Jörn Müller-Quade (Foto: Pressestelle, SWR, Müller-Quade)

Krieg im Schatten des Internets

Karlsruher IT-Experte: Hacker können Russland schaden

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Ekkehard Jayme/Oliver Grimm

Der Ukraine-Krieg wird nicht nur mit Panzern, Flugzeugen und Raketen ausgefochten. Er ist auch ein unsichtbarer Krieg im Cyberspace. Die ukrainische Regierung hat Hacker in der ganzen Welt aufgerufen, ihr im Kampf gegen Russland zu helfen.

Jörn Müller-Quade ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er leitet dort seit 2009 das Institut für Kryptographie und Sicherheit. Als ausgewiesener Experte für IT-Sicherheit beobachtet er die derzeiten Cyberkrieg-Aktivitäten sehr aufmerksam.

Was halten Sie von dieser Freiwilligenarmee, die sich da im Schatten des Internets formiert?

Ich halte das aus Sicht der Ukraine für eine ziemlich pfiffige Idee, weil sich jetzt sozusagen Kräfte formieren, die eben die Ukraine unterstützen, die vielleicht in Russland hacken und vielleicht sogar in diesem Schatten einige Geheimdienste mitmachen und so einen Deckmantel haben. Aber ansonsten sehe ich es auch ein bisschen bedenklich, weil das natürlich eigentlich verboten ist. Ich meine, man stelle sich mal vor: Jemand, der sich über irgendetwas empört, kann die internationale Hacker-Welt heraufbeschwören, um etwas durchzusetzen. Da müsste man eigentlich genau wissen, ob das moralisch vertretbar ist, sich als externe Hacker in den Krieg einzumischen oder nicht. Aber raffiniert war das.

Wie könnte denn überhaupt so eine Cyberattacke auf Russland aussehen?

Ich denke, dass man versuchen würde, der Wirtschaft zu schaden, genauso wie das die Sanktionen tun. Das heißt, man würde wahrscheinlich nach verwundbaren Zielen suchen, schlecht gesicherte Supermärkte oder irgend so etwas und würde dort vielleicht, indem man Daten löscht oder verschlüsselt, die Firmen handlungsunfähig machen und eben die Wirtschaft schädigen. Vielleicht ist es auch möglich, kleinere Steuergeräte, die ungesichert am Netz hängen, zu übernehmen und irgendwelche Dinge zu verstellen. Ich glaube aber, so ein richtig großer Hack, der zu einem riesigen Stromausfall führen wird oder der ein Atomkraftwerk angreift, das wird wahrscheinlich bei diesem Angriff nicht passieren, würde ich schätzen, sondern es wird ein massenhafter Angriff sein mit vielen, leicht verwundbaren Zielen wahrscheinlich.

Russland ist mutmaßlich selbst der Urheber vieler Cyberattacken. Liegt es da nicht nahe, dass das Land auf Gegenangriffe bestens vorbereitet ist?

Das ist die Frage, was das bedeutet, vorbereitet sein. Ich glaube, die sind selber sehr gute Hacker. Das heißt, wenn jetzt Leute dort rumhacken, kann es sein, dass das eskaliert und russische Hacker zurückhacken. Aber nur, weil sie selbst gute Hacker sind, glaube ich nicht, dass die Systeme dort in den Supermärkten und kleineren Firmen im Schnitt besser geschützt sind als woanders auf der Welt.

Wenn ein Hacker in Deutschland das Netzwerk einer Bank oder eines Krankenhauses lahmlegt, macht er sich strafbar. Wie ist das eigentlich in einem Krieg gegen einen Aggressor wie Putin?

Das ist eine sehr gute Frage, eine juristische Frage. Man könnte vielleicht einen entschuldigenden übergesetzlichen Notstand geltend machen wollen, dann wäre es immer noch verboten. Aber man hätte sozusagen einen entschuldigenden Umstand. Aber wie verboten es genau ist, weiß ich nicht. Verboten sind ja Hacks. Aber dass man sich sozusagen mit dem Hack in einen Krieg einmischt und dort vielleicht für letztlich mehr Gewalt sorgt, das glaube ich, wird da nicht mit abgebildet. Wahrscheinlich ist nur strafbar, dass man sozusagen hackt.

Der Ukraine-Krieg ist ein Cyberkrieg, wie kaum ein Konflikt vorher. Welche Hauptlehren sollten wir in Deutschland daraus ziehen?

Ich glaube, wir sind gerade stark dabei, Lehren zu ziehen. Dinge, die wir in den letzten Jahrzehnten vielleicht vernachlässigt haben, die Abhängigkeit von Öl oder Erdgas. Ich denke aber auch, eine Lehre, die wir ziehen sollten, ist, dass wir uns nicht zu sehr in Abhängigkeit bringen sollten bei der IT. Da gibt es schon länger ein Umdenken. Da gibt es schon länger das Reden von der digitalen Souveränität Europas oder Deutschlands. Was hier passiert, zeigt jetzt, wie wichtig das ist, wie angreifbar man ist und dass die Welt eben doch nicht so gut und schön ist, wie wir sie noch vor einer Woche wähnten.

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