STAND
ONLINEFASSUNG

Schnell handeln, mehr Ärzte einsetzen, Kranke konzentrieren - drei der fünf Maßnahmen im chinesischen Wuhan, die der Bayreuther Medizinprofessor Eckhard Nagel als "vorbildlich" ansieht. Eine weitere macht uns Österreich gerade vor.

Die Welt kann nach Ansicht des Bayreuther Medizinprofessors Eckhard Nagel fünf Lehren aus den Corona-Erfahrungen der chinesischen Stadt Wuhan ziehen. "Es ist wichtig, mit Menschen zu reden, die hunderte, tausende Patienten gesehen haben", sagt der Co-Präsident des chinesisch-deutschen Freundschaftskrankenhauses Tongji in Wuhan. Er plädiert dafür, auf die Erkenntnisse chinesischer Ärzte zu schauen: "Diese sind uns an Erfahrungen erheblich voraus."

In Wuhan haben am Montag etwa drei von vier Geschäften nach der Lockerung einer zweimonatigen Ausgangssperre wieder geöffnet. In der Provinz Hubei, deren Hauptstadt Wuhan ist, können sich seit vergangenem Mittwoch rund 50 Millionen Einwohner sogar schon wieder einigermaßen frei bewegen. Was "einigermaßen frei" bedeutet, schildert China-Korrespondent Steffen Wurzel:

Vier Wochen, um die Infektionswege zu durchbrechen

Nagel hält derzeit von Deutschland aus per Videoschalte den Kontakt zum Krankenhaus in Wuhan, wo das Coronavirus erstmals aufgetreten ist. Zur Frage, welche Lehren Deutschland aus den Entwicklungen in Wuhan ziehen kann, sagt er: "Konsequent und schnell reagieren."

Die Zahl der Neuinfektionen gehe 14 Tage nach einem Shutdown herunter. "Aber wir wissen auch, dass man die doppelte Zeit braucht, um die Infektionswege wirklich zu unterbrechen." Deshalb müsse die Ansteckungsdynamik in Deutschland bis nach Ostern unterbrochen werden.

"Es wird nichts wieder so, wie es einmal war"

Die Diskussion über Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen hält der Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth zum jetzigen Zeitpunkt für "ausgesprochen schädlich". Ohnehin werde nur über den Zeitpunkt gesprochen, nicht aber über den nötigen Lernprozess.

"Es wird nichts wieder so, wie es einmal war. Niemand sollte denken, dass wir uns in der Öffentlichkeit sofort wieder so bewegen wie früher, wenn die Vorschriften einmal gelockert werden."

Ärzte nicht länger als sechs Stunden arbeiten lassen

Eine weitere sehr wichtige Erkenntnis aus Wuhan sei: "Eine Sechs-Stunden-Schicht rettet Leben." In der ersten hektischen Phase hätten Ärzte und medizinisches Personal in der chinesischen Stadt oft 12 bis 14 Stunden gearbeitet. Eine ähnliche Entwicklung habe man in Italien und Spanien gesehen.

Erst als in China sehr viel mehr Personal zur Hilfe gekommen sei und die Schichten sich auf sechs Stunden verkürzten, seien sowohl Ansteckungs- als auch Sterberaten gesunken. Denn das Personal habe sich dann sehr viel genauer an die Vorschriften halten können. Die Kehrseite der Medaille sei allerdings: "Kürzere Schichten bedeuten einen sehr viel höheren Bedarf an Schutzausrüstung."

Corona-Patienten nur in bestimmte Krankenhäuser bringen

Drittens habe man in Wuhan gelernt, die Behandlung der Corona-Patienten auf wenige Krankenhäuser zu konzentrieren. "Anfangs wurden die Menschen überall behandelt, das hat die Ausbreitung des Virus in der ganzen Stadt noch befördert", sagt Nagel. In Deutschland lerne man langsam von diesen Erfahrungen - etwa durch den Bau eigener Coronavirus-Krankenhäuser an den Messen in Berlin oder Hannover.

Die vierte Lehre aus Wuhan sei, dass man die Bedeutung des Testens erkannt habe. Die Regeln für die Entlassung ehemals Infizierter seien strikt: Ein Patient müsse innerhalb von drei Tagen zweimal negativ getestet werden, bevor er nach Hause dürfe - komme dann aber nochmals 14 Tage in häusliche Quarantäne. Erst wenn der Test danach erneut negativ ausfällt, kann er damit rechnen, wieder in die Öffentlichkeit gehen zu dürfen.

Brauchen wir eine Maskenpflicht?

Die Überwachung der ehemals Infizierten erfolge digital: Die Betroffenen seien über ihr Handy über die App WeChat zu orten, die ohnehin viele Chinesen nutzen. "Sie müssen jeden Morgen Fieber messen und ihre Symptome in WeChat eintragen. Sie schaffen also eine Art eigene elektronische Krankenakte", sagt Nagel.

Ein System mit roten oder grünen Zeichen auf dem Handy zeige den Menschen anschließend an, ob sie das Haus verlassen dürften. Als Vorbild für eine demokratische Gesellschaft sieht Nagel dies nur teilweise: "In Deutschland wäre eine Pflicht richtig, eine Covid-19-App nutzen zu müssen - eine Handyortung lehne ich dagegen ab."

Als fünfte Lehre sieht Nagel, "dass wir den Mundschutz als durchaus relevante Größe ansehen müssen, um die Zahl von Neuinfektionen zu reduzieren". Es müsse diskutiert werden, ob der Mundschutz nicht mehr Bewegungsfreiheit sichern könne, wie dies etwa in Südkorea der Fall sei. Erst am Montag hatte Österreich die Mundschutz-Pflicht für Supermärkte eingeführt.

Mehr zum Thema

Die Corona-Krise Rückblick: Die Bundesbürger halten sich bis auf Ausnahmen ans Kontaktverbot

Der britische Premier im Krankenhaus, Warnungen vom Kanzleramtschef und immer mehr Tote in Frankreich. Die Entwicklungen in der Corona-Krise vom 30. März bis zum 5. April.  mehr...

Corona-Pandemie Wie könnte Handy-Tracking funktionieren?

Die Debatte um Handy-Tracking gegen Corona läuft weiter. Olaf Scholz sagte im ZDF, es werde intensiv an der Entwicklung einer solchen Plattform gearbeitet.  mehr...

Privatvermögen wird geschont Diese Soforthilfe-Regeln gelten im Südwesten

In Baden-Württemberg soll das Privatvermögen nun doch nicht geprüft werden bei der Entscheidung über Hilfsgelder. Außerdem gibt es etwas aus dem Landeshaushalt dazu. In Rheinland-Pfalz beträgt der Förderhöchstbetrag 15.000 Euro. Die Anträge sind schon online.  mehr...

STAND
ONLINEFASSUNG