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Nach dem holprigen Start in den Fernunterricht hagelt es Kritik an Digital- und Bildungspolitikern. Dahinter steht für Martin Rupps eine sehr deutsche - und unrealistische - Erwartung an den Staat.

Kinderlose Frauen und Männer waren am Montag fein raus. Viele andere erlebten mit ihren Töchtern und Söhnen einen veritablen Schulcrash. Wie vor einer Woche in Rheinland-Pfalz versagten in Baden-Württemberg am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien vielerorts die digitalen Lernplattformen. Dunkler Bildschirm statt Homeschooling. Bei Eltern und Kindern lagen die Nerven blank. Die am häufigsten gestellte Frage an diesem Tag dürfte gelautet haben: Wie ist so etwas in einem hochindustrialisierten Land wie Deutschland bloß möglich?

David Jung, Vorsitzender des Landesschülerbeirats BW, im Interview zum vermasselten Schulstart im Fernunterricht:

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Die Antworten darauf befriedigen nicht, liefern aber eine Erklärung. Die Bildungspolitiker hatten die Wahl zwischen blind und taub, zwischen Präsenzunterricht in Zeiten hoher Infektionszahlen und Homeschooling ohne Aussicht auf technischen Erfolg. Jetzt rächt sich, dass die Landesregierungen die Digitalisierung von Schule und Unterricht verschlafen haben. Trotzdem mag ich in die herbe Kritik, die jetzt an Digital- und Bildungspolitikern laut wird, nicht einstimmen.

Vieles im Corona-Jahr lief schlecht und klappt bis heute nicht, etwa die technische Rückständigkeit der Gesundheitsämter oder der tagelange Fehlversuch, für meine 81-jährige Mutter einen Impftermin zu bekommen. Aber neben berechtigter Kritik singt jetzt ein Chor von Besserwissern, die schon immer gefordert haben wollen, was jetzt schmerzlich vermisst wird. Und stecken Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Empörung an.

Lothar Matthäus: Wäre, wäre - Fahrradkette

Ich finde es eine sehr deutsche – weil von deutscher Gründlichkeit geprägte – Erwartung, dass der Staat auf so ziemlich alle Eventualitäten des Lebens gefasst sein muss. Ist er nicht, auch mit einer hoch entwickelten Verwaltung wie der deutschen nicht. Um mit Lothar Matthäus zu reden: Wäre, wäre – Fahrradkette!

Homeschooling - Ein Junge sitzt am Schreibtisch und nimmt mit einen iPad am Online-Unterricht teil.  (Foto: Imago, imago images / brennweiteffm)
Der holprige Start in den Fernunterricht bereitete nicht überall Freude Imago imago images / brennweiteffm

Ehrlicherweise müssten die Kultusministerinnen und -minister der Länder das Schuljahr für gescheitert erklären. Das tun sie natürlich nicht, weil es ihnen politisch angelastet würde. Sie fochten einen Kampf, den sie zu keiner Zeit gewinnen konnten. Genauso wenig Lehrer, Eltern, Schüler. Das Schuljahr 2020/21 ist gescheitert, soviel steht für mich jetzt schon fest. Dieses Scheitern hätte noch etwas Gutes, wenn die Schulen zum kommenden Schuljahr auf die Höhe der Zeit gebracht werden – mit Lernplattformen, Internet und dem ganzen anderen neumodischen Kram.

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