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Ein neuer Dokumentarfilm erzählt Aufstieg und Fall der Bhagwan-Bewegung in Deutschland. Für die Frauen und Männer, die Bhagwan-Diskotheken in Stuttgart oder Wiesbaden betrieben, war es die schönste Zeit ihres Lebens.

Ich gestehe: Ich bin Tänzer und als Vorstadtkind zog es mich Anfang der 80er-Jahre nach Stuttgart in eine damals neue Diskothek. Sie war anders als alle davor. Kein schummriges Licht, sondern alle konnten alle sehen. Freundliches Personal in roten oder orangenen Klamotten. Keine Türsteher, nur Türsteherinnen. Wer eine Frau anmachte, flog raus. Punkt Mitternacht lief ein Strauß-Walzer (ich überlegte vorher lange, welches Mädchen ich auffordern wollte). Das geschah unter den Augen eines indischen Philosophie-Professors, dessen Foto prominent an einer Wand hing. Dieser Mann nannte sich Bhagwan, „Der Gesegnete“. Auch Rheinland-Pfälzer konnten eine „Bhagwan-Disko“ besuchen, im benachbarten Wiesbaden.

Der indische Guru Bhagwan empfängt Anhänger. Ein Foto aus dem neuen Dokumentarfilm „Bhagwan. Die Deutschen und der Guru“ (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/WDR | Moritz Boerner)
Der indische Guru Bhagwan empfängt Anhänger. Ein Foto aus dem neuen Dokumentarfilm „Bhagwan. Die Deutschen und der Guru“ picture alliance/dpa/WDR | Moritz Boerner

52 Rolls Royce für jede Woche des Jahres

Aufstieg und Fall der Bhagwan-Bewegung in Deutschland erzählt ein Dokumentarfilm, der seit Dienstag in der ARD Mediathek abrufbar ist. Ehemalige Anhänger von Bhagwans geistiger Lehre, sogenannte Sannyasins, erzählen von der Faszination, die von dem Mann und seiner Botschaft ausging. Bhagwan beschwor die Kraft der Selbsterfahrung. „Lass alle Gefühle heraus, die in Dir stecken. Schau immer tiefer in Dich hinein, bis Du Dein Zentrum gefunden hast.“ Bhagwan lehrte zunächst in Indien, später in den USA. Er pflegte einen bizarren Personenkult, besaß 52 Rolls-Royce, für jede Woche des Jahres einen, und rief zur freien Liebe auf – auch für sein persönliches Seelenheil.

Mit jeder Viertelstunde des Dokumentarfilms geht die Schere zwischen den Erinnerungen ehemaliger Sannyasins und der tatsächlichen Entwicklung von Bhagwans Privatstaat weiter auf. Eine Dramaturgie, die irritiert und fesselt. Die Heilpraktikerin oder der Steuerberater von heute erinnern die Bhagwan-Phase als die schönste ihres Lebens. Gemeinschaftlich wohnen, lieben, das Göttliche finden! Zur selben Zeit machte Bhagwans engste Vertraute Sheela das 5000 Menschen zählende Camp in den USA zu einem bewaffneten Lager. Sie ließ das Wasser von streitbaren Nachbarn vergiften. Bhagwan und Sheela mussten später für ihre Verbrechen ins Gefängnis.

Noch heute gibt es in Deutschland Bhagwan-Restaurants und auch Sannyasins. Das versteht, wer „Bhagwan. Die Deutschen und der Guru“ gesehen hat.

Gespräch „Bhagwan – Die Deutschen und der Guru“ – ARD-Doku über den Osho-Kult

„In der Nachkriegszeit gab es eine Jugend, die auf der Suche war, die Schuld der Nazi-Zeit abzustreifen“, sagt der Filmemacher Jobst Knigge über die deutschen Anhänger*innen der Baghwan-Bewegung. Vielen hätten die politischen Versuche der 68er-Bewegung, sich mit der Nazi-Geschichte auseinander zu setzten, nicht ausgereicht. Sie hätten den Drang gespürt, „in sich selbst eine bessere Welt zu finden.“  mehr...

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