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Mediziner und Politiker mahnen zur Vorsicht. Friseure und Kaufhäuser wünschen sich dringend unseren Besuch – und wir auch. Dieses Dilemma macht gaga, meint Martin Rupps.

Seit zwei Monaten mahnen mich Mediziner und Politiker zur Vorsicht. Sie verordnen mir ein Leben im Ausnahmezustand. Schrittweise erhalte ich kleine Freiheiten zurück. Aber es macht keinen Spaß im Friseursalon oder Kaufhaus, wenn es dort zugeht wie im Labor. Und selbst wenn ich etwas Schönes zum Anziehen finde, kaufe ich es mit schlechtem Gewissen. Ich könnte mir ja das Virus fangen.

21.04.2020, Chile, Santiago: Ein Friseur mit Mundschutz schneidet einem Kunden die Haare.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Mund-Nasen-Schutz für Beschäftigte und Kundschaft sind beim Friseur Pflicht. Picture Alliance

Es ist dieses Entweder-Oder, die Wahl zwischen blind und taub, die das Leben seit Mitte März so anstrengend macht. Es gibt nicht ein bisschen zuhause bleiben oder ein bisschen Zoobesuch. Mal bin ich nur halb vorsichtig, mal nur halb unter Leuten.

Kein Urlaub vom Entscheiden

Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich. Auch mit dem Gefühl, dass es kein Entrinnen gibt aus diesem Dilemma. Kein Reisebüro verkauft mir einen Urlaub von dieser misslichen Entscheidungssituation. Sie nervt. Sie macht gaga.

Bei den Demonstrationen am Wochenende waren zum Teil merkwürdige Leute auf der Straße. Sie sind gaga wie ich. Aber mutiger. Auch dass jetzt Menschen mit Vernunft und Verstand auf Verschwörungstheorien anspringen, kann ich verstehen. Der Mensch will jede noch so absurde Situation begreifen.

Ich finde es ungeschickt bis ignorant, wenn Politiker notorisch auf Anstachler bei diesen Demonstrationen – Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker – verweisen. Diese Demos sind für mich vor allem ein Ausdruck dafür, dass es gerade sehr vielen Menschen nicht gut geht. Ich war auf keiner dieser Demos, aber ich zähle mich dazu.

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