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Porträt Winfried Kretschmann (Grüne) Die Lebensversicherung der Grünen

Er ist Landesvater mit enormer Beliebtheit bis weit ins gegnerische bürgerliche Lager: Winfried Kretschmann ist Realpolitiker und entscheidet auch mal gegen die offizielle Parteilinie.

Persönliches

1948 in Spaichingen geboren, verheiratet, drei Kinder, katholisch, lebt in Sigmaringen

Werdegang
1970 bis 1975 Lehramtstudium Biologie, Chemie (Gymnasium) an der Universität Hohenheim, 2. Staatsexamen 1977
bis 1995 Gymnasialleher in Stuttgart, Esslingen, Mengen und Bad Schussenried
Parteikarriere
1979 Gründungsmitglied der Grünen
1980 Mitglied der ersten grünen Fraktion im baden-württembergischen Landtag
1986 Grundsatzreferent im hessischen Umweltministerium (unter Joschka Fischer)
1988 Rückkehr in den Landtag Baden-Württemberg
2002 - 2011 Fraktionsvorsitzenden der Grünen
seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg


Viele Jahre Landtagsabgeordneter, jetzt Landesvater

Kretschmann ist ein Urgestein der Landespolitik. Schon 1980 zog er mit den Grünen in den Landtag ein. Niemand hätte damals erwartet, dass er eines Tages Ministerpräsident von Baden-Württemberg würde. Das ist er nun seit 2011. Kretschmann sei ein echter Landesvater, sagen viele. Dadurch ist auch seine enorme Beliebtheit bis hinein ins gegnerische Lager zu erklären. Er erreicht damit Spitzenwerte unter den deutschen Ministerpräsidenten, für einen Grünen eigentlich undenkbar. Sein Geheimnis ist die Mischung aus gelebter Bürgerlichkeit, immer wieder aufblitzendem Humor und großer Nachdenklichkeit.

Nicht stromlinienförmig, sondern ein Mann mit eigenem Kopf

Als junger Mann sympathisierte Kretschmann mit dem ganz linken Rand. Und er gab sich alles andere als bürgerlich: Als Student wurde er Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Das führte dazu, dass der Gymnasiallehrer für Chemie, Biologie und Ethik zunächst unter den Radikalenerlass fiel. Doch er schwor dem Linksradikalismus ab und ist heute sogar Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken. Kretschmann ist sehr gläubig, sang im Kirchenchor, ist aber auch nach wie vor Mitglied im Schützenverein. Kretschmann passt eben in keine Schublade und trifft auch mal Entscheidungen, die nicht der offiziellen Parteilinie der Grünen entsprechen.

Wertkonservativ und modern

Erst jüngst ist er Opa geworden. Nicht ohne Stolz hat Kretschmann das vor der Landespresse verkündet und damit gezeigt, wie wichtig ihm Werte wie Familie und Beständigkeit sind. Vor nunmehr 40 Jahren hat er die Grundschullehrerin Gerlinde geheiratet. Und mit ihr hat er drei Kinder. Kretschmann ist ein bodenständiger Wertkonservativer, der sich aber in den fünf Jahren seiner Amtszeit als Ministerpräsident durchaus auch als Modernisierer gezeigt hat. So wurde in Baden-Württemberg mit der Gemeinschaftsschule eine neue Schulform eingeführt. Aber deswegen das Gymnasium abschaffen? Das will er nicht. Diesbezügliche Forderungen der "Grünen Jugend" hat er rundweg abgelehnt. "Wer die Axt ans Gymnasium legt, überlebt das politisch nicht", ist seine Überzeugung.

Vom Kapitalismuskritiker zum Wirtschaftsversteher

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit machte Kretschmann in einem Interview einen Kardinalfehler: Er formulierte, dass er "lieber weniger Autos als mehr" haben wolle. Damit stellte sich nicht vorbehaltlos auf die Seite der hierzuland sehr wichtigen Autoindustrie. Aber nach anfänglichem Fremdeln haben die Autobosse in ihm einen verlässlichen Partner gewonnen. Erst im vergangenen Herbst sah man ihn strahlend im Führerhaus eines autonom fahrenden Lkws - eine kostenlose Werbung für die Marke mit dem Stern.

Autor: Rainer Kamm