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Dichtung und Wahrheit Arbeitslosenzahlen versteckt?

Die Zahl der Arbeitslosen sinkt ständig - zuletzt auf 2,9 Millionen. Viele Menschen tauchen in der offiziellen Statistik aber gar nicht auf. Unsere interaktive Grafik zeigt, wer alles ohne Job ist, aber trotzdem nicht offiziell arbeitslos.

Es gibt Streit um die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit - wird da geschummelt?

Es gibt Streit um die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit - wird da geschummelt?

Mathias Zahn, SWR Hauptstadtstudio Berlin; Jan Seipel, SWR Dokumentationsredakteur

Von Rekord zu Rekord - die Arbeitslosenstatistik kommt glänzend daher: "Nur" 2,9 Millionen Arbeitslose im März. Das feiert Arbeitsministerin Andrea Nahles doch sehr gerne. Die Opposition kritisiert: Diese Zahl entspreche nicht der Wirklichkeit, sondern liege viel höher. Die Regierenden drehen auf jeden Fall gerne an der Statistik: Wissenschaftler haben zusammengezählt: In den letzten 20 Jahren wurde die Berechnung der Arbeitslosen 17 Mal geändert. Bis auf eine Ausnahme haben alle Änderungen dazu beigetragen, die Zahlen zu verringern.

Kritik von Grünen und Linken: Geschönte Statistik

Linke und Grüne rechnen vor: Im März waren 3,7 Millionen Menschen arbeitslos. 800 000 mehr als offiziell verkündet. Die Arbeitsmarktexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, wirft der Regierung vor, die Statistik zu schönen: "Da werden zum Beispiel Menschen raus gerechnet, die 58 sind und zwölf Monate lang kein Angebot hatten - die werden einfach mal aus der Statistik rausgeschmissen. Diejenigen, die in Qualifizierungs-Maßnahmen sind, werden nicht dazu gerechnet und natürlich auch diejenigen die kurzzeit-krank sind. Also es ist unanständig, wenn man die falschen Zahlen verkündet, wenn wir eigentlich eine andere Arbeitslosigkeit haben."

Auch Brigitte Pothmer von den Grünen ärgert sich. Sie sagt, gerade die Zahl der Langzeitarbeitslosen werde durch die offizielle Statistik verzerrt wiedergegeben. In Wahrheit seien viel mehr Menschen langzeitarbeitslos, so Pothmer: "Und ich finde das deswegen so problematisch, weil natürlich Zahlen auch das Ausmaß des Problems offenlegen und damit Problemdruck erzeugen. Und ich werfe der Bundesregierung vor, dass sie mit dieser Art der Statistik das Problem systematisch klein redet."

Das Bundesarbeitsministerium dementiert

Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Andrea Nahles, SPD, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Die verdeckte Arbeitslosigkeit taucht in der Statistik zwar auf - aber in einer eigenen Rubrik, der sogenannten "Unterbeschäftigung". Das Bundesarbeitsministerium sagt deshalb, es werde nichts verschwiegen. Alle relevanten Zahlen würden von der Bundesagentur für Arbeit Monat für Monat ausgewiesen. In einer Stellungnahme des Ministeriums per Mail heißt es: Die Vorwürfe der Opposition seien weder neu noch originell.

"Die Vorhaltungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt, dadurch aber nicht stichhaltiger. Die Vorwürfe verkennen konsequent geltendes Recht bezüglich der Frage, wer bei uns als arbeitslos gilt. Ebenso wird die Tatsache, dass selbstverständlich neben der Arbeitslosigkeit im strengen, engeren Sinne auch die Unterbeschäftigung minutiös Monat für Monat durch die Bundesagentur für Arbeit ausgewiesen wird, zwar gerne genutzt, dann aber in einen Manipulationsvorwurf umgemünzt. Von fehlender Transparenz kann keine Rede sein."

Die Arbeitslosen-Statistik ist kein Naturgesetz

Brigitte Pothmer von den Grünen kontert: Das Ministerium berufe sich auf das geltende Recht, das es selbst geschaffen hat. "Das ist kein Naturgesetz, dass die Statistik so ist, wie sie ist, sondern die ist politisch so gewollt und die könnte man politisch jederzeit verändern. Das ist eine Entscheidung der Bundesregierung und eine Statistik, die seit langem falsch geführt wird, wird nicht dadurch besser, dass sie seit langem falsch geführt wird".

Wie die Behörden wirklich rechnen

 ARCHIV - Eine Frau auf dem Weg zur Agentur für Arbeit.

Am Arbeitsmarkt läuft es immer besser, aber eine Million Arbeitslose fehlen in der Statistik

Bei der Definition von Arbeitslosigkeit orientieren sich die Statistiker der Bundesagentur für Arbeit (BA) am Sozialgesetzbuch. Dort sind die Voraussetzungen genannt, um als arbeitslos zu gelten. Die Wichtigsten: Wer keinen Job hat, muss sich erstens bei einem Jobcenter offiziell arbeitslos gemeldet haben und zweitens dem Arbeitsmarkt prinzipiell zur Verfügung stehen. Gerade aufgrund des letzten Punkts fallen aber viele Menschen aus der Arbeitslosenstatistik heraus.

Dazu gehören zum Beispiel Arbeitslose, die sich über das Jobcenter weiterbilden, sich in Bewerbungstrainings oder Praktika befinden oder einen der berühmten "1-Euro-Jobs" haben. Die Infografik zeigt, welche Gruppen in den offiziellen Zahlen nicht auftauchen (auf "mehr" oder "weniger" klicken).

Fast eine Million mehr Menschen ohne Arbeit

Tatsächlich wird bei der BA neben der Arbeitslosen- auch eine sogenannte Unterbeschäftigten-Statistik geführt. Sie wird ebenfalls in den Monatsberichten veröffentlicht und enthält - mit Ausnahme der "Stillen Reserve" - neben den tatsächlichen Arbeitslosen auch die oben genannten Gruppen. Damit wächst die Zahl der Menschen ohne (reguläre) Arbeit auf über 3,7 Millionen. Ein Unterschied von fast einer Million. In der Berichterstattung über aktuelle Arbeitsmarktdaten spielt die Unterbeschäftigung dennoch kaum eine Rolle.

Methodische Hinweise: Da die Arbeitslosenzahlen saisonal stark schwanken, haben wir uns zum Zweck der Vergleichbarkeit pro Jahr auf den Monat März beschränkt. Personengruppen, die nicht zur "Unterbeschäftigung im engeren Sinne" zählen (Gründungszuschuss, Kurzarbeit), wurden nicht berücksichtigt. Die in den Monatsberichten getrennt aufgeführten verschiedenen vorruhestandsähnlichen Regelungen wurden zusammengerechnet, ebenfalls die Punkte "Aktivierung und berufliche Eingliederung" und "Eignungsfeststellungs- und Trainingsmaßnahmen". Bei der "Stillen Reserve" handelt es sich nicht um Zahlen zum Monat März, sondern um Jahresschätzungen, bzw. um die Prognose für 2015.

Online: Heidi Keller