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Fakten statt Gefühl: Das sind die Daten, um die Lage besser einzuschätzen, wenn Politiker und Medien über die drohende "Zweite Welle" in der Coronavirus-Epidemie sprechen.

In Deutschland steigen die Fallzahlen aktuell kontinuierlich an. Es gibt auch Anzeichen für ein Infektionsgeschehen, das sich weiter in der Fläche ausbreitet, was relativ viele neue Fälle bedeutet.

Hinweis: Die Datenanalyse ist keine Vorhersage für die zukünftige Entwicklung, sondern zeigt die Lage zum Zeitpunkt der Auswertung. Die Lage kann sich von Tag zu Tag sehr schnell verändern. Außerdem kommt es aufgrund des Meldeverzugs gegenüber dem Robert-Koch-Institut zu Verzerrungen in der Darstellung, insbesondere am Sonntag und Montag sind die Daten einiger Bundesländer nicht eingepflegt, weshalb zu niedrige Werte für die Landkreise ausgegeben werden. Daher werden die Daten hier am Sonntag nicht aktualisiert.

Zweite Welle oder Dauerwelle

Eine wissenschaftlich-epidemiologische Definition einer "Welle" gibt es eigentlich nicht. Das Bild entsteht aus der Darstellung der Verlaufskurve der Neuinfektionen. Charakteristisch an einer ungebremsten Epidemie ist das exponentielle Wachstum. Die registrierten Fallzahlen vervielfachen sich dann innerhalb weniger Tage. Die Kurve der Neuinfektionszahlen steigt dann steil an wie eine Welle im Meer. Bei der "ersten Welle" im März / April lag das Niveau innerhalb von 10 Tagen bei knapp 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner.

Nehmen wir an, es käme zu einer "Zweiten Welle" und sie wäre ähnlich wie die erste, dann müssten drei Dinge gegeben sein:

  1. Innerhalb von wenigen Tagen vervielfachen sich die registrierten Fallzahlen von Tag zu Tag.
  2. Die Neuinfektionen betreffen verhältnismäßig viele Menschen in der Bevölkerung.
  3. Und das alles passiert an vielen Orten gleichzeitig.

SWR Zweite-Welle-Radar: Entwicklung der Dynamik erkennen

Es gibt kaum noch Landkreise ohne Neuinfektionen und ohne Anstieg, wie die SWR-Datenanalyse in der folgenden Grafik zeigt. Immer mehr Punkte (=Landkreise) wandern in die Mitte, haben also ansteigende Fallzahlen. Auch das Infektionsniveau ist in vielen Landkreisen deutlich angestiegen.

Erläuterung:

  • Jeder Punkt steht für einen Landkreis.
  • Wenn in vielen Landkreisen die Fallzahlen kontinuierlich ansteigen und ein verhältnismäßig hohes Infektionsniveau erreicht wird, liegen viele Punkte rechts oben.
  • Solange die Mehrzahl der Landkreise eher links unten zu finden ist, gibt es keine Anzeichen für den Beginn einer "Zweiten Welle".
  • Schwellenwert: Für das Modell des SWR Zweite-Welle-Radars nehmen wir an, dass ein Landkreis innerhalb von höchstens 10 Tagen mindestens ein Niveau von 24,7 Neuinfektionen pro Hunderttausend Einwohner erreichen müsste.

Ob es in Deutschland überhaupt noch einmal zu einem erneuten rasanten Anstieg der Fallzahlen kommen wird, ist umstritten. Es könnte auch passieren, dass der momentane Zustand punktueller Ausbrüche weiter anhält, ohne dass flächendeckend das Infektionsgeschehen unaufhaltsam aufflammt. Der Virologe Prof. Hendrik Streeck sprach in diesem Zusammenhang von einer "Dauerwelle". In der Punktegrafik oben würden dann tageweise Landkreise im linken Bereich nach oben schießen, sich aber schnell wieder nach unten zurück bewegen.

Steigende Fallzahlen - exponentielles Wachstum?

In den vergangenen Wochen hat das RKI einen Anstieg der gemeldeten Neuinfektionen in Deutschland verzeichnet. In der Woche vom 8. Juni registrierte das RKI im Schnitt täglich 334 Meldungen. Das war der niedrigste Tagesdurchschnittswert nach der ersten Infektionswelle. Durch Hunderte Infektionsfälle unter den Mitarbeitern der Fleischfabrik Tönnies in Güterloh waren die Zahlen in der 25. Kalenderwoche sprunghaft angestiegen. Erst seit Mitte Juli (29. Kalenderwoche) steigen die Fallzahlen gemeldeter Coronavirus-Infektionen deutschlandweit wieder breiter verteilt an. In der 32. Kalenderwoche gingen im Schnitt mehr als 850 Neumeldungen pro Tag ein:

Regionale Unterschiede

Die Grafik zeigt die regional unterschiedliche Entwicklung in den Bundesländern:

Mehr Coronavirus-Tests – mehr gemeldete Fälle

Gleichzeitig sind die Tests umfangreich ausgeweitet worden. Es ist anzunehmen, dass mittlerweile die verschiedenen Test-Strategien und Konzepte der Bundesländer nun vor Ort auch umgesetzt werden. Vermutlich kommt es auch wesentlich häufiger zu Umfeld- und Reihentestungen nach erkannten Infektionsfällen. Außerdem schlagen sich die Massentests von Reiserückkehrern nieder. Weitergehende Zahlen und Statistiken über den Kontext von Coronavirus-Testungen gibt es allerdings nicht:

Positivrate der Coronavirus-Tests steigt

Zu einem gewissen Teil könnte der Anstieg der Fallzahlen demnach auch darauf zurückzuführen sein, dass mehr Tests auch mehr Infizierte, insbesondere solche mit symptomlosen Verläufen, überhaupt erst entdeckt werden. Selbst bei einer angenommenen stabilen Positivrate von 1,0 Prozent entfielen darauf lediglich wenige hundert Fälle pro Woche. Ein weiteres Anzeichen für eine stärkere Ausbreitung des Virus ist der Anstieg der Positivrate:

Fazit

Die Ausbreitung des Coronavirus ist unberechenbar. Die SWR-Datenanalyse zeigt, dass aktuell ein deutlich erhöhtes Grundniveau an Infektionen vorhanden ist. Außerdem gibt es einen Trend, dass die registrierten Neuinfektionen flächendeckend in vielen Landkreisen und kontinuierlich ansteigen. Reiserückkehrer spielen dabei eine verstärkte Rolle.

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