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Die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Die Reproduktionsrate schwankt gleichzeitig weiter nah um den Wert 1. Und die Gefährdungslage bleibt weiter hoch, erklärt das RKI. Zu dieser Einschätzung führen vier wesentlichen Kriterien. Hier finden Sie alle Daten tagesaktuell erklärt.

Die Maßnahmen gegen die Corona-Epidemie werden gelockert. Aber es ist noch keine Rückkehr zum "normalen Leben". Gefahren bestehen laut RKI für die Bevölkerung weiterhin. Um die Veränderung der Lage einzuschätzen, zieht das Institut im Wesentlichen vier Kriterien heran:




Für diese vier Kriterien haben die SWR-Datenjournalisten die wesentlichen Informationen in diesem Artikel zusammengestellt:

  1. Reproduktionszahl: Wie viele Menschen steckt ein Infizierter an?
  2. Krankenhauskapazität: Wie viele Infizierte brauchen ein Intensivbett?
  3. Neuinfektionen: Wie schnell steigen die bestätigten Fallzahlen?
  4. Inzidenz: Wie häufig ist die Virusinfektion nachgewiesen?



Kriterium 1: Wie viele Menschen steckt ein Infizierter an?

Auf der sogenannten Reproduktionszahl ("R") liegt gegenwärtig der Hauptfokus des Robert-Koch-Instituts.

  • Die Reproduktionszahl ist die Anzahl der Personen, die ein Infizierter durchschnittlich ansteckt.
  • Anhand des gesamten Epidemieverlaufs wird die Reproduktionszahl mittels statistischer Modelle geschätzt.

Das Ziel der verschärften Maßnahmen ist es, die Reproduktionszahl auf einen Wert deutlich unter 1 zu drücken und dort zu halten. Das ist dann der Fall, wenn Neuinfizierte konsequent isoliert bleiben, um niemanden mehr anstecken zu können. Eine Reproduktionsrate unter 1 schlägt sich dann auch in sinkenden Fallzahlen nieder. Steigen die Fallzahlen über einen längeren Zeitraum, erhöht sich auch die Reproduktionszahl.

Fazit: Eine RKI-unabhängige, eigene Berechnung der Reproduktionszahl ist aus Sicht der SWR-Datenjournalisten nicht zuverlässig genug, um eine valide Lageeinschätzung damit treffen zu können.

Was steckt hinter den unterschiedlichen Zahlen zu Corona? SWR-Datenjournalist Johannes Schmid-Johannsen liefert eine Einordnung.


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Kriterium 2: Wie viele Infizierte brauchen ein Intensivbett?

  • Alle Maßnahmen gegen die Epidemie zielen darauf, eine Überforderungen des Gesundheitswesens zu vermeiden.
  • Die Anzahl der schwer Erkrankten steigt stark an. Viele COVID-19-Patienten benötigen eine intensivmedizinische Beatmung.
  • Die Auslastung der Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern ist daher ein kritischer Indikator für die Überforderung des Gesundheitssystems.
  • Die Todesfälle würden bei einer Überlastung vermutlich dramatisch ansteigen.

Laut ersten Zahlen des DIVI-Intensivregisters gibt es in Deutschland derzeit mehr als 20.000 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit. In der vergangenen Woche waren rund 2.000 Betten mit COVID-19-Patienten belegt. Die Anzahl der beamtungsbedürftigen Patienten ist dabei stark gestiegen. Deshalb lässt sich schwer abschätzen, wie sich die Bettenkapazität aktuell entwickelt hat. Mittlerweile gibt es tagesaktuelle Daten aus dem DIVI-Intensivregister, die die Lage für alle knapp 1.200 Krankenhäuser mit Intensivstation nahezu vollständig abbilden:

Die Daten des DIVI-Intensivregisters sind entscheidend für die Lagebeurteilung. Denn es gibt bislang kein vergleichbares deutschlandweites Register für Klinikkapazitäten. Das Register könnte erstmals ein reales Bild über die Auslastungssituation in deutschen Krankenhäusern zeigen. Deshalb sollen auch nach dem Willen der Politik alle Kliniken mitmachen. Deren Intensivstationen sollen täglich dem Register melden, wie viele COVID-19-Patienten gerade behandelt werden und wie viele freie Intensivbetten verfügbar sind. Die Kliniken sollen jeden Tag auch eine Abschätzung eintragen, wie viele Betten sie im Notfall in den nächsten 24 Stunden zu Verfügung stellen könnten, z.B. weil Betten nach Entlassungen frei werden. Auch die Notkapazitäten werden jeden Tag neu eingeschätzt.

