STAND
AUTOR/IN

Millionenfach unterzog sich die Bevölkerung in der dritten Welle Antigen-Schnelltests. Eine SWR-Datenanalyse zeigt: Die Ausbeute war nur gering. Experten fordern eine neue Teststrategie.

  • Antigen-Schnelltests können ein sinnvolles Mittel sein, um eine Coronavirus-Infektion aufzudecken.
  • Damit das gelingt, müssen viele Voraussetzungen erfüllt sein (richtige Handhabung, ein sensitives Testkit etc.).
  • Um den erneuten Anstieg der Infektionen frühzeitig zu erkennen und zu bremsen, halten Wissenschaftler andere Werkzeuge wie z.B. Pool-PCR-Tests für geeigneter.
  • Die Politik muss nun entscheiden, mit welcher Teststrategie Behörden, Betriebe und Bevölkerung der vierten Infektionswelle entgegen treten sollen und dafür die Voraussetzungen schaffen.

Die Antigen-Schnelltests sollten zum "Game-Changer" in der Pandemie werden, zu der Maßnahme, die das Spiel dreht. Die kleinen Testkits sollten die Dunkelziffer der Infizierten ausleuchten und massenhaft Infektionsherde aufdecken, so die Theorie. Die Politik investierte viel Geld, damit tausende Schnelltest-Stationen aus dem Boden gestampft wurden. Eine halbe Stunde Video-Schulung genügte, um aus Apothekenhelferinnen, Studierenden, Aushilfen oder Barbesitzern professionelle Tester zu machen. Eine SWR-Datenanalyse zeigt nun: Nur wenige Schnelltests in der dritten Welle waren positiv.

"Gut gemeinter Aktionismus ist nicht immer gut."

...urteilt Oliver Keppler, Professor für Virologie am Max-von-Pettenkofer-Institut an der Universität München, angesichts der Datenauswertung. Für den Herbst plädiert der Virologe dafür, die Schnelltests weitgehend durch verlässliche PCR-Testungen zu ersetzen. Denn viele Schnelltests seien fehleranfällig in der Anwendung und würden Infizierte nicht ausreichend verlässlich erkennen, sagt Prof. Keppler: "Es geht darum, dass man jetzt, wo die Inzidenz niedrig ist, erstmal einen Schlussstrich zieht, die Lage analysiert: Was haben Teststrategien im letzten Dreivierteljahr gebracht, wo haben sie versagt, wo müssen sie optimiert werden?"

Südwesten: 10,5 Millionen Corona-Schnelltests im Mai

Ab April wurden in Deutschland Millionen von Coronavirus-Schnelltests durchgeführt. Das datenjournalistische Rechercheteam SWRdata hat nach Anfragen bei den zuständigen Behörden erstmals Zahlen zu den Schnelltest-Ergebnissen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Deutschland auswerten können. Allein im Mai hatten Schnelltest-Stationen, Apotheken und andere "Leistungserbringer" in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz rund 10,5 Millionen Schnelltestungen abgerechnet, so die Kassenärztlichen Vereinigungen auf Nachfrage des SWR:

Erfolgsquote: höchstens 0,05 %

Die Bundesregierung hat für diese Schnelltestungen allein in Baden-Württemberg 45,6 Millionen Euro und Rheinland-Pfalz 15,5 Millionen Euro bezahlt. Doch mit welchem Erfolg? In Baden-Württemberg waren in der dritten Welle im Mai von 100.000 Schnelltests weniger als fünfzig positiv. In Rheinland-Pfalz waren es sogar weniger als 40. Das zeigen Daten der Landesgesundheitsbehörden und der Kassenärztlichen Vereinigungen, die der SWR erstmals zusammengetragen und ausgewertet hat. Bundesweit liegen der Öffentlichkeit durch die SWR-Anfrage beim Robert Koch-Institut erstmals Zahlen vor, welchen Beitrag die Schnelltests bei der Aufdeckung von Infektionsfällen in der dritten Welle geleistet haben:

Zweifel am Einsatz des Schnelltests

Schnelltest-Kits wurden ursprünglich zum Erkennen von akuten Infektionen entwickelt. Der massenhafte Einsatz für asymptomatische Personen stand dabei ursprünglich nicht auf dem Plan der Hersteller. Angesichts der niedrigen Ausbeute hat Virologe Oliver Keppler große Zweifel an der Zuverlässigkeit der am Markt verfügbaren Antigen-Schnelltests:

"Das spricht dafür, dass die Empfindlichkeit dieser Tests in der Breite der jetzigen Anwendungsform eigentlich nicht ausreichend ist."

