STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

In Deutschland ist nach einem Interview eine Debatte über Sinn und Unsinn von Einfamilienhäusern in der heutigen Wohnraumsituation entbrannt. Wir checken die Fakten.

Nach einem "Spiegel"-Interview mit Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter haben die Grünen Vorwürfe zurückgewiesen, sie wollten den Neubau von Einfamilienhäuser verbieten. Hofreiter hatte in dem Interview gesagt, dass sich ein Hamburger Bezirk wegen dramatischer Wohnungsnot gegen neue Einfamilienhäuser entschieden habe. Es sei darum gegangen, Wohnraum für viele statt für wenige Menschen zu schaffen. Parteichef Robert Habeck stellte jetzt klar, dass die eigenen vier Wände für viele Menschen wichtig seien - dazu zählten für die Grünen weiterhin auch Einfamilienhäuser.

"Das Einfamilienhaus gehört zum Ensemble der Wohnmöglichkeiten in Deutschland."

Robert Habeck (Grünen-Parteichef)

Faktencheck zum Einfamilienhaus und dem Verbrauch von Wohnraum

Hofreiter hatte gesagt, Einfamilienhäuser verbrauchten viel Fläche, viele Baustoffe und viel Energie. Sie sorgten für Zersiedelung und damit für noch mehr Verkehr. Was ist dran an diesen Vorwürfen?

Wie viele Einfamilienhäuser gibt es in Deutschland?

Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland knapp 16 Millionen Einfamilienhäuser (Stand 2019). Seit dem Jahr 2001 ist ihre Zahl um fast zwei Millionen gewachsen. Derzeit entstehen pro Jahr rund 100.000 neue Einfamilienhäuser.

Was ist das Problem daran?

Ein Problem ist, dass Einfamilienhäuser viel Fläche beanspruchen. 2014 lag die durchschnittliche Wohnfläche in Deutschland pro Einwohner bei 53,6 Quadratmetern. In Einfamilienhäusern lag sie mit 63,5 Quadratmetern pro Person um fast zehn Quadratmeter höher.

Ergebnis: ein hoher Platzverbrauch. So befinden sich laut Statistischem Bundesamt zwar nur 31 Prozent aller Wohnungen in Einfamilienhäusern, diese nehmen aber 41 Prozent der bebauten Fläche ein.

Bei Mehrfamilienhäusern ist das Verhältnis in etwa umgekehrt: 42 Prozent der Wohnunterkünfte entfallen auf 33 Prozent der Fläche. Das bedeutet: Mehrfamilienhäuser - oft viele Stockwerke hoch - bieten auf wenig Raum vielen Menschen Platz. Einfamilienhäuser dagegen verbrauchen für wenige Menschen viel Fläche.

Was ist so schlimm daran, dass Einfamilienhäuser viel Fläche verbrauchen?

Der Flächenverbauch hat, je nach Stadt oder Land, unterschiedliche Auswirkungen. In den Großstädten, wo die Flächen knapp, der Bedarf an Wohnraum aber sehr hoch ist, stellt sich die Frage nach Einfamilienhäusern oft gar nicht: Es gibt schlicht keinen Platz mehr dafür, der hohe Wohnungsbedarf kann nur mit Mehrfamilienhäusern gedeckt werden.

Auf dem Land ist das Problem ein anderes: Der Einfamilienhaus-Boom in den Neubaugebieten sorgt dafür, dass wertvoller Boden verloren geht. Natur und Ackerland werden immer weiter zurückgedrängt. Laut Umweltbundesamt hat sich in den vergangenen 60 Jahren die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland mehr als verdoppelt. Eine Fläche von 58 Hektar wurde im Jahr 2017 täglich neu ausgewiesen - das ist eine Fläche etwa so groß wie 82 Fußballfelder. Zwar ist das schon ein deutlich geringerer Wert als noch zur Jahrtausendwende - damals betrug der Flächenverbrauch 129 Hektar pro Tag. Vom 30-Hektar-Ziel, das sich die Große Koalition bis zum Jahr 2030 gesetzt hat, ist das aber noch ein weites Stück entfernt.

Daran sind natürlich nicht allein Einfamilienhäuser schuld. Auch der Bau von Straßen, Flughäfen oder Sportanlagen verschlingt Boden. Aber immerhin hatte 2018 der gesamte Gebäudesektor am Flächenverbrauch laut Umweltbundesamt mit 32 Prozent den größten Anteil.

Welche Kritik an Einfamilienhäusern gibt es noch?

Gerade auf Dörfern ist es häufig zu beobachten: Während am Ortsrand die Neubaugebiete für Einfamilienhäuser wuchern, stirbt der Ortskern aus. Geschäfte und Gaststätten sind geschlossen, Gebäude stehen leer. Kritiker fordern deshalb: Das Bauen muss wieder in die Ortskerne zurückverlegt werden. Es sei Innen- statt Außenentwicklung nötig, die Nutzung von Brachflächen statt Ausweisung von Neubaugebieten, und Sanierung, Aufstockung und Nachverdichtung statt immer weiterer Neubauten.

Weiterer Kritikpunkt: Einfamilienhäuser sorgen für mehr Verkehr, denn oft liegen sie in Gegenden, wo es keinen Anschluss an den Öffentlichen Nahverkehr gibt. Und für die Autos der Besitzer wird dann wieder Fläche verbraucht, für Straßen, Auffahrten, Parkplätze und Garagen. Und letztendlich haben sie wegen der größeren Wohnfläche pro Einwohner auch einen höheren Energieverbauch.

mehr zum THema

Wohnraumallianz zieht Bilanz Das sind die größten Hürden der Wohnungspolitik in Baden-Württemberg

Zum Abschlusstreffen der Wohnraumallianz Baden-Württemberg hat die Wirtschaftsministerin eine positive Bilanz gezogen. Der Mieterbund hingegen kommt eher zu einem kritischen Fazit.  mehr...

Architektur Mini-Appartements und Tiny Houses – Konzepte gegen Wohnungsnot

Bezahlbare Wohnungen sind in deutschen Großstädten rar. Sind winzige Appartements und Mini-Häuser die Lösung? Von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster (Produktion 2019)  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Auswertung des Statistischen Bundesamts Bauland in Baden-Württemberg deutlich teurer als im Bundesschnitt

Wer "Häusle bauen" will, muss in Baden-Württemberg vergleichsweise deutlich mehr Geld ausgeben als viele andere Bürger. Mancherorts ist Bauland aber sogar noch teurer.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG