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Der Politikwissenschaftler Asiem El Difraoui sieht eine nach wie vor hohe Gefahr durch islamistische Terroristen in der ganzen Welt. Im Gespräch mit dem SWR fordert er, die Länder in Europa müssten im Kampf gegen Extremisten mehr "über den eigenen Tellerrand" hinaus schauen.

Dschihadismus als globales Problem

Der so genannte Islamische Staat in Syrien und dem Irak sei zwar besiegt, das habe an der Bedrohung durch Dschihadisten aber nichts geändert – im Gegenteil. Auch durch soziale Netzwerke sei die dschihadistische Ideologie so weit verbreitet wie nie zuvor, so El Difraoui. Deshalb müsse man sie als "globales und auch gesamt-innereuropäisches Problem betrachten".

Ein junger Österreicher mit vermutlich albanischen Wurzeln aus Nordmazedonien glorifiziert die Anschläge von Paris in den sozialen Medien und begeht dann kurz danach selbst seine grausame Tat.

Asiem El Difraoui, Politikwissenschaftler und Experte für islamistische Internet-Propaganda

Jeder schaut nur bei sich

Auch wenn sich in der Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden länderübergreifend schon viel getan habe, fehlt aus El Difraouis Sicht eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen die Ideologie und in der Prävention. Auf diesen Ebenen seien "die inter-europäischen Kontakte noch zu gering". In den einzelnen Ländern würden nur bestimmte Risikogruppen ins Visier genommen: "Das heißt, die Franzosen schauen auf fragile Einwandererkinder aus den Maghreb-Staaten, die Österreicher schauen eher auf den Balkan, weil durch die Kriege dort ein Radikalisierungspotential herrscht. Aber wir haben keinen Gesamtüberblick."

International giftiges Klima

Neben den Lebensumständen des Einzelnen sieht El Difraoui auch die internationale Politik als Brandbeschleuniger für islamistischen Terrorismus: "Erdogans Angriffe auf den französischen Präsidenten Macron, die ständigen Anschuldigungen der Islamfeindlichkeit gegen Frankreich (…) haben in ganz Europa ein Klima geschaffen, wo sich junge, extremistische Islamisten ermutigt fühlen, ihre grausamen Taten zu begehen." Deshalb müsse man gemeinsame europäische Solidarität zeigen und dagegen vorgehen.

Europaweite Bemühungen zur Prävention

Um zu verhindern, dass sich junge Menschen radikalisieren wünscht sich El Difraoui ein europaweites Forum, in dem alle Akteure, die aktiv werden könnten, zusammenkommen, "dass solche Problematiken im europäischen Rahmen mal größer diskutiert werden (…), wo sich von Lehrern über Sozialarbeiter bis zu Internetkonzernen mal alle darüber austauschen, wie man da weiter vorgeht."

Konkret geht es dem Politikwissenschaftler auch darum, gesellschaftlich einzugreifen, bevor die Radikalisierung entsteht: "Es sind oftmals fragile, sich in der Gesellschaft nicht wohl fühlende oder schwer integrierbare Menschen, die solche grausamen Akte begehen. Wie begleiten wir die? Darin besteht die große Aufgabe, denn eine totale Überwachung ist nahezu unmöglich."

Ähnlich sollte man auch mit den Menschen umgehen, die als islamistische Kämpfer aus dem Irak oder Syrien zurückgekommen sind und jetzt noch in Haft sitzen. Denn "die werden irgendwann aus den Gefängnissen entlassen, und was dann? Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe der nächsten Jahrzehnte", so El Difraoui.

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