Porträt von Laura Koppenhöfer (Foto: SWR)

Zwei Minuten: Unsere Kolumne zum Wochenende

Verdrängung zwecklos

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Die Infektionszahlen steigen sprunghaft, auch die Intensivstationen füllen sich wieder. Das ist doch der Film aus dem vergangenen Jahr!, meint Laura Koppenhöfer in ihrer Kolumne.

Dieser Film, der schon im vergangenen Winter lief und ganz miese Kritiken bekommen hat, vor allem wegen seiner quälenden Überlänge: Er läuft schon wieder, besser gesagt, seine Fortsetzung. Und ich finde nirgendwo den Umschaltknopf! Da, wieder diese dunkelrot-lila gefärbte Deutschlandkarte. Da, wieder diese Emails vom Gesundheitsamt und vom Krisenstab. Da, oh nein, wieder Covid-Tote im Pflegeheim. Und statt des lang ersehnten Abspanns laufen Hasskommentare durchs Bild.

Die Kolumne von Laura Koppenhöfer können Sie hier auch als Audio hören:

Weil ich den Umschaltknopf immer noch nicht finde, spreche ich matt die altbekannten Szenen mit: Die, wo Hauptdarsteller Lothar Wieler mit Sorgenfalte zur Vorsicht mahnt und sein Kompagnon Jens Spahn unrealistische Dinge verspricht: Impfstoff, Tests, Boostern, für alle ab morgen. Und natürlich die ständig wiederholte Szene, wo Hauptdarsteller Karl Lauterbach davor warnt, dass es schlimm wird. Auch ab morgen.

Wie konnte das passieren? Ja, die Impfquote stagniert und die Halbwertszeit der Impfung ist endlich. Auch dass sie von zunächst zuversichtlichen 12 Monaten auf 3 bis 6 runterkorrigiert wurde, ist wissenschaftlich normal, aber emotional schwer auszuhalten. Schließlich haben viele nur halbwegs optimistisch Gesinnte gedacht, dieser Winter würde anders, besser! Und nicht so, als sei man in eine Zeitkapsel rein- und im Herbst vor einem Jahr wieder rausgesetzt worden.

"Booster-Impfung" statt "Bundesnotbremse"

Gut, ein bisschen was ist anders: Neue Wörter gibt’s. Von der Bundesnotbremse redet keiner mehr, dafür von der Warnstufe und natürlich ständig von 2G und 3G. Statt Tempo bei den Impfungen brauchen wir jetzt Tempo bei den Booster-Impfungen. Impfzentren werden nicht eröffnet, sondern wiedereröffnet und das Pflegepersonal im Altenheim ist nicht mehr ungeimpft, sondern freiwillig ungeimpft.

2G-Regeln (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)
Ständig dieses Rede von "2G" und "3G" picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert

Alles, nur nicht Corona

Ich will das alles nicht. Klar, beruflich ist Verdrängung an dieser Stelle zweck- und auch sinnbefreit. Aber privat könnte es noch eine Weile funktionieren. Den Verdrängungsmodus erkenne ich daran, dass völlig abseitige Meldungen - wie die über die verstorbene Schweinefigurensammlerin - meine volle Aufmerksamkeit bekommen. Ich höre oder singe bereitwillig die immer gleichen Lieblingslieder meiner Kinder und gucke ihre grenzdebilen Videos. Peppa Wutz, Paw Patrol, egal - Hauptsache, es geht nicht um Corona.

Immerhin, ein Lockdown ist vorerst nicht in Sicht, auch keine Schul- oder Kitaschließungen und erst recht keine Ausgangssperren. Wenigstens das haben sie im Fortsetzungs-Drehbuch noch rausgelassen. Sehen will den Film trotzdem niemand. Wo ist nur dieser verdammte Umschaltknopf?!

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