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Porträt Andrea Nahles (SPD) Schulz' Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit

von Janek Rauhe

Andrea Nahles kann zu einer zentralen Figur im Wahlkampf von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz werden. Der will mit mehr sozialer Gerechtigkeit punkten - die amtierende Bundesarbeitsministerin aus Rheinland-Pfalz hilft ihm dabei.


Ihren Landesverband führt die 46-Jährige jetzt als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf. Dass Nahles schon im Angriffsmodus ist, zeigte sie bereits Ende 2016 auf einem Landesparteitag der bayerischen SPD. Merkel sei angezählt, sagte sie damals. "Ich rieche ihre Schwäche."

Mit der Reform von Hartz IV ist Schulz schon vorgeprescht. Das Arbeitslosengeld I soll länger gezahlt werden. An dem Konzept hat die bestens vernetzte Nahles mitgearbeitet. Zudem setzt sie sich für einen "Pakt für anständige Löhne" ein – etwa mit einer Solidarrente für Geringverdiener. "Der Mindestlohn ist kein guter Lohn", sagt sie bei einer Wahlkampftour im Kreis Ahrweiler. Konzepte, die in der Großen Koalition wohl nicht mehr umgesetzt werden, Schulz aber als Wahlkampfmunition dienen.

Zuständig für sozialdemokratische Herzensanliegen

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Andrea Nahles und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

Bis zur Wahl ist Nahles weiter fleißig. Die streitbare 46-Jährige ist in der Großen Koalition für die sozialdemokratischen Herzensanliegen zuständig: Mit dem Mindestlohn, der Rente mit 63 und dem Ost-West-Rentenangleich hat sie wichtige SPD-Ziele in der Großen Koalition durchgebracht. Mit viel Fleiß und Durchhaltevermögen, denn die Union hat um jedes Zugeständnis gerungen. So wie zuletzt beim Angleich der Renten zwischen Ost und West. Begeistert klang die Ministerin nach der Einigung mit dem Koalitionspartner zwar nicht, aber zufrieden: "Ich finde, das ist ein guter Kompromiss."

Deshalb zieht die Ministerin eine positive Bilanz ihrer eigenen Arbeit: "Ich habe so viel gemacht, wie ich konnte im Rahmen dieser Regierungsmehrheit." Freilich hat sich ihr Fleiß für die SPD zumindest in den Umfragen nicht immer ausgezahlt.

Bodenständige Sozialpolitikerin

Nahles ist wichtig für das Image der Partei. Die bodenständige Rheinland-Pfälzerin verkörpert das soziale Gewissen der SPD. Geboren in der Eifel als Tochter eines Maurermeisters und einer Finanzangestellten verbindet sie die Geschichte ihrer Familie mit ihrem Image als Sozialpolitikerin: Sie kenne die Nöte der einfachen Leute. Etwa, wenn sie von ihrem Vater erzählt, der "45 Jahre am Bau" gearbeitet habe und mit "kaputten Rücken" heim kam.

Beruflich wollte Nahles aber immer mehr erreichen: "Hausfrau oder Bundeskanzlerin" lautete ihr eigener Wahlspruch in der Abiturzeitung von 1989. Nach dem Abitur studierte sie Politik, Philosophie und Germanistik an der Bonner Universität, begann danach eine Promotion über den Schriftsteller Walter Scott und den historischen Roman. Da war die Politik schon längst der bestimmende Einfluss in ihrem Leben. Nahles trat 1988 in die SPD ein und gründete nur ein Jahr später den SPD-Ortsverband ihres Heimatdorfes Weiler. 1993 wurde sie Vorsitzende der Jusos in Rheinland-Pfalz, 1995 deren Bundesvorsitzende.

Eine der schärfsten Kritikerinnen der Agenda 2010

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles stellt das Gesamtkonzept zur Alterssicherung der Bundesregierung vor

Als Bundesarbeitsministerin hat Nahles einige Herzens Projekte der SPD umgesetzt

Unideologisch war sie damals, eine Pragmatikerin in einer Zeit, als die Jusos ideologische Flügelkämpfe austrugen. Oskar Lafontaine, damals SPD-Chef, nannte sie gar "ein Gottesgeschenk" an die Partei. 1998 zog Nahles das erste Mal in den Bundestag ein, doch vier Jahre später fuhr die SPD in Rheinland-Pfalz ein so schlechtes Ergebnis bei der Bundestagswahl 2002 ein, dass Nahles' Listenplatz für einen Wiedereinzug nicht ausreichte.

Ein Jahr lang arbeitete sie im Hauptstadtbüro der IG Metall, blieb in der SPD aber als Sprecherin des linken Flügels präsent und wurde eine der schärfsten Kritikerinnen der Agenda 2010. Bei der Wahl 2005 kehrte sie als Abgeordnete in den Bundestag zurück.

Müntefering stürzt über Nahles

Nur wenig später kam es zum Eklat. Bei der Wahl zum Generalsekretär setzte sie sich gegen den Favoriten des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering durch. Damit wurde sie für viele in ihrer Partei zur "Königsmörderin". Müntefering trat zurück, Nahles verzichtete zunächst auf alle höheren Ämter in ihrer Partei.

Vier Jahre später war sie zurück: Im Bundestag machte sie sich als Expertin für Arbeit und Soziales einen Namen, in der SPD wurde sie 2007 für zwei Jahre Bundesvize. Im November 2009 wählten sie die SPD-Delegierten dann zur neuen Generalsekretärin.

Nahles zentrale Aufgabe: den Bundestagswahlkampf 2013 organisieren. Die SPD verlor die Wahl zwar, es reichte aber für eine Große Koalition. Die Generalsekretärin gab ihren Posten ab, um als Bundesarbeitsministerin Platz an Merkels Kabinettstisch zu nehmen.

Ob sie bald an einem Kabinettstisch mit Kanzler Schulz sitzen könnte, wird sich im September zeigen. Auch, ob der SPD-Kanzlerkandidat auf Nahles' Vorarbeit in der Fragen um mehr sozialen Gerechtigkeit im Wahlkampf aufbauen kann.

Andrea Maria Nahles wurde am 20. Juni 1970 in Mendig in der Eifel geboren. Sie hat eine Tochter.

Die Wahl in Rheinland-Pfalz