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In normalen Zeiten ist Klopapier Privatsache. In Corona-Zeiten erzählen Menschen, sie seien für eine Großpackung 50 oder mehr Kilometer gefahren.

Mit einer früheren Freundin hatte ich einmal Stress wegen Klopapier. Wir verabredeten uns nach Feierabend in einer Kneipe. Ich ging vorher einkaufen und kam vollbepackt dorthin – eine Einkaufstüte in der einen, einen Sack mit Klorollen in der anderen Hand. Meine Freundin vermied das übliche Lächeln und schaute auf das Klopapier. Ihre Gesichtszüge entgleisten. Es war ihr peinlich, dass ich einen Hygieneartikel mit mir herumtrug wie andere Leute Pilotenkoffer. Genauer gesagt: ich war ihr peinlich. Ich hatte es verkackt!

Weil die meisten Menschen aktuell zuhause sind, tritt dieser Fall im eigenen Bad viel häufiger ein (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, Picture Alliance/Picture Alliance)
Weil die meisten Menschen aktuell zuhause sind, tritt dieser Fall im eigenen Bad viel häufiger ein Picture Alliance/Picture Alliance

Offengestanden hatte ich mein Transportverhalten bei Klopapier bis zu diesem Abend nicht hinterfragt. So geht bzw. ging es auch anderen, viel größeren Geistern. Eine Kollegin bezeugt, sie habe einmal Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki beobachtet, wie er einen Sack Klopapier durch die Baden-Badener Fußgängerzone trug. Natürlich, es gibt auch Zweier-Packs, die in einer Einkaufstüte verschwinden, aber die reichen – ganz wörtlich – nicht weit.

Die Einwände meiner Freundin trafen gleichwohl einen Nerv, der zu Corona-Zeiten wie tot erscheint. Klopapier steht für eine persönliche Intimität, die aus guten Gründen geschützt gehört. In diesen Tagen allerdings bekennen Zeitgenossen, für eine Großpackung Klopapier 50 oder mehr Kilometer gefahren zu sein. Dabei hätte man schon früher vermuten können, dass Sie auf ihrer Toilette kein Briefpapier benutzen.

Übrigens werden Sie mich aktuell kein Klopapier herumtragen sehen. In Corona-Zeiten ist Klopapier die liebste Beute. Es wäre so dumm, wie wenn ich zu normalen Zeiten auf der Straße mit Geldscheinen wedeln würde.

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