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Ermordung christlicher Armenier "Hart, aber nützlich!"

Vor 100 Jahren begann der Massenmord an christlichen Armeniern im Osmanischen Reich. Doch welche Rolle spielte das deutsche Kaiserreich?

Armenische Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich 1915 in Syrien

Armenische Flüchtlinge aus dem osmanischen Reich 1915 in Syrien

Von Reinhold Baumgarten in Istanbul

Im April 1915 begann die Verschleppung und Tötung christlicher Armenier im Osmanischen Reich. Je nach Schätzung wurden bis 1916 zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Menschen getötet. Papst Franziskus nennt es den "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts".

Die türkischen Regierung, die das Land in der Nachfolge des Osmanischen Reichs sieht, sagt, kein Gericht habe offiziell den "Völkermord" festgestellt, der Papst schüre Hass und Feindschaft. Doch was wusste und tat Deutschland? Sie - das Kaiserreich (1871 bis 1918) und das Osmanische Reich (von ca. 1299 bis 1929) - waren schließlich Verbündete und Waffenbrüder.

"Sie wussten es und schauten weg"

Plakat in türkischer, armenischer und englischer Sprache zur Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern 1915 (Taksim-Platz, Istanbul/Türkei, April 2010)

Plakat zur Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern 1915 (Taksim-Platz, Istanbul/Türkei, April 2010)

Aus der Korrespondenz deutscher Offiziere und Diplomaten mit dem Auswärtigen Amt in Berlin werde deutlich, dass die Deutschen über die Ereignisse im Bilde waren, stellt der Publizist Aydin Engin fest: "Man kann nicht sicher behaupten, die Deutschen hätten die Deportation geplant und umgesetzt. Aber sicher ist, dass sie es wussten, weggesehen und sich auf die Seite des Osmanischen Reiches geschlagen haben."

Der deutsche Einfluss war groß. Generalstabschef der türkischen Streitkräfte war General Friedrich Bronsart von Schellendorf. Operationschef des türkischen Heeres war Otto von Feldmann. Marineattaché Hans Human war eng mit Kriegsminister Enver Pascha befreundet.

So eng, sagt der Buchautor Jürgen Gottschlich, dass er ihn jederzeit überall aufsuchen konnte: "Human war durchdrungen davon, dass er gedacht hat, ein gemeinsames deutsch-türkisches Projekt ist die Grundlage für Deutschlands Platz an der Sonne. Wie die Briten und Franzosen. Die meisten haben gedacht: Kolonien."

Deutschland als Weltmacht

Human habe das Potential des Osmanischen Reiches besser als alle andern erkannt und es als Chance für Deutschland gesehen, Weltmacht zu werden. "Dafür hat er gelebt", so Gottschlich. "So machte er eine zynische Anmerkung zu einem Bericht eines deutschen Konsuls, der sich darüber aufgeregt hat, wie die Leichen den Tigris hinuntertrieben. Human schrieb an den Rand: Ja, ist hart, aber nützlich."

Der massenhafte Tod christlicher Armenier sei hart aber nützlich. Gottschlich hat diese handschriftliche Bemerkung auf einem Dokument im deutschen Militärarchiv in Freiburg gefunden. Dort hat der "taz"-Korrespondent der Türkei unzählige Briefe, Dokumente und Depechen deutscher Diplomaten und Militärs gesichtet, die vor 100 Jahren Dienst im Osmanischen Reich taten.

Vernichtung der armenischen Rasse

Lanzenreiter der osmanischen Kavalerie

Lanzenreiter der osmanischen Kavalerie

Die Deutschen am Bosporos waren voll im Bilde, so Gottschlich. Berlins Botschafter Hans Freiherr von Wangenheim erhielt Warnrufe, Protestnoten und Depechen aus vielen osmanischen Städten. Im April 1915 sei er vielleicht noch davon ausgegangen, dass es tatsächlich nur um die Umsiedlung gegangen sei.

"Nach zwei Monaten, war Wangenheim klar, was geschieht", sagt der Buchautor, "und hat schon im Juli 1915 ans Auswärtige Amt und auch an den Reichskanzler geschrieben: 'Man muss davon ausgehen, dass das was da jetzt passiert, auf die Vernichtung der armenischen Rasse abzielt'."

Deutschland, so folgert Gottschlich in seinem Buch "Beihilfe zum Völkermord" hatte das politische Gewicht und die wirtschaftlichen und militärischen Argumente gehabt, das Massensterben der Armenier zu stoppen. Die Reichsführung aber glaubte, größere Ziele verfolgen zu müssen. Der Mord an den Armeniern erschien nicht nur Hans Human als hart aber nützlich.

Online-Redaktion: Peter Mühlfeit und Christine Trück