Studie: Nur hoch Infektiöse werden erkannt

Auch von offizieller Seite werden die Schnelltests seit einiger Zeit stärker kontrolliert: Eine Studie, die unter Federführung des Paul-Ehrlich-Instituts vorab veröffentlicht wurde, zeigt gravierende Unterschiede in der Sensitivität der Tests. Demnach werden nicht selten von den Schnelltests nur hoch infektiöse Personen positiv erkannt. Die Autoren schreiben darin, dass die meisten Antigen-Schnelltests nur dazu geeignet seien, akute Infektionen mit hoher Viruslast zu identifizieren ("Most of the Ag RDT evaluated appear to be suitable for fast identification of acute infections associated with high viral loads"). Immerhin sind Schnelltests, die die Mindestanforderungen nicht erfüllen, nicht mehr erstattungsfähig

Die Kombination aus einem schlecht funktionierenden Schnelltest, einer mangelhaften Abnahme des Abstrichs und womöglich schlechtem Meldeverhalten führe zu einer zu geringen Positivrate, findet Prof. Keppler: "All das zusammen lässt einen schon hinterfragen, warum die Positivrate nur bei 0,05 Prozent liegt, wohlgemerkt in einer Hochinzidenzphase." Die Positivrate der PCR-Testungen lag im Mai mit durchschnittlich rund zehn Prozent zweihundert Mal höher als bei den Antigentests. Direkt vergleichbar ist das zwar nicht. Aber es ist für den Virologen ein Indiz dafür, dass die Art und Weise, wie die Schnelltests eingesetzt werden, Mängel hat.

Erstmals Corona-Schnelltest-Zahlen für Deutschland

Erstmal hat das Robert Koch-Institut (RKI) auf Anfrage von SWRdata nun auch bundesweite Zahlen zu den gemeldeten positiven Schnelltests herausgegeben. Demzufolge gingen im April höchstens 11.000 registrierte Fälle pro Woche auf einen positiven Schnelltest zurück. Zum Vergleich: In derselben Woche verzeichneten die Gesundheitsämter insgesamt mehr als 144.000 mittels PCR bestätigte Neuinfektionen. Zwischen sechs und neun Prozent aller Fälle in der Infektionsstatistik gingen demnach auf den Einsatz von PoC-Antigen-Schnelltests zurück:

Massen-Schnelltests statt valider Stichprobe?

Im Grunde ist es wie mit einem Kescher, den man durch einen Teich führt: Damit tatsächlich einen Goldfisch zu fangen, ist äußerst schwierig. Dennoch sei jeder einzelne Treffer ein Gewinn, findet Prof. Hajo Zeeb, der am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen zur Wirksamkeit von Public Health Interventionen forscht:

"Wenn man gut aufgebaute Testregimes hat, wird man nach und nach dann alle mit dem Kescher finden und eine sehr hohe Ausschöpfungsrate haben."

Aus seiner Sicht gelingt es zwar ganz gut, mit den Schnelltests die ansteckenden Personen aus dem Verkehr zu ziehen. Aber gleichzeitig bemängelt der Epidemiologe, dass es immer noch keine systematischen Stichproben-Tests gibt. Dadurch fehle ein repräsentatives Bild über die Ausbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung. Deshalb rechnet Epidemiologe Zeeb damit, dass die Schnelltests auch im Herbst wieder eingesetzt werden - schon um einen "Überblick über das Geschehen" zu behalten.

Großer Druck auf Politik

Virologe Oliver Keppler fordert von der Politik ein Umdenken. Die Politik habe die Aufgabe, jetzt zusammen mit der Wissenschaft die Teststrategien unter die Lupe zu nehmen:

"Ich glaube der Druck aus der Gesellschaft war sehr hoch, mehr Freiheiten rasch und vor Ort über negative Testergebnisse zu verwirklichen, dass man von Seiten der politischen Entscheidungsträger auf die massenhaft verfügbaren Antigen-Schnelltests gesetzt hat."

