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Duzen im Büro "Gegenüber dem Chef kaum eine Wahl"

Ikea macht es schon lange, die Otto Group seit März - und jetzt auch Lidl: Die Vorstände dürfen ganz offiziell von den Beschäftigten geduzt werden. Stärkt das den Zusammenhalt?

Carolin Lüdemann, Business-Coach, ist Mitglied des Deutschen Knigge-Rats. SWR-Moderator Bernhard Seiler hat mit ihr über die neuen Umgangsformen im Büro gesprochen.

SWR: Ist Duzen der richtige Weg?

Lüdemann: Es ist ein schwieriges Thema. Natürlich gibt es Unternehmen, in denen man sich schon immer duzt. Das sind insgesamt sehr junge Unternehmen und da wird es von den Mitarbeitern auch als ganz normal empfunden.

Dann gibt es wieder andere Unternehmen, die kamen jetzt erst kürzlich auf die Idee und diktieren das Duzen jetzt schon fast von oben ihren Mitarbeitern. Das fällt den Mitarbeitern oft sehr schwer. Ich persönlich wage zu bezweifeln, dass man das wirklich von oben vorgeben sollte.

Der bessere Weg wäre es natürlich, wenn es das Ergebnis eines gewollten Prozesses wäre. Wenn das als ganz normal empfunden würde, dass man sich untereinander das Du anbietet. Das hat dann auch den Charakter einer besonderen Auszeichnung.

Gespräch im Büro - Duzen

Positive Effekte durch das Duzen?

Sie meinen, dass man sich das erarbeiten sollte und nicht einfach quasi per Vertrag das Du einhergeht?

Wir können davon ausgehen, dass man sich positive Effekte erhofft. Aber ich glaube diese Effekte verzeichnen wir vor allem dann, wenn das Du natürlich angeboten wurde. Wenn zum Beispiel die Führungskraft sagt: Ich würde mich gerne mit meinen Mitarbeitern duzen, weil mir das ein Anliegen ist.

Es ist auch ein Zeichen von Wertschätzung, von Anerkennung. Wenn es von oben vorgegeben wird, dann ist es eine ganz andere Geschichte. Da hat es für die Mitarbeiter nicht den gleichen Stellenwert.

Bekannte und Kollegen zu duzen, das kostet den einen oder anderen etwas Überwindung. Aber richtig haarig kann es werden, wenn es um Hierarchien geht. Mitarbeiter duzt Chef und umgekehrt. Welche Fallen lauern da?

Was gar nicht so selten vorkommt ist, dass ein Chef vielleicht manchmal auch ganz unbewusst junge Mitarbeiter einfach duzt und die jungen Mitarbeiter wissen dann gar nicht so genau, was bedeutet das eigentlich. Heißt es jetzt, das ich ihn zurückduzen darf?

Wenn man jetzt den Knigge fragen würde, dann sagt der Knigge: Nein, nein, nein! Der Chef muss das Du ganz deutlich anbieten. Er muss sich mit Vornamen vorstellen und sagen, ich würde mich freuen, wenn wir uns duzen. Dann darf ich das natürlich auch gerne annehmen, dann ist die Sachlage klar.

Ausnahmen bestätigen allerdings die Regeln. Wenn einem das Du zum Beispiel bei einer Weihnachtsfeier angeboten wurde, sollte man den nächsten Arbeitstag abwarten, ob das tatsächlich Bestand haben soll.

Gespräch im Büro - Duzen

Das Du dem Chef abzulehnen, ist schwierig.

Noch komplizierter kann es werden, wenn noch jemand Externes dazukommt, zum Beispiel ein Kunde. Da wird es schon etwas kompliziert?

Ja, es stellt sich die Frage, ob es nicht besser wäre, wenn ich gegenüber dem Kunden so tun würde, als wären wir alle per Sie. Aber das geht meistens nicht lange gut. Irgendwann verfallen wir natürlich automatisch wieder in dieses Du. Dann ist es nur eine Frage der Zeit bis der Kunde das irgendwann mitbekommt und dann sieht es natürlich schnell so aus, als würde man ihm etwas vorspielen.

Daher ist es besser, von Anfang an konsequent zu sein. Zu sagen, wenn wir uns schon duzen, dann duzen wir uns eben auch vor dem Kunden, bevor da nachher ein falscher Eindruck entsteht.

Was kann ich denn eigentlich tun, wenn ich partout keine Lust aufs Duzen hab?

Ich sage immer in meinen Seminaren: Überlegen wir uns, wenn Sie dieses Du ablehnen, wird ihr Verhältnis dadurch besser, bleibt es gleich oder wird es schlechter? Ich vermute wir kennen alle die Antwort. Es ist eine Form der Zurückweisung und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass unser Verhältnis dadurch zumindest nicht positiv beflügelt wird.

Insofern glaube ich, dass man gegenüber dem Chef eigentlich kaum eine andere Wahl hat, als zuzustimmen.

Duzen in der Arbeitswelt, finden Sie das von der Tendenz eher gut oder eher schlecht?

Ich sage, jedem das Seine. Es gibt Bereiche, da ist es natürlich, dass man sich duzt. Zum Beispiel Werbeagenturen oder junge Unternehmen. Da wäre es gekünstelt, wenn sich junge Mitarbeiter untereinander plötzlich siezen. Aber es gibt Unternehmen, da ist es einfach schon immer so gewesen, dass man sich siezt. Dann sollte man es nicht übers Knie brechen und mit dem Du plötzlich eine ganz andere Unternehmenskultur einführen.

Online: Peter Mühlfeit und Christine Härrer