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In den Innenstädten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind wieder deutlich mehr Menschen unterwegs. Das zeigt eine SWR-Datenanalyse. Die Maskenpflicht könnte helfen, die erneute Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Wir zeigen Ihnen eine Simulation.

Ab heute müssen die Menschen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und in vielen anderen Bundesländern Masken tragen, um die Verbreitung des Coronavirus zu verringern. Gleichzeitig begegnen sich nach den Lockerungen des so genannten "Lockdowns" wieder viel mehr Menschen im Supermarkt, im Bus oder in den Straßen der Innenstädte. Das zeigt eine SWR-Datenanalyse zu Passanten in 13 großen Innenstädten im Südwesten (Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart, Heilbronn, Biberach, Reutlingen, Heidelberg, Ulm, Trier, Mainz, Köln und Saarbrücken). Auch deshalb wurde die Maskenpflicht eingeführt.

SWR-Datenanalyse: Wieder mehr als doppelt so viele Menschen unterwegs

In der ersten Woche nach dem Lockdown (20. bis 25. April) waren wieder mehr als zweieinhalb Mal so viele Menschen (2,52 Mal so viele) unterwegs. Die Gesamtzahl der gezählten Passanten stieg um 152 Prozent im Vergleich zum Lockdown. Damit belebten sich die Innenstädte auf rund 60 Prozent des Niveaus vor den Ausgangsbeschränkungen. In der Grafik können Sie die Entwicklung der Passantenzahlen für die einzelnen Städte tageweise nachvollziehen:

"Tage der Erlösung": Montag und Dienstag waren die Städte besonders belebt

Die Daten stammen aus den Fußgängerzählstationen von hystreet*. Demnach zählten die Messstationen in den 13 Innenstädten während des Lockdowns innerhalb einer Woche 416.000 Passanten (von Montag bis Samstag). Im März waren an sechs Werktagen innerhalb einer vergleichbaren Woche vor dem Lockdown rund 1.750.000 Personen unterwegs. In der vergangenen Woche hatten sich dann wieder 1.055.000 Passanten in den vom SWR analysierten Fußgängerzonen aufgehalten. Vor allem am Montag und Dienstag haben besonders viele Menschen die erste Möglichkeit genutzt, wieder in die Innenstadt zu gehen. In Biberach an der Riß und Trier waren am Dienstag sogar deutlich mehr Menschen unterwegs als vor den Geschäftsschließungen. Zum Vergleich: Unmittelbar nach den Osterfeiertagen lagen die Zahlen noch bei maximal einem Drittel des Vor-Krisen-Niveaus. Hier war der Besucherstrom also deutlich geringer. Zwar ist der Besucherandrang in den Innenstädten im Laufe der Woche wieder etwas zurückgegangen, jedoch verharren die Zahlen durchweg auf deutlich höheren Werten als vor der Lockerung der Ladenöffnungen.

Infektionsrisiko steigt wieder

Die Simulation zeigt beispielhaft, wie sich das Ansteckungsrisiko durch gefüllte Fußgängerzonen erhöht. Dies liegt vor allem daran, weil Infizierte sehr wahrscheinlich hoch ansteckend sind, bevor sie selbst erkranken. In gefüllten Fußgängerzonen werden "versteckte" Infizierte aufgrund der distanzlosen Nähe zu anderen Menschen deshalb zum erhöhten Risiko. Die Ausbreitung sollte daher mit geeigneten Maßnahmen verhindert werden. Dennoch kommt es insbesondere beim Einkauf und in engen Innenstädten automatisch dazu, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten werden.

RKI: Mund-Nasen-Schutz ist sinnvoll

Mit der steigenden Zahl von Passanten, die gleichzeitig in den Innenstädten unterwegs sind, steigt auch das Risiko, dass sich unter ihnen Corona-Infizierte befinden. Deshalb ist es nun besonders wichtig, das Ansteckungsrisiko so weit wie möglich zu reduzieren. Eine Möglichkeit, wie sich das Ansteckungsrisiko verringern lässt, ist das Tragen von Gesichtsmasken. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass auch ein einfacher Mund-Nasen-Schutz aus Stoff die Übertragung der Viren bremsen kann. Zwar schützen solche Alltagsmasken den Träger selbst kaum vor Infektionen. Aber der Schutz hält Aerosole aus der Atemluft von Infizierten zurück. Solche kleinen Tröpfchen, die jede Mensch beim Atmen ausstößt, gelten als ein wichtiger Übertragungsweg des Virus. Wenn die Menschen nun verlässlich Masken tragen, wird dieser Verbreitungsweg gestört. Die Ausbreitung der Krankheit verlangsamt sich.

