STAND
AUTOR/IN

Darf ich Insekten töten, obwohl es Tiere sind und wir sie zum Überleben brauchen? Ein schier unlösbares Dilemma, meint Marion Theis in ihrer Kolumne.

Es geht wieder los. Insekten kommen gerade aus sämtlichen Löchern gekrabbelt. Rheinschnaken und Tigermücken, Auwaldzecken und Baumwanzen, Eichenprozessionsspinner und Maikäfer, kritze, kratze aus der Matratze.

Die Kolumne von Marion Theis können Sie hier auch als Audio hören:

Das macht mich fertig. Nicht nur, weil es mich schon juckt und zwickt, wenn ich nur darüber rede. Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Einerseits haben wir das Problem, dass unsere Insekten immer weniger werden, fast die Hälfte ist vom Aussterben bedroht. Andererseits gibt es kaum etwas Nervigeres als Zecken, Bremsen oder Wanzen. Darf ich eine Schnake zerquetschen, die an der Wand hängt? Ist es ethisch vertretbar, dass ich eine Lebensmittelmotte töte? Darf ich Spinnen einsaugen und Zecken den Abfluss runterspülen? Sind Fliegenklatschen asozial? Ja, meint die Tierschutzorganisation Peta. Fliegengehirne seien zwar winzig, aber gar nicht so anders als die von Menschen. Es sei wahrscheinlich, dass Insekten und andere wirbellose Wesen ein Bewusstsein hätten.

Auf der anderen Seite sagen Mediziner und auch Insektenkundler, man sollte zwar grundsätzlich jede Art von Leben respektieren, es sei jedoch statthaft, eine Mücke zu erschlagen, um sich oder z. B. ein Kind zu schützen.

Junge mit einer Fliegenklatsche (Foto: Imago, photothek)
Sind Fliegenklatschen asozial? Ja, meint die Tierschutzorganisation Peta. Imago photothek

Ich wundere mich nicht, dass die Bundesregierung mit ihrem Insektenschutzgesetz nicht fertig wird. Was soll man da reinschreiben? Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen verboten, Bußgeld 5.000 Euro? Derweil lassen Kommunalpolitiker Hubschrauber über die Rheinauen fliegen, um Milliarden von Schnakenlarven zu vernichten – und mit ihnen andere Insekten, was zur Folge hat, dass die Vögel, Frösche, Libellen und Fledermäuse ihre wichtigste Nahrung verlieren und verschwinden. Wenn sie das jedoch nicht täten, könnten wir Campingurlaube und Biergartenbesuche im Sommer knicken, ein echtes Dilemma. Und auch die Förster sind froh über jeden toten Eichen-Prozessionsspinner und Maikäfer-Engerling, der sonst die Bäume dahinrafft, die ja auch Lebewesen sind und außerdem unverzichtbar für uns Menschen. Vertrackt!

Ich befrage das Internet. Wenn ich das Suchwort „Insektenschutz“ eingebe, finde ich Anzeigen für Fliegengitter. Das ist ja schon mal was. Oder hier: Insekten als Nahrungsmittel. Dann sind sie zwar auch tot, aber wenigstens nicht umsonst gestorben… Das ist es doch! Sämtliche Heuschreckenplagen könnten dazu dienen, Millionen von Menschen zu ernähren, gekocht, gegrillt, geröstet, nach dem Motto: If you can’t eat them, beat them.

Am Viktoriasee in Ostafrika regeln sie anscheinend ihr Insektenproblem schon immer so: Sie fangen Mückenschwärme in riesigen Netzen und verarbeiten sie zu Frikadellen. Gesund, vitaminreich und eiweißhaltig, soll eine Delikatesse sein. Vielleicht wäre das ja ein Ansatz, um der Tigermückeninvasion hier zu begegnen. Und früher haben die Leute schließlich auch Maikäfersuppe gegessen.

Halt: Was macht mein Sohn denn da? Wo will er mit den Müslischüsseln hin? Was? In den Wald? Borkenkäfer sammeln, für’s Frühstück? Ich glaub‘, ich spinne …

Mehr Meinungen im SWR

Zwei Minuten: Die Kolumne zum Wochenende Mehr Leidenschaft, Genossinnen und Genossen!

Olaf Scholz macht müde, Saskia Esken Angst. Keine Frage: Die SPD hat ein Imageproblem. Unsere Autorin Constance Schirra, bietet sich als Beraterin an.  mehr...

Angela Merkel bei "Jogis Jungs". Ein Kommentar Merkel und Löw – zwei Gesichter derselben Epoche

Am Donnerstag stattet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der deutschen Nationalmannschaft im EM-Trainingslager einen digitalen Besuch ab. Ein Termin mit Symbolwert, meint Martin Rupps.  mehr...

Anklage gegen Ex-VW-Chef. Ein Kommentar Anklage gegen die Autorepublik Deutschland

Selbst allerhöchste Patriarchen alter Schule kommen vor deutschen Gerichten nicht mehr glimpflich davon, meint Martin Rupps nach der Berliner Anklage gegen Ex-VW-Chef Martin Winterkorn.  mehr...

STAND
AUTOR/IN