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Vorerst steigt die Zahl der Infizierten rasant an, trotz aller Maßnahmen. Ob die Verbreitung des Corona-Virus sich verlangsamt, werden wir erst in ein paar Wochen sehen. Wir erklären, warum.

Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben strenge Maßnahmen ergriffen, um der Epidemie entgegen zu treten. Wir sollen möglichst alle zuhause bleiben. Reduzieren wir unsere Kontakte, hat das Virus weniger Gelegenheit von Einem zum Nächsten übertragen zu werden. Allerdings zeigt sich dieser Effekt in der Statistik voraussichtlich erst rund zwei Wochen nach Inkrafttreten der Maßnahmen.

In der Grafik sehen Sie rot eingezeichnet die Steigerung der Fallzahlen in Baden-Württemberg. Die Linie bildet den Anstieg ab, nicht den Verlauf in absoluten Zahlen. Dadurch lassen sich Trendveränderungen leichter erkennen. Die blau gestrichelte Linie ist eine Fortschreibung entlang der vergangenen zehn Tage. Anfang sind die bestätigten Fälle im Durchschnitt im Südwesten täglich um 31 Prozent gestiegen sind. Mittlerweile ist der Anstieg deutlich geringer und liegt zwischen 10 und 20 Prozent. Nimmt man die Steigerung der Anfangszeit von 31 Prozent für die Zukunft an, würde die Zahl der nachgewiesen Infizierten bis Ende März auf mehr als 200.000 Fälle anwachsen. Dieser Fall wird nicht mehr eintreten, da der Trend gesunken ist. Auch in Rheinland-Pfalz steigt die Zahl der positiv getesteten Corona-Fälle weiter stark an. Die Grafik zeigt die Fortschreibung des Trends der vergangenen zehn Tage (blau gestrichelte Linie) und die tatsächliche Entwicklung (rote Linie).

Fallzahlen: Dunkelziffer der Infizierten ist sehr groß

Dies ist eine sehr konservative Prognose. Dass diese Fallzahlen tatsächlich in der amtlichen Statistik auftauchen werden, ist unwahrscheinlich. Es spielt aber auch keine Rolle. Denn die Dunkelziffer, da sind sich Virologen einig, wird sowieso um ein Vielfaches höher sein.

Vereinfachte Hochrechnung

Diese Grafik reduziert die komplexen Zusammenhänge einer Virus-Epidemie und stellt keine echte Modellierung des zu erwartenden Infektionsverlaufs dar. Es ist eine vereinfachte Hochrechnung auf Basis erster Studienergebnisse aus China. Das Robert-Koch-Institut gibt nämlich an, dass es noch keine gesicherten Erkenntnisse über die tatsächliche Ausbreitung der Erkrankung gibt.

Das liegt daran, dass vier von fünf Erkrankte nur leichte bis mittlere Verläufe aufweisen. Bisher veröffentlichte Studien gehen aber davon aus, dass die tatsächlichen Infektionen um das Viereinhalb- bis Elffache, womöglich sogar um das Zwanzigfache höher sind als die durch Tests bestätigten Fälle.

"Eine Studie, die noch auf Daten von Januar 2020 basierte, schätzt den Anteil der Infizierten, die im Überwachungssystem von China erfasst wurden auf 5 Prozent, eine zweite Studie schätzt den Anteil auf 9,2 Prozent. Somit wäre die Anzahl an Infizierten um einen Faktor 20 bzw. 11 größer als angegeben."

Robert-Koch-Institut

Deshalb ist die explosionsartige Wucht, mit der sich das Virus in Deutschland mittlerweile ausbreitet, eine so große Gefahr. Im Laufe der Zeit werden sich nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts zwar bis zu 70 Prozent der Bevölkerung infizieren.

Offen ist, in welchem Zeitraum das geschieht. Das hängt vor allem daran, wie wir uns jetzt verhalten. Je weniger Kontakte, desto niedriger wird die Dunkelziffer bleiben. Im Augenblick verzeichnet das Robert-Koch-Institut in fast allen Bundesländern eine sehr stark ansteigende Ausbreitung.

Künstliche Abflachung durch zu wenige Tests

Es reicht nicht aus in den kommenden Tagen auf die Entwicklung dieser Kurve zu schielen. Möglich ist auch eine künstliche Abflachung: Zum einen wenn zum Beispiel die Labore ausgelastet sind. Dann kann nur noch eine begrenzte Anzahl an Proben zeitnah ausgewertet werden.

Die Anzahl der gemeldeten Fälle wird nicht weiter exponentiell steigen, die Anzahl der tatsächlichen Infektionen schon. Zum anderen stimmt womöglich der Trend nur noch begrenzt, wenn nur noch in besonderen Umständen getestet werden.

Dies ist bereits in Stuttgart der Fall, wie die Stadt dem SWR auf Anfrage mitgeteilt hat: "Seit Dienstag dieser Woche liegt der Fokus auf besonders schutzbedürftigen Personen, wie zum Beispiel Älteren, Pflegebedürftigen und chronisch Kranken. Getestet wird weiterhin, besonders intensiv bei Menschen mit einem höheren Erkrankungsrisiko bzw. schwereren Krankheitsverläufen. […]Ziel ist es, sowohl personelle Kräfte als auch medizinische Ressourcen zu schonen. Betroffene mit milden Krankheitsverläufen, die nicht zur Risikogruppe gehören, wird die häusliche Isolation empfohlen bis sie wieder ganz gesund sind."

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Viele tauchen in der Statistik nicht mehr auf

Die milden, nicht laborgetesteten Verläufe tauchen demnach in Stuttgart in der Statistik künftig nicht mehr auf. Die Stadt ist auch dazu übergegangen die Fallzahl nur noch ein Mal pro Woche zu melden. Weitet sich diese Vorgehensweise über die Landkreise hinweg aus, gibt es zwei Möglichkeiten den weiteren Verlauf der Epidemie in Deutschland anhand von Zahlen und Daten einzuschätzen:

  • Entweder wird die Zählweise geändert: Das würde bedeuten, dass beispielsweise nicht nur der eindeutige Laborbefund zur Feststellung herangezogen wird. Es könnten statistisch auch die Fälle dazugezählt werden, bei denen der Patient eindeutige Krankheitszeichen hat und nachgewiesenermaßen mit positiv getesteten Kontaktpersonen zu tun hatte.
  • Oder die Epidemiologen schätzen die Ausbreitung mit Hilfe von validen Modellen, schreibt das Robert-Koch-Institut: "Sollte es in Deutschland zu einer großflächigen Verbreitung der Erkrankung in der Bevölkerung kommen, würde die Anzahl der COVID-19-Erkrankungen mit Arztbesuch mittels Modellierungen aus Daten der Arbeitsgemeinschaft Influenza geschätzt werden."

Egal wie die Zahlen in den kommenden Tagen verlaufen: Wir brauchen jetzt Geduld, nicht nur bis die Kurve fällt, sondern bis die Epidemie tatsächlich nach Einschätzung der Experten im Griff ist.

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