Jena als Vorbild: Maskenpflicht gilt seit 6. April

Dies ist womöglich in der thüringischen Stadt Jena passiert. Dort gilt seit 6. April 2020 eine Maskenpflicht in Geschäften und beim ÖPNV, die später auch auf den Arbeitsplatz und Wochenmärkte ausgeweitet wurde. In den vergangenen 14 Tagen wurde in Jena nur eine einzige bestätigte Neuinfektion gemeldet:

Abstands- und Hygieneregeln sind unverändert wichtig

Eine Maskenpflicht alleine kann das nicht bewirkt haben, da sind sich Epidemiologen sicher. Eine ganze Reihe von Maßnahmen ist nötig, die allesamt aufeinander aufbauen und sich gegenseitig unterstützen. Insbesondere die geltenden Abstands- und Hygieneregeln sollen weiter strikt eingehalten werden. Ansonsten könnte die Maskenpflicht die Lage sogar noch verschlimmern, warnte beispielsweise Weltärztepräsident Montgomery, weil Menschen mit Maske unbedarfter mit den Hygieneregeln umgehen.

Simulation: So groß könnte der Effekt von Masken sein

Wie groß der Effekt der bundesweiten Maskenpflicht tatsächlich sein wird, ist noch nicht absehbar. Zwar gibt es mittlerweile erste Untersuchungen, die auf eine Reduzierung der des Risikos hindeuten. Da insbesondere die Beschaffenheit von selbstgenähten Alltagsmasken sehr variieren kann, lässt sich die Wirkung nur schwer vorhersagen. Grundsätzlich können aber schon kleine Veränderungen des Infektionsrisikos große Wirkung haben. Das Ziel ist weiterhin, die Ausbreitung zu miniminieren, um die Infektionskurve abzuflachen. Welche Rolle Masken dabei spielen könnten, zeigt das folgende Modell:

Die beiden Grafiken zeigen beispielhaft den Publikumsverkehr in einer belebten Einkaufsstraße über mehrere Tage hinweg. Fünf der 257 simulierten Personen sind unwissentlich mit dem Coronavirus infiziert. Treffen infizierte und gesunde Passanten aufeinander, findet in vermutlich 10 Prozent der Fälle eine Übertragung statt. Während im oberen Modell (dunkelblau) keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, führen die Maskenpflicht kombiniert mit einer gewissenhaften Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln im unteren Szenario (eisblau) zu einem Rückgang des Infektionsrisikos auf 5 Prozent. Es zeigt sich deutlich, dass selbst eine Verringerung des Ansteckungsrisikos um 5 Prozentpunkte, den Anstieg der Infektionskurve spürbar verlangsamt.

Methodik und Datenquelle

*Passantenzahlen: Die Firma hystreet erhebt mittels Laser-Messgeräten die Kundenfrequenz in zahlreichen deutschen Einkaufsstraßen. SWRdata hat die Daten zur Verfügung gestellt bekommen und ausgewertet. Die Verlgeichzahlen ergeben sich aus dem Anteil der aktuell gemessenen Passantenzahl an der Passantenzahl der jeweiligen Wochentage des Vormonats.

Infektionssimulation: Die Zahlen werden durch ein sogenanntes agentenbasiertes Modell errechnet. Dabei simuliert ein Computerprogramm das Verhalten jedes einzelnen Punktes. Die Punkte können miteinander interagieren, sich infizieren, geheilt werden oder versterben. Die Wahrscheinlichkeiten für die diese Ereignisse sind an die reale COVID-19-Fallstatistik angelehnt. Das Modell ist unter https://github.com/paulvangentcom/python_corona_simulation abrufbar.

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