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Kriterium 3: Wie schnell steigen die bestätigten Fallzahlen?

  • Die Fallzahlen dokumentieren den Nachweis des Virus in der Bevölkerung. Durch die Anzahl der Tests und die Auswahl der zu testenden Personen wird die Fallzahl stark beeinflusst.
  • Eine Epidemie hat exponentiell steigende Infektionszahlen. Das bedeutet, dass sich die Infiziertenzahlen in einem bestimmten Zeitraum verdoppeln. Je kürzer dieser Verdopplungszeitraum ist, desto schneller verbreitet sich das Virus. Inzwischen konnte eine exponentielle Steigerung gestoppt werden.
  • Die Fallzahlen sind nicht repräsentativ für die Ausbreitung des Virus in Deutschland. Eine Ausbreitungsgeschwindigkeit ist daher nur bedingt ablesbar.

In Rheinland-Pfalz ist die Epidemie später angekommen als in Baden-Württemberg, deshalb ist dort die Ausbreitung geringer. In diesem Verlaufsdiagramm sehen Sie, wie sich die Anzahl der dokumentierten Infektionen jeweils in der Summe der vergangenen 7 Tage entwickelt haben. Dadurch wird ein Trend sichtbar, wie sich die Anzahl der entdeckten Neuinfizierten entwickelt.

Hier sehen Sie die Erklärung zur abflachenden Kurve im Video:

Video herunterladen (4 MB | MP4)

Die Testkapazitäten in Deutschland wurden enorm gesteigert, so dass dadurch mehr Fälle entdeckt werden können als noch einige Wochen zuvor. Beide Maßnahmen sind inhaltlich nachvollziehbar, um die Epidemie beurteilen zu können. Diese Effekte führen aber dazu, dass die Fallzahlen nur bedingt vergleichbar sind.

Fazit: Viele Medien auf der ganzen Welt visualisieren die Entwicklung der Verdopplungsgeschwindigkeit anhand von Verlaufsdiagrammen. Die SWR-Datenjournalisten haben sich bewusst dagegen entschieden, den Verlauf der Epidemie dadurch darzustellen. Denn die tatsächliche Ausbreitungsgeschwindigkeit kann aufgrund der statistischen Verzerrungen deutlich höher oder deutlich niedriger sein.

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Kriterium 4: Wie häufig ist die Virusinfektion nachgewiesen?

  • Die Inzidenz benennt die Häufigkeit, mit der die Virusinfektion in der Bevölkerung mittels Tests nachgewiesen ist.
  • Die Kennziffer wird aus der Summe der festgestellten Infektionen seit Ausbruch der Epidemie im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ermittelt. Üblicherweise wird die Infektionsrate medizin-wissenschaftlich in Fälle pro 100.000 Einwohner ausgewiesen.

Innerhalb Deutschlands und auch unter den Landkreisen im Südwesten gibt es große Unterschiede bei der Inzidenz. Die Regionen wurden unterschiedlich schnell von der Infektionswelle erfasst. In Deutschland fließen Infektionsfälle entweder nach einem positiven Labor-Test oder durch eine epidemiologische Bestätigung in die Statistik ein. (Wie die Meldung abläuft, erfahren Sie hier.)

Durch die unterschiedlichen regionalen Infektionsherde sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern bei der Inzidenz sehr groß. Die Bundesländer im Süden und einige einzelne Landkreise sind bereits stärker infiziert als andere. Auch diese regionalen Unterschiede werden in den Einschätzungen des RKI berücksichtigt.

Fazit: Die Testkapazitäten sind stark ausgebaut worden. Dies ermöglicht gezielte Tests, um Infektionsherde zu idenfizieren. Das RKI beobachtet außerdem einen starken Anstieg insbesondere in der älteren Bevölkerung. Vor allem Alten- und Pflegeheime melden immer mehr Infektionen. Offenbar wird dort auch verstärkt getestet. Dies wird die Fallzahlen der kommenden Tage stark beeinflussen. Die Testkapazität hingegen wird zurzeit nicht voll ausgeschöpft.

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