Porträt von Josef Karcher (Foto: SWR)

Trumps Netzwerk. Ein Kommentar

Nichts als die Wahrheit

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Josef Karcher

Der frühere US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, ein eigenes Online-Netzwerk zu gründen. Er will damit die Blockade von Facebook und Twitter umgehen. Dahinter steckt nicht nur verletzte Eitelkeit, meint Josef Karcher.

Donald Trump nennt sein Projekt "Truth social". Allein das sagt schon alles. Im Namen der Wahrheit, das lässt ja alles begründen, auch die Umwertung der Werte.

Der frühere US-Präsident Donald Trump will ein alternatives soziales Netzwerk gründen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Dernbach)
Der frühere US-Präsident Donald Trump will ein alternatives soziales Netzwerk gründen picture alliance/dpa | Christoph Dernbach

Mir fällt sofort George Orwells düsterer Zukunftsroman "1984" ein. Darin wird ein Überwachungsstaat beschrieben, in dem ein "Ministerium für Wahrheit" die Regeln festlegt. Wenn eins plus eins gleich drei ist, dann ist das so. Es muss geglaubt werden. Dass dieser Roman Wirklichkeit werden kann, das zeigt die Geschichte. Wie hieß noch mal die Parteizeitung der sowjetischen Kommunisten? Richtig: "Prawda". Auf deutsch: Wahrheit. Selbst dann – oder erst recht, wenn es sich um Propaganda handelte. "Die (einzige) Wahrheit" gibt es sowieso nicht. Wer also vorgibt, sie ganz allein zu verkünden, dem sollten wir misstrauen.

Was mit Trumps digitalem Tatendrang allerdings ebenso deutlich wird: Wir stecken mitten in einem Meinungskampf, der so gut wie keine Spielregeln kennt. Und es wird offenkundig: Die großen so genannten sozialen Netzwerke verfügen über eine unkontrollierte Macht, Transparenz Fehlanzeige. Verkörpert jemand wie Mark Zuckerberg nicht den Big Brother Orwellscher Prägung? Wenn Trump jetzt ein Facebook-Gegenmodell entwickelt, dann kann man dies in gewisser Weise sogar verstehen. Wir werden sehen, ob der "Lieblingspräsident" mit seinem Narzissmus durch Klickzahlen eigenes Geld verdienen kann. Vielleicht ist genau das, was ihn antreibt.

Halten wir’s schließlich noch einmal mit George Orwell: "In Zeiten der allgemeinen Täuschung wird das Aussprechen der Wahrheit zur revolutionären Tat." So müssen wir Wahrheit verstehen. 

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