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Depression und Suizidgefahr Rückfall relativ wahrscheinlich

Ein Mann wird wegen Suizidgefahr behandelt, und wird später Berufspilot. So soll es bei Co-Pilot Andreas L. gewesen sein. Eine Depression kann einmalig sein, aber es gibt ein Rückfallrisiko.

Der 27-jährige Co-Pilot ließ den Airbus am 24. März möglicherweise absichtlich in den französischen Alpen zerschellen. Laut Staatsanwaltschaft Düsseldorf war er wegen Suizidgedanken vor seiner Pilotenausbildung in psychotherapeutischer Behandlung. Kriminalpsychologin Lydia Benecke versucht im Interview, die Lage von Menschen mit Depression, die eventuell sogar suizidgefährdet sind, zu verdeutlichen.

Wenn jemand vor Jahren schwere Depressionen hatte und daran gedacht hat, sich selbst zu töten, kann das überhaupt irgendwas über seinen Zustand im Jahr 2015 aussagen?

Es gibt zwar viele Fälle, wo Menschen eine einmalige depressive Episode erleiden und dann nie wieder erkranken. Aber es gibt das Risiko innerhalb von fünf Jahren statistisch gesehen. In etwa der Hälfte der Fälle der Menschen, die Depressionen haben, dass die in diesen fünf Jahren noch mal einen Rückfall bekommen.

Es gibt immer wieder Fälle, dass sich jemand nicht nur sich selbst tötet, sondern andere mit in den Tod nimmt. Was bringt einen Menschen dazu?

Lydia Benecke bei der Aufzeichnung der ZDF Talkshow Markus Lanz in den Fernsehmacherstudios in Hamburg. Hamburg, 17.02.2015

Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin

In den meisten dieser Fälle geht es um Eltern oder Partner, die glauben, dass ihre Kinder oder ihr Partner ohne sie nicht leben könnten. In diesen Fällen ist es also fast wahnhaft, dass sie zum Beispiel durch eine Depression glauben: Meine Kinder werden in dieser Welt genau so leiden wie ich, also töte ich sie. Das ist der häufigste Fall in erweiterten Suiziden. Fremde zu töten ist der seltenste Fall.

Warum tötet jemand Fremde - in den wenigen Fällen, die es gibt?

Es kann so eine Art Hilfeschrei nach außen, sozusagen verspätet, sein. Dass er sagt, irgendjemand, die Welt, die Gesellschaft oder wer auch immer, war für mein Leid verantwortlich. Ich hatte keinen Ausweg mehr und ich will sozusagen ein Statement setzen, um zu sagen, ich wurde dahin getrieben, nicht mehr leben zu wollen oder nicht mehr leben zu können. Und das kann dann ein aggressiver Akt sein, in dem auch gesagt wird: Ich zahle jetzt der Welt, der Menschheit oder wem auch immer etwas zurück, was mir widerfahren ist. Das ist natürlich vollkommen subjektiv. Aber dieser Mensch empfindet das zum Beispiel durch die Verzerrung seiner depressiven Erkrankung.

Es wird jetzt gerade viel diskutiert, ob die ärztliche Schweigepflicht in so einem Fall gelten soll. Wenn jemand das Leben von vielen Menschen in seiner Hand hat. Wie ist Ihre Meinung?

Wenn es Hinweise auf eine konkrete Selbst- oder Fremdgefährdung gibt, bei suizidalen Menschen, dann muss natürlich der Behandler etwas tun. Wie gesagt, in den meisten Fällen handelt es sich eher um eine Selbstgefährdung. Das heißt, es würde dann erwogen werden, dem Patienten anzuraten, sich freiwillig in eine Klinik einzuweisen. Und wenn das nicht erfolgt bei akuter Suizidalität, kann auch eine Zwangseinweisung erfolgen. In den eher seltenen Fällen, wo auch Fremdgefährdung vorliegt, könnte dann tatsächlich auch die Schweigepflicht überwunden werden. Wenn also jemand wirklich sagt, ich habe akut den Plan, innerhalb meines Berufs oder außerhalb andere Menschen zu töten und das ist akut glaubhaft, dann hört die Schweigepflicht auf. Aber diese Fälle sind super selten.

Was raten sie Menschen, die selbst Suizidgedanken haben?

Auf jeden Fall nicht versuchen, alleine damit umzugehen. Sondern sich möglichst früh Hilfe zu holen. Denn umso früher eine gezielte Behandlung psychotherapeutisch und auch ergänzend medizinisch erfolgt, um so besser lässt sich so eine Episode behandeln. Die Idee, ich muss jetzt stark sein und alleine klar kommen, ist auf jeden Fall falsch. Und um so akuter es wird und um so eher Suizidgedanken da auch eine Rolle spielen, um so wichtiger ist es auch, sich Hilfe zu holen.

Als Suizidalität bezeichnen Experten den psychischen Zustand eines Menschen, bei dem die Gedanken und das Verhalten darauf ausgerichtet sind, sich selbst zu töten. Betroffen sind oft Menschen in Krisensituationen - etwa bei Trennungen oder Arbeitslosigkeit. Die meisten Menschen können mit solchen Schicksalsschlägen klarkommen. Häufig ist Suizidalität Experten zufolge mit einer psychischen Erkrankung wie einer Depression verbunden. In Deutschland starben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2013 mehr als 10.000 Menschen durch Suizid - größtenteils Männer.


Das Interview führte Stefan Eich, Onlinefassung: Biggi Hoffmann / Christine Trück