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Urbane Landwirtschaft gegen Nahrungsmittelknappheit Essen wächst auch auf dem Dach

Urbane Landwirtschaft liegt im internationalen Trend. Auf städtischen Flächen in Deutschland gedeihen bereits Kartoffeln, Bohnen, Tomaten, Paprika, Beeren. Auch die Metropolen mancher Entwicklungsländer setzen auf "Urban Farming".

Model eines Gewächshochhauses

Reisanbau im Hochhaus - Megastädte wachsen, Ackerland nimmt ab

Im sogenannten "Prinzessinnengarten", einer ehemaligen Brachfläche in Berlin-Kreuzberg, bauen Anwohner in gemeinschaftlichem Engagement ihr Gemüse selbst an, ebenso auf einem Parkhausdeck im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli. Eng verwandt mit dieser Idee ist das Urban Gardening, das auch in deutschen Großstädten populär ist.

Ackerbau im Senegal

Ackerbau im Senegal

In den Entwicklungsländern stehen andere Motive im Vordergrund. Die Nahrungsmittelproduktion wieder in die Städte zu holen, dorthin, wo die meisten Lebensmittel auch verbraucht werden – das wird hier als Chance zum Überleben gesehen, um Transportwege und Energie zu sparen.

Urbane Landwirtschaft in Afrika - Beispiel Dakar

Stadtnahe Versorgung, Wiederverwertung des Abwassers – die Landwirte von Dakar haben ein ausgeklügeltes und zugleich praktikables System einer urbanen Landwirtschaft entwickelt, das an die Möglichkeiten einer afrikanischen Großstadt angepasst ist. Der urbane Ackerbau in Dakar hilft, Ressourcen zu sparen. Zum einen, da in der Stadt an der Küste mehr Wasser zur Verfügung steht als im Hinterland, zum zweiten dadurch, dass die städtischen Abwässer wieder verwendet werden. Und schließlich, weil die Wege vom Acker zum Verbraucher kurz sind – und der Salat nicht durch das ganze sengend heiße Land gefahren werden muss.

Landwirtschaft in der Stadt

Farbige Häuserzeile in Havanna

Die Altstadt von Havanna

In anderen afrikanischen Städten wie Dar es Salam in Tansania oder im marokkanischen Casablanca haben sich vergleichbare Systeme städtischer Landwirtschaft entwickelt. Ebenso in der Karibik: In der kubanischen Hauptstadt Havanna war Rohstoffknappheit sogar der treibende Faktor. Auslöser war der Niedergang der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre. Er löste in Kuba eine Wirtschaftskrise aus. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Öl brach plötzlich zusammen Und die moderne Landwirtschaft ist vom Erdöl abhängig.

Vom Garten in den Mund

Nach amtlichen Angaben werden heute 90 Prozent aller frischen Nahrungsmittel, die in Havanna auf den Tisch kommen, in der Stadt erzeugt – in privaten Gärten, kommunalen Gemeinschaftsbeeten oder auf freien Flächen staatlicher Behörden. Die kubanische Regierung hat die agricultura urbana auch aktiv gefördert. Dennoch handelt es sich immer noch um eine Landwirtschaft, wie wir sie seit alters her kennen: mit Bauern oder wenigstens Gärtnern, die Felder bewirtschaften, und mit Pflanzen, die in der Erde wachsen.

Vertikales Wachsen

Andere Vordenker haben noch viel weitreichendere Ideen. Der prominenteste von ihnen ist der Mikrobiologe Dickson Despommier von der Columbia University in New York.

Gemüsesprossen unter EHEC-Verdacht

Gemüsesaatlinge in künstlicher Umgebung

Statt quadratkilometerweise Fläche für die Landwirtschaft zu verbrauchen, will Dickson Despommier in die Vertikale ausweichen. Deshalb nennt seine Idee vertical farming. Gemüseanbau in Hochhäusern. Die nahezu einzige Parallele zur urbanen Landwirtschaft im Senegal ist, dass auch Despommier seine Pflanzen ressourcenschonend mit städtischem Abwasser bewässern will, nachdem es vorher freilich geklärt wurde.

Turmgewächshaus zur Weltenrettung

Turmgewächshaus von Ruthner1965 bei Bayer in Leverkusen

Turmgewächshaus von Ruthner1965 bei Bayer in Leverkusen

Auch wenn Despommier sich ein wenig als Weltenretter inszeniert – seine Idee ist nicht ganz neu. Bereits 1965 ging im Forschungsgarten der Bayer-Werke in Leverkusen der Prototyp eines damals noch so genannten "Turmgewächshauses" in Betrieb. 20 Meter hoch, vier Meter Durchmesser. Entworfen vom Wiener Erfinder und Maschinenbauingenieur Othmar Ruthner. Das Turmgewächshaus – ein rundum verglaster Turmbau von der Höhe eines vielstöckigen Hauses, in dem Gemüse- oder Blumenbeete nach Art eines Paternosters auf- und niederschweben. Ein Kunstklima im Innern des Glasturms bewirkt Rekordernten.

