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Gletschermumie vor 25 Jahren entdeckt Übersetzungsfehler machte Ötzi "schwul"

Ötzi ist eines der berühmtesten Mordopfer der Geschichte: Archäologen haben der Gletschermumie aus der Bronzezeit viel Spannendes entlockt, und über manchen "Mythos" amüsieren sie sich.

Forscher an der Mumie Ötzi

Albert Zink (r.) untersucht Ötzi zusammen mit einem Kollegen (Archivbild)

Vor 25 Jahren entdeckte ein Ehepaar aus Nürnberg bei einer Bergtour in den Ötztaler Alpen am Rande eines Gletschers zufällig die älteste Mumie der Welt. Ötzi, der Mann aus dem Eis, steht seitdem unter ständiger Beobachtung, wird von Kopf bis Fuß erforscht. Um die wissenschaftliche Aufarbeitung kümmert sich Dr. Albert Zink, er leitet das EURAC-Institut für Mumien und den Eismann in Bozen.

Regelmäßige "Dusche" für Ötzi, damit die Mumie erhalten bleibt

In diesem Bozener Archäologie-Zentrum ist Ötzi auch in einer Ausstellung zu besichtigen. Zur Konservierung liegt er in einer speziellen Kühlkammer bei minus 6 Grad Celsius und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, erzählt Zink. Das seien in etwa die Bedingungen, denen er dort in den Bergen ausgesetzt war. "Wir setzen sehr viel daran, dass diese Konservierung auch in den nächsten 100, wenn nicht sogar 1.000 Jahren, gewährleistet ist - was wir selber natürlich nicht mehr erleben werden." Daher werde die Mumie regelmäßig kontrolliert und alle zwei Monate mit frischem sterilem Wasser besprüht.

Vor 5.300 Jahren haben die Menschen nicht mehr in Höhlen gelebt

Rekonstruktion von Ötzi

So könnte Ötzi nach einer Rekonstruktion von Forschern ausgesehen haben

Durch Untersuchungen über den früheren Gesundheitszustand und die Todesursache von Ötzi - er starb durch einen Pfeil - haben Wissenschaftler viel erfahren - ebenso durch Gegenstände, die bei der Gletschermumie gefunden wurden, wie beispielsweise eine Bronzeaxt. Aus vielen einzelnen Puzzle-Stückchen setzten Forscher inzwischen ein besseres Bild davon zusammen, wie unsere Vorfahren gelebt haben und wie ihre Lebensumstände waren. Anthropologe Zink beschreibt das so:

"Das ist der große Glücksfall beim Ötzi, dass er nicht nur die erste Mumie beziehungsweise einzige aus dem Alpenraum war, sondern auch die erste, die noch eine komplette Ausrüstung bei sich trug. Wir wissen dank Ötzi, dass man vor 5.300 Jahren eben nicht mehr 'in Höhlen' gelebt hat, sondern bereits eine sesshafte Lebensweise hatte." Die Menschen hätten in kleinen Dorfgemeinschaften gelebt, Tiere wie Schafe und Ziegen gezüchtet und sich Kleider aus verschiedenen Tierhäuten genäht.

Umfangreiche Ausrüstung in der Bronzezeit

Das Beinkleid von Ötzi war nach der Beschreibung des Wissenschaftlers aus Ziegenleder und das Fell, das er dabei hatte, aus Schaf- und Ziegenleder - sein Köcher hingegen aus Rehleder. In Ötzis Magen habe man Hirsch- und Steinbockfleisch gefunden.

Ötzi und seine Zeitgenossen seien sehr gut ausgerüstet gewesen, um auch längere Zeit unterwegs zu sein. Der Mann aus dem Gletscher hatte diverse Utensilien dabei: Er konnte Feuer machen oder seine Kleidung flicken, er hatte Sachen für die Jagd dabei. "Also insgesamt hat sich das Bild von der damaligen Zeit mit dem Ötzi sehr stark gewandelt. Wir wissen, dass sie eben schon sehr gut an diesen Lebensraum angepasst waren, der ja nicht immer einfach ist – gerade auch im Winter", erläutert Zink.

Faszination über die Mumie lässt auch Mythen und Kurioses entstehen

Gletscherleiche auf Tisch mit Tuch

Am 19. September 1991 wurde Ötzi gefunden

Albert Zink hat über die Forschungen an Ötzi auch ein Buch geschrieben. Auch seltsame Mythen und Kurioses gibt er darin zum Besten: "Manche Geschichten sind wirklich lustig, und die erzähle ich auch gerne selbst, beispielsweise, dass Ötzi schwul war. Das war lediglich ein Übersetzungsfehler: Da hat man aus dem deutschen Wort Samen den englischen semen gemacht, was im Deutschen so viel bedeutet wie Sperma. Deswegen wurde das sozusagen in die falsche Richtung interpretiert. Es wurden keine Spermien in seinem Darm gefunden, sondern Pflanzensamen."

Er ärgert sich nur teilweise über solche Auswüchse, denn "das zeigt die Faszination, die diese Mumie ausstrahlt. Es ist klar, dass so ein wichtiger Fund, der weltweit in den Medien erscheint, auch zu solchen Ausreißern führt. Über andere Kuriositäten wundert sich der Anthropologe nur und nimmt sie nicht ernst. Zum Beispiel eine Frau, die behauptet, die Reinkarnation von Ötzi zu sein und darüber auch noch ein Buch geschrieben hat - oder auch Frauen, die sich angeboten haben, einen Nachfahren von Ötzi auszutragen.


Online: Biggi Hoffmann