gas-Deal", "Masken-Deal", "Waffen-Deal" ... Deal passt immer! Genau wie "Hausaufgaben". Und nicht zu vergessen: "liefern". Als Wolfgang Schäuble etwa 2010 befand, Griechenland müsse seine "Hausaufgaben machen" und "liefern", Mensch! Da ging ein Ruck durch die Republik! Hurra! Wir sind Oberlehrer! "Muss die Regierung liefern?" "Haben die Autokonzerne ihre Hausaufgaben gemacht?" Kein Ende des Tages in Sicht.

Woran ich auch sehr hänge: "Team Vorsicht" und "Team Freiheit". Beide Ausdrücke sind während der Corona-Pandemie aufgetaucht. Seitdem: Nicht mehr weg zu denken aus Zeitung, Fernsehen und Radio! Wobei wir Journalisten in dem Fall sehr kreativ sind, wir sagen auch mal "Team Augenmaß", "Team Lockerung", oder "Team Weitsicht" – so nett! Wie bei den Montagsmalern …


Jeder Head of irgendwas hat heute eine "Vision" oder mindestens "Mission", einschließlich McDonalds. Und von Daimler bis zum Dachverband norddeutscher Zuckerrübenanbauer bietet man mir "innovative Lösungen". Dem erhabenen Ausdruck "Zu Gast" bei jedem Telefongespräch hätte ich gerne noch mehr Zeit gewidmet, geht nicht, zwei Minuten, drum nur so viel noch: Neulich machte mich ein geschätzter Hörer darauf aufmerksam, den wiederum seine Frau darauf aufmerksam gemacht hatte, dass seit neuestem alle "tatsächlich" sagen. Ich habe mal ganz konzentriert darauf geachtet. Es stimmt tatsächlich.

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