Dies sei aber auf der Grundlage falscher Daten und Annahmen über die Schnelltests passiert.

Geldverschwendung oder wirksames Mittel?

Auf den ersten Blick wirkt es dennoch wie eine Geldverschwendung: um einen einzigen Infizierten mittels eines Schnelltests im Testzentrum zu finden, musste der Staat rund 11.000 Euro in die Hand nehmen. Setzt man die Kosten für dieses Schnelltestsystem aber ins Verhältnis zum möglichen Schaden durch einen Infizierten, relativieren sich die Kosten sehr schnell. Denn jeder Infizierte hat in der Hochphase der dritten Welle im Schnitt rund 1,2-1,5 weitere Personen angesteckt. Allein die Kosten für Quarantäne, Behandlungskosten etc. von Infizierten und COVID-19-Erkrankten übersteigen diese Kosten. Eine Studie der "Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn" kommt zudem in einer Simulation zu dem Schluss, dass Schnelltests einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung der dritten Welle geleistet hätten. Die Wissenschaftler berufen sich dabei auf Modellierungen. Die Studie ist aktuell zur Begutachtung als so genanntes Preprint veröffentlicht. Die Frage ist aber, wie die Bevölkerung bereit sein wird, auch in einer vierten Welle sich regelmäßig Schnelltests zu unterziehen, wenn diese häufig falsche Ergebnisse produzieren. Zudem ist es wahrscheinlich, dass die Kosten für Schnelltests in den kommenden Wochen eher steigen werden. Viele Teststationen wurden wegen der geringer werdenden Nachfrage bereits wieder aufgelöst.

Sehr viele falsch-positive Fälle in Baden-Württemberg?

Zu allem Überfluss sinkt jetzt die Erfolgsquote noch weiter. Denn je weniger das Virus verbreitet ist, desto seltener findet sich logischerweise ein Infizierter. Gleich hoch bleicht aber die statistische Wahrscheinlichkeit falsch-positiver Ergebnisse. Wenn dann weiter - trotz niedriger Inzidenz - fleißig weitergetestet wird, finden sich vor allem falsch-positive Fälle durch die Schnelltestungen. Auch in Baden-Württemberg zeigt sich dieses Phänomen. Während in der Hochinzidenzphase mit sehr vielen Fällen im Mai noch weit mehr als zwei Drittel aller positiven Schnelltests mittels PCR bestätigt werden konnten, ist die Zahl bestätigter Fälle seit vier Wochen drastisch gesunken:

Die Ursache für die falsch-positiven Ergebnisse liegen in der geringen Verbreitung des Virus in der Bevölkerung, die sogenannte Prävalenz. Demnach produzieren Schnelltests kontinuierlich falsch-positive Ergebnisse. Je niedriger also die Inzidenz an einem Ort ist, desto weniger aussagekräftig sind positive Schnelltest-Ergebnisse. Die Methode ist dann eher ungeeignet, um Infizierte zu finden.

PCR-Pool-Testing besser geeignet

Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie verlässlich Antigen-Schnelltests in der Schule und in Kindergärten während der niedrigen Inzidenzen überhaupt noch eingesetzt werden können. Die Akzeptanz unter Eltern für eine Testung der Kinder dürfte dramatisch sinken, wenn die Schnelltests überwiegend falsche Ergebnisse produzieren. Virologie-Professor Keppler fordert deshalb eine "sinnvolle und gut geplante - und zwar jetzt geplante - Pool-Test-Strategie für Einrichtungen, wo immer die gleichen Personengruppen wieder zusammenkommen, gerade die Nicht-Geimpften". Das müsse jetzt für den Herbst geplant werden, damit "wir dann ohne Stress und ohne Sorgen in die dann wahrscheinlich ansteigende vierte Welle gehen können."

Auch Epidemiologe Hajo Zeeb ist sich sicher, dass es spätestens im Herbst wieder zu Ausbrüchen an Schulen kommen wird. Daher sei ein verlässliches Testregime notwendig und er fügt an:

"Eine hohe Teilnahme an diesen Tests ist wichtig. Eltern sollten also wirklich auch bereit sein, dass ihre Kinder getestet werden, um erkennen zu können, was passiert in den Schulen. Wir sehen jetzt gerade, mit der Delta-Variante geht nochmal alles ein Stück schneller. Wenn man da zögert, dann ist das nicht der richtige Weg."

