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Geteiltes Leid - Doppelte Freude Wie das Gehirn Mitgefühl erzeugt

Die Spiegelneuronen wurden vor über 20 Jahren entdeckt. Sie erzeugen im Gehirn Mitgefühl, können aber auch Gefühle unserer Mitmenschen spiegeln - etwa Freude oder Schmerz. Was passiert da genau?

Ein Finger wird auf einen Reissnagel gedrückt

Das tut schon beim Zuschauen weh

Gespräch mit Professor Joachim Bauer, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Freiburg, Arzt und Forscher

Wir haben in unserem Gehirn ein ganzes System von Nervenzell-Netzwerken, die nicht nur reagieren, wenn wir in unserem eigenen Körper etwas fühlen, sondern die auch dann nochmal ansprechen, wenn das, was sie im eigenen Körper fühlen könnten, tatsächlich von jemand anderem gefühlt wird, der in unserem Wahrnehmungshorizont ist. Ganz konkret also: Es gibt Nervenzellen, zum Beispiel für Schmerz, die in meinem Gehirn ansprechen und mir den Schmerz auch ins Bewusstsein melden, wenn ich mir selber weh tue.

Hirnforscher Joachim Bauer

Hirnforscher Professor Joachim Bauer

Wenn ich aber zuschaue, wie der gleiche Schmerz jemand anderem zugefügt wird - zum Beispiel, wenn sich beim gemeinsamen Kochen jemand mit dem Messer in die Fingerkuppe schneidet und ich selber gar keine Verletzung habe, sondern nur sehe wie jemand anderes sich verletzt hat und blutet - dann kommt es in meinem Gehirn als Beobachter nochmals zur Mitaktivierung dieser Schmerz-Nervenzellen. Das ist der Grund, warum wir zum Beispiel in uns Schmerz fühlen, wenn jemand anderes tatsächlich den Schmerz erleidet.

Sind diese Schmerz-Nervenzellen ständig aktiv? Oder kann man die auch ausschalten und es ist einem dann egal, ob jemand anderes leidet?

mitgefühl

Mitgefühl entsteht im Gehirn - oder auch nicht

Bei Menschen, die in einer durchschnittlich guten Weise herangewachsen sind, groß geworden sind, sind diese Mitfühl-Nervenzellen intakt und gut ausgebildet. Es gibt drei Sondersituationen, die zur Folge haben können, dass diese Empathie-Systeme nicht richtig funktionieren. Das eine ist eine seltene genetische Besonderheit: Menschen, die etwa zu dem Bereich gehören, den wir das autistische Spektrum nennen. Zudem wissen wir, dass bei Kindern, die traumatisch aufgewachsen sind, Störungen sein können.

Und letzter Punkt: wenn Erwachsene schwer traumatisiert werden, zum Beispiel durch kriegerische Gewalt oder Vergewaltigung oder dass jemand Opfer eines schweren Überfalls wurde, mit einer davon zurückbleibenden Traumatisierung - dann können diese Empathie-Systeme auch über längere Zeit schwer beeinträchtigt sein.

Wie wichtig sind Erziehung und soziales Umfeld für Kinder, damit dieses Empathie-System später auch richtig funktioniert?

Das ist ein wichtiger Punkt, den sie da ansprechen. Es ist ganz bedeutsam, dass Kinder - ganz besonders in den ersten zwei Lebensjahren - selber Einfühlung erleben, dass sie zwei, drei Hauptbezugspersonen haben, die sich einfühlend auf das Kind einlassen können, die das Kind verstehen können - das ja in dieser Zeit noch nicht sprechen kann - die das Kind richtig deuten können und einfühlsam mit diesem Kind umgehen.

Das ist sozusagen eine Art Training für die Spiegelneurone des Kindes. So dass das Kind dann, wenn es drei, vier Jahre alt ist, diese wunderbaren Momente zeigt, wo es zum ersten Mal selbst Mitgefühl hat - zum Beispiel mit der Mama, die sich gerade weh getan hat.

Ohne Spiegelneuronen wären wir also nicht fähig, als soziale Menschen zu handeln?

Ja, die Spiegelneuronen sind Teil eines großen Empathie-Netzwerks im Gehirn eines jeden durchschnittlich gesunden Menschen, wenn ich das mal so formulieren darf, und diese Empathie-Systeme mit den Spiegelneuronen zusammen machen den Menschen zum mitfühlenden Wesen.

Biografie: Professor Dr. med. Joachim Bauer, geboren 1951, studierte Medizin in Freiburg und forschte im Bereich der Molekularbiologie. Anschließend machte er eine klinische Ausbildung zum Internisten und habilitierte sich für Innere Medizin. Es folgten Forschungsaufenthalte in den USA. Danach durchlief Bauer die Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychosomatischer Medizin. Bauer machte eine zweite Habilitation für das Fach Psychiatrie. Er arbeitet als Leiter der Ambulanz an der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik Freiburg. Schwerpunkte seiner Arbeit: Depressionen, berufliches Burn-Out-Syndrom, Trauma-Folgekrankheiten, Angst-Erkrankungen.

Gespräch mit Andreas Böhnisch, SWR; Online: Heidi Keller, Christine Härrer