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DAK Psycho-Report Werden Deutsche immer depressiver?

Psychische Erkrankungen und dadurch bedingte Fehltage im Job steigen weiter. Seelenleiden lagen 2014 erstmals auf dem zweiten Platz der Krankheitsarten. Dennoch sei nicht die Arbeit schuld, sagt ein Experte.

Mann hält sich Hände vors Gesicht

Depressionen treffen Frauen wie Männer - sich damit auseinander zu setzen, fällt Männern schwerer

Gespräch mit Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig

Wie äußert sich eine echte Depression?

Hier kommen mehrere Krankheitszeichen zusammen. Nicht nur gedrückte Stimmung, sondern der Schlaf ist gestört, der Appetit ist gestört - oft mit Gewichtsverlust. Die Menschen neigen zum permanenten Grübeln, Schuldgefühlen, Hoffnungslosigkeit bis hin zu finsteren Gedanken nicht mehr leben zu wollen, weil sie das Gefühl haben, in einer Sackgasse zu sein, obwohl das gar nicht der Realität entspricht. Das geht mit hohem Leidensdruck einher und ist eine schwere, oft auch lebensbedrohliche Erkrankung.

In den vergangenen 15 Jahren haben sich die Fehltage aufgrund psychischer Leiden verdreifacht. Dem DAK-Psycho-Report zufolge lagen Seelenleiden 2014 erstmals auf dem zweiten Platz der Krankheitsarten. 1,9 Millionen Berufstätige waren mit psychischen Problemen krankgeschrieben - also jeder 20. Arbeitnehmer.

Warum nehmen Depressionen in Deutschland immer mehr zu?

Auf der Karteikarte eines Patienten einer Arztpraxis in Berlin klebt ein Zettel «Neu/Ohne Termin Depression!

Depression wird heute häufiger diagnostiziert

Die nehmen nicht wirklich zu. Wir haben heute nicht mehr depressiv Erkrankte als früher. Aber was sich ändert ist, dass mehr Menschen mit Depressionen sich Hilfe holen, also in den Statistiken aufscheinen - dass Ärzte Depressionen besser erkennen als früher, denn die verstecken sich ja oft hinter körperlichen Erkrankungen. Früher waren die Leute wegen Rückenschmerzen oder Ohrgeräuschen oder anderen Dingen krank geschrieben und heute hat man erkannt, das ist eigentlich eine Depression.

Deswegen kommt es zu einer Verschiebung der Diagnosen, hin zu psychischen Erkrankungen und zu Depressionen. Ein weiterer Grund ist, dass Depressionen häufiger auch Depressionen genannt werden - und nicht hinter anderen Ausweich-Diagnosen versteckt werden.

Auf 100 DAK-Versicherte kamen letztes Jahr 112 Fehltage wegen Depression. An zweiter Stelle folgten sogenannte Anpassungsstörungen mit 42 Fehltagen je 100 Versicherten. Sie haben offenbar die Mode-Diagnose "Burn-out" abgelöst, die laut Bericht stark zurückgeht. Die Diagnosen sind besser als vor 15 Jahren: Seelenleiden werden nicht mehr hinter Rückenschmerzen versteckt.

Haben Sie Beispiele für Berufsgruppen, die besonders gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken?

Die Kernaussage ist: Depression kann jeden treffen. Da ist auch der erfolgreiche, in glücklichen Verhältnissen lebende, Mensch nicht geschützt davor und auch Menschen, die von Außen noch zusätzliche Belastungen haben, nicht.

Sitzender Mann, sein Kopf auf seine Händen gestützt

Langzeitarbeitslose sollten Therapie erhalten

Tatsache ist, dass wir bei Langzeitarbeitslosen viel mehr Menschen haben mit Depressionen. Der Grund aber ist weniger, dass die Langzeitarbeitslosigkeit depressiv macht, als dass Menschen, die immer wieder in Depressionen rutschen, ein hohes Risiko haben, arbeitslos zu werden und große Schwierigkeiten haben, wieder zurückzufinden in die Arbeitswelt - vor allem, wenn sie nicht konsequent behandelt werden.

Wir haben das untersucht bei Langzeitarbeitslosen und ein Großteil der Menschen mit Depressionen der Langzeitarbeitslosen sind nicht in Behandlung. Da ist sehr viel Verbesserungsspielraum. Wenn man die Depression behandeln würde, hätten die Menschen eine bessere Chance, wieder zurückzufinden in den Arbeitsmarkt.

Meinen Sie, dass die Arbeitswelt der Auslöser ist für viele Depressionen oder liegen die Gründe eigentlich woanders?

Ich denke das wird drastisch überschätzt. Das kann schon einmal sein, wenn die Arbeitsverhältnisse sehr belastend sind, dass jemand, der eine Veranlagung hat zu Depressionen, dann auch in eine Depression rutscht. Aber ansonsten ist es so, dass viele Menschen vielleicht auch schon Depressionen hatten, bevor sie gearbeitet haben, und viele werden wahrscheinlich auch Depressionen kriegen, wenn sie in Rente sind.

Frau vor einer Lampe

Lichttherapie kann gegen Depressionen helfen

Die Depression sucht sich immer die Probleme aus dem jeweiligen Lebensumfeld - vergrößert die, rückt die ins Zentrum. Und wenn einer arbeitet, ist es ganz natürlich, dass in der Depression die Probleme in der Arbeit in den Vordergrund rücken und das Gefühl 'das schaff ich alles nicht - wird alles zu viel' dann zu der Vermutung führt, die Arbeitszeit sei schuld. Das ist sie aber dann meistens nicht.

Und wenn der Mensch in der Rente wäre, dann wären eben andere Themen da, die sich plötzlich vergrößern und ins Zentrum rücken.

Online: Heidi Keller, Christine Scherer, Sonja Linder