Auch das Robert Koch-Institut empfiehlt im Epidemiologischen Bulletin vom 1. Juli 2021, sich in Grundschulen und Kindergärten nicht auf Schnelltests zu verlassen. Statt dessen sollten Lolli-Pool-PCR-Tests als Teil eines effektives Präventionskonzepts zum Einsatz kommen. Die Proben sind laut RKI-Empfehlung einfach zu gewinnen, die Sensitivität sei höher als bei Antigentests und das verlässliche Testergebnis kann dazu beitragen, Infektionen früh zu erkennen und einzugrenzen.

Daten

  • Die Schnelltest-Daten wurden vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg (LGA BW), vom Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz (LUA RP) und vom Robert Koch-Institut (RKI) auf Anfrage von SWRdata zur Verfügung gestellt. Die Infektionszahlen für PCR-bestätigte Fälle basieren auf den Zahlen des RKI. Die Daten stehen (als Rohversion erstellt von SWRdata) hier in strukturierter, maschinenlesbarer Form als csv-Datei zum Download zur Verfügung.
  • Zusätzlich wurden beim RKI Daten auf Kreisebene angefragt, um unterschiedliche Teststrategien und deren Auswirkungen auf die Inzidenz analysieren zu können. Diese Daten konnte das RKI nicht zur Verfügung stellen.
  • Alle Datensätze zu gemeldeten positiven Schnelltests unterliegen einem Meldeverzug. Insbesondere die Bestätigung durch einen PCR-Test kann mit einer Verzögerung erst gemeldet und registriert werden. Deshalb kann es im Detail in späteren Veröffentlichung zu Abweichungen zu den hier veröffentlichten Daten kommen.

Mehr zum Thema

Die Rolle von Schnelltests in der Coronavirus-Pandemie Immer noch wenige positive Schnelltests

Schnelltests nehmen im Südwesten nur langsam Fahrt auf. Das ergibt eine SWR-Datenanalyse. In Baden-Württemberg gehen demnach nur 6,9 Prozent der registrierten Infektionsfälle auf einen positiven Schnelltest zurück, in Rheinland-Pfalz nur 5,2 Prozent.  mehr...

Infektionszahlen in Baden-Württemberg Schnelltests treiben die Infektionszahlen nicht nach oben

Nur zwei bis fünf Prozent aller Infektionsfälle in Baden-Württemberg sind nach SWR-Recherchen auf einen positiven Schnelltest zurückzuführen und sind nicht Grund für steigende Infektionszahlen.  mehr...

Stuttgart, Mainz, Berlin

COVID-19: Impfungen im Südwesten Corona-Impfen: Aktuelle Zahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird seit Ende Dezember gegen das Coronavirus geimpft. Hier finden Sie die aktuellen Impfzahlen.  mehr...

COVID-19-Patienten auf Intensivstationen Corona in Krankenhäusern: Die aktuelle Lage auf den Intensivstationen

Viele Infizierte erkranken so schwer an COVID-19, dass sie auf einer Intensivstation im Krankenhaus behandelt werden müssen. Sehen Sie hier die aktuelle Lage für Ihre Region.  mehr...

Stuttgart, Mainz, Karlsruhe, Mannheim, Trier, Kaiserslautern, Ulm

SWR-Datenanalyse zum Coronavirus Aktuelle Zahlen aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Das Coronavirus breitet sich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aus. Hier finden Sie alle Zahlen und Daten zur aktuellen Lage.  mehr...

SWR Aktuell Corona-Newsletter Mit dem Corona Update bleiben Sie auf dem Laufenden

Sie möchten auf dem Laufenden bleiben, wie sich im Südwesten die Lage rund um das neue Corona-Virus entwickelt? Tragen Sie sich hier in unseren Verteiler ein.  mehr...

Meldekette der Corona-Zahlen So erfahren wir von Corona-Fällen

Jede Corona-Infektion muss dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Bis der Fall öffentlich wird, vergeht eine gewisse Zeit. Wir erklären warum.  mehr...

Südwesten

Wie schütze ich mich? Wie ist die Lage in meinem Heimatort? Coronavirus: Alles Wichtige für Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg

Coronavirus: Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr? Wie kann ich mich schützen? Hier finden Sie alles Wichtige für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.  mehr...

STAND
AUTOR/IN