Die Hospitalisierungsrate ist als tagesaktueller Indikator ungeeignet und kann die Überforderung des Gesundheitswesens nicht frühzeitig erkennen (Foto: IMAGO, Westend61)

Die Corona-Schutzmaßnahme, die nicht Schützt

Hospitalisierungsrate verbindlich, aber problematisch

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Johannes Schmid-Johannsen
Johannes Schmid-Johannsen (Foto: SWR)
Ulrich Lang
Ulrich Lang (Foto: SWR)
Nico Heiliger
Nico Heiliger (Foto: SWR)

Die Hospitalisierungsrate ist als tagesaktueller Indikator ungeeignet. Die Lage wird massiv unterschätzt. Das liegt am Meldeverzug und an der Berechnungsmethode. Ein Überblick.

Wie kommt die Hospitalisierungsrate zustande?

Jeder Patient, der wegen COVID-19 ins Krankenhaus kommt, oder dort positiv auf das Coronavirus getestet wird, ist meldepflichtig. Der behandelnde Arzt füllt dafür ein Formular aus, auf dem zahlreiche Angaben gemacht werden. Und diese Meldung muss dann innerhalb von 24 Stunden nach der Aufnahme in der Klinik beim Gesundheitsamt vorgelegt werden.

Aus diesen Meldungen wird dann eine Summe gebildet, über die letzten 7 Tage. Und ähnlich wie bei der Infektionsinzidenz, wird sie dann ins Verhältnis zur Bevölkerung gesetzt. Raus kommt damit:  

Von 100.000 Einwohner:innen in Deutschland sind um die 5, also rechnerisch 5,28 in dieser Woche positiv getestet und ins Krankenhaus eingewiesen worden. 

Warum ist der täglich veröffentlichte Wert dafür nicht geeignet?

Es klingt sinnvoll, die Entwicklung der schweren Erkrankungen zu beobachten, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu erkennen. Und der Wert wird auch tagesaktuell berechnet und veröffentlicht. Das suggeriert, dass es tatsächlich aktuelle Daten sind, die die aktuelle Lage in den Krankenhäusern gut beschreiben. Das ist leider nicht der Fall. Der Wert ist viel niedriger, als er sein müsste. Wissenschaftler schätzen ihn derzeit auf 10-12 für Deutschland. Die veröffentlichte Zahl liegt bei 5. Das heißt, der Wert unterschätzt systematisch die Lage. Aktuell um mehr als die Hälfte. Das liegt daran, dass wir einen erheblichen Meldeverzug haben. Mit der Folge: die Meldungen liegen gar nicht tagesaktuell vor.

Wie kommt es zu diesem Meldeverzug?

Zum einen kann man sich gut vorstellen, dass auf einer COVID-Station gerade wenig Zeit bleibt für Ärzte, sich um Papierkram zu kümmern. Da entsteht schon ein praktischer Verzug. Und auch die Gesundheitsämter sind mittlerweile am Anschlag. Bis zur Verarbeitung der Meldung dürfte also auch ein Zeitverzug liegen. 

Gleichzeitig produziert auch der Workflow eine Verzögerung: Die Klinik muss ein Papierformular per Fax an das zuständige Gesundheitsamt schicken. Dieses Fax muss ein Sachbearbeiter im Gesundheitsamt bearbeiten und in der Datenbank suchen, ob dieser Patient, diese Patientin schon als Infektionsfall angelegt ist. Beides, Papiermeldung per Fax und Überlastung von Klinken und Gesundheitsämtern zusammen, machen das Meldesystem extrem träge.

RKI-Prognose der Krankenhausaufnahmen Hospitalisierung: Besser geschätzt als gezählt

Die Meldedaten verharmlosen die Lage in den Kliniken. Das RKI schätzt deshalb lieber die Krankenhausaufnahmen.

Kann man den Workflow optimieren?

Technisch leider nein. Der Anschluss der Kliniken an das digitale Meldesystem ist für nächstes Jahr vorgesehen. Es hätte früher vorbereitet werden müssen. Darum hat sich aber keine verantwortliche Stelle gekümmert.

Welchen Einfluss hat die Berechnungsmethode auf die Qualität der Hospitalisierungsrate?

Dazu muss man etwas ausholen: Die Gesundheitsbehörden rechnen bei einem Infektionsfall die Eigenschaft "hospitalisiert" (also im Krankenhaus in Behandlung) für das Datum, an dem die Infektion festgestellt worden ist, das sogenannte "Meldedatum".   

Ein Beispiel: Wer vor zehn Tagen positiv getestet wurde und gestern ins Krankenhaus gekommen ist, fällt aus der Wochen-Bilanz von heute raus. In die Berechnung fließen nur Fälle ein mit "Meldedatum" aus den letzten sieben Tagen, deshalb Sieben-Tage-Hospitalisierungsrate. Das ist ein systematisches Problem. Denn bei vielen COVID-Erkrankten dauert es mehr als eine Woche nach Positivtestung, bis sie ins Krankenhaus müssen. 

Dass diese Berechnungsformel zu einer Unterschätzung der Lage führt, hatte SWRdata bereits im August aufgedeckt, nachzulesen bei tagesschau.de. Viele große Zeitungen und auch andere ARD-Redaktionen haben diese exklusive Recherche aufgegriffen und mehrfach belegt, dass die Hospitalisierungsrate nicht gut funktioniert. Trotzdem wurde die Hospitalisierungsrate nun unverändert als Maßstab von der Politik eingesetzt.

Kann man die Berechnung nicht wenigstens verbessern?

Besser wäre es, das tatsächliche "Aufnahmedatum" zu nehmen, also den Tag, an dem der Patient in die Klinik kam. Dann wären die Daten aktueller. Diese Angabe fehlt aber häufig auf der Klinikmeldung, begründet das RKI die Entscheidung. 

Nachdem die Berichterstattung über die Mängel bei der Hospitalisierungsrate nicht abebbte, hatte das RKI reagiert und ein Prognoseverfahren entwickelt, ein so genanntes Nowcasting. Mittels mathematischer Berechnung wird anhand der Inzidenz und verschiedener anderer Faktoren vorausberechnet, wie viele Menschen aktuell ins Krankenhaus kommen. Das ist dann dieser Schätzwert, der im Moment für Deutschland mehr als doppelt so hoch liegt als der gemeldete Wert.

Warum wurden diese Zahlen aus dem Nowcasting nicht als Maßstab genommen?

Das ist ein juristisches Problem. Rechtliche Folgen können nicht an Prognoseverfahren geknüpft sein. Für Maßnahmen und Einschränkungen im öffentlichen Leben braucht es rechtlich belastbare Indikatoren, im Fall der Hospitalisierungsrate also: Liegt eine Klinik-Meldung vor und wenn ja, wie viele. Eine Vorhersage geht juristisch nicht durch. Dass das epidemiologisch sinnvoller wäre, hat offensichtlich keine Rolle gespielt.

Was bedeutet das für die jetzt festgelegten Schwellenwerte?

Die Ministerpräsidentenkonferenz hat die Hospitalisierungsinzidenz-Werte 3, 6 und 9 als Schwellen für verschärfende Maßnahmen gewählt. Es besteht das Risiko, dass die Werte 6 und 9 tagesaktuell gar nicht erreicht werden, schlicht wegen des Meldeverzugs.  

Die MPK hätte zumindest die statistische Unterschätzung zur Kenntnis nehmen können. Das Robert Koch-Institut hatte in seine ControlCOVID-Strategie wegen der bekannten Unterschätzung die Schwellen auf unter 1,5, 1,5-5 und über 5 gesetzt. Diesem Konzept sind die Regierungschefinnen und -chefs aber nicht gefolgt.

Was wäre die Alternative gewesen - ein Zahlenmix?

Letztlich hätte man bei den Inzidenzwerten bleiben können und Ableitungen darauf ins Gesetz schreiben können. Denn wir kennen die Folgen einer solchen Infektionswelle mittlerweile recht gut. Wenn die Infektionszahlen unter Älteren steigen, steigt auch die Zahl der schweren Erkrankungen. Sind vor allem Ungeimpfte betroffen, sind schwere Verläufe viel wahrscheinlicher. Die Inzidenzwelle bildet sich deshalb nachlaufend weiterhin in den Hospitalisierungen ab. Und danach in der Rate der Intensivpatient:innen.

Auch wenn das Impfen die Situation grundlegend verändert hat, durch die hohe Anzahl an Ungeimpften, ist der Zusammenhang zwischen der Anzahl der Infizierten und der Schwerkranken immer noch sehr eng. Nichts anderes bildet das Nowcasting ab. Das wusste die Politik, der Bundesgesundheitsminister sehr genau. Das RKI hat diese Erkenntnisse eindrücklich schon im Juli auf einer Sitzung im Bundesgesundheitsministerium vorgestellt. Hätte man der Beratung seitens der Wissenschaft entsprochen, wäre die Politik jetzt handlungsfähiger.

Zum Hintergrund: Für diesen Artikel wurden Informationen aus einer umfassenden Dauer-Recherche (seit August) zusammengefasst. Diese umfasst zum einen die Sichtung aller relevanten Publikationen des Robert Koch-Instituts, sowie die Teilnahme an Briefings und Hintergrundgesprächen. Zum anderen wurden Datenanalysen angestrengt, die die hier verfassten Aussagen unterstreichen.

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