Das war 1965

Doch Ruthner, der zahlreiche Patente angemeldet hatte, konnte zwar einige technische Komponenten entwerfen und als Patente anmelden, doch der große Erfolg blieb aus. Im Archiv der Bayer AG in Leverkusen finden sich zwar noch die Fotos des Turmgewächshauses und ein Presse-Bericht zur Eröffnung – doch weder blieb das Gebäude erhalten, noch gibt es Unterlagen, was daraus wurde. Jahrzehnte vergingen, bis die Idee wieder aufgegriffen wurde.

Gärten des Himmels

Model einer Gewächshochhausanlage

Reisanbau am Fließband

Auch wenn es auf den ersten Blick dem Konzept des Vertical Farmings entspricht, benutzt Folkard Asch von der Universität Hohenheim einen anderen Ausdruck: Er und seine Kollegen sprechen von der Skyfarm – der Himmelsfarm. Die Idee weicht auch in mehreren zentralen Punkten von der des New Yorkers Despommier ab. Erster Unterschied: In der Skyfarm soll kein Gemüse wachsen und kein Salat, sondern Reis. Denn der allergrößte Teil des Kalorienbedarfs wird über Grundnahrungsmittel, also stärkeliefernde Pflanzen geliefert.

Reis aus dem Wolkenkratzer

Um die Idee zu realisieren, arbeiten die Hohenheimer Agrarforscher mit Architekten der Universität Stuttgart zusammen. Die haben auch das Miniatur-Modell entworfen.

Der Bauphysiker Jürgen Schreiber nennt weitere Gründe, die aus seiner Sicht dafür sprechen, sich auf Reis zu konzentrieren. Der herkömmliche Reis-Anbau verursache viele Probleme. Zum einen steigen aus Reisfeldern erhebliche Mengen an Treibhausgasen auf, zum anderen benötigt der Reis enorme Mengen Wasser.

Die geschlossene Wolke

Auch das ein Unterschied zum Konzept von Dickson Despommier.

Zug entlang der Reisfelder

Zug entlang der riesigen Reisfeldflächen

Fast das gesamte Wasser, das für den Reisanbau nötig ist, soll im Gebäude verbleiben. Lediglich das Wasser, das der Reis beim Wachsen aufnimmt und das im Korn gespeichert ist, müsste, wenn der geerntete Reis das Gebäude verlässt, erneuert werden. Die Rechnung klingt beeindruckend: Um ein Kilogramm Reis zu produzieren, bräuchte man nicht mehr wie im traditionellen Anbau 500-1000 Liter Wasser sondern nur noch zehn. Ein weiterer Unterschied zur herkömmlichen Produktion: Die Pflanzen wachsen ohne Erde auf.

Pflanzen brauchen keinen Boden

Der Reis steckt nach den Vorstellungen Folkard Aschs vielmehr in einer stabilen Membran oder Trägerfolie. Diese Folie trennt dabei zugleich den Wurzel- vom Sprossraum, also den oberirdischen Teil der Pflanze und den normalerweise unterirdischen Wurzelbereich. Nur dass die Wurzeln unten herausgucken und von einem nährstoffhaltigen Nebel umgeben sind.

Die Rotlichtpflanze

Das Licht ist neben dem Wasser die zweite große Stellschraube. Normale Pflanzen gedeihen im Sonnenlicht. Aber die Sonneneinstrahlung ist wetterabhängig und somit nicht verlässlich. Folkard Asch spricht von der gläsernen Versuchskammer in seinem Labor.

Skyfarming im Hochhaus

"Skyfarming" im Hochhaus

Dort untersucht er, wie Reis und andere Pflanzen auf verschiedene atmosphärischen Bedingungen reagieren. Kammer des Schreckens nennt er sie wegen der Beleuchtung, die das normale ästhetische Empfinden verletzt. Denn gemütlich wirken sie nicht, die hässlichen einfarbigen Leuchtdioden mit ihrem kalten Licht.

Wachsen auf Knopfdruck

Licht und Wasserbedarf sind die beiden Größen, die Folkard Asch und seine Kollegen mit ihren Experimenten im Labor und im Gewächshaus optimieren wollen.

Es wird deutlich, sollte die Skyfarm jemals Realität werden, bräuchte sie ein hochkomplexes Steuerungssystem, um für die einzelnen Entwicklungsschritte alles richtig einzustellen. Verlockend ist auch die Hoffnung, den Flächenverbrauch für die Lebensmittelproduktion drastisch zu reduzieren.


Peak Oil und Peak Soil

Denn so wie die Energieindustrie vom Peak Oil spricht – davon, dass das Ölfördermaximum bald überschritten ist – gibt es in der Agrarökologie das Schlagwort vom Peak Soil: Der Ausdruck steht für die drohende Knappheit an fruchtbarem Land.

Traktor auf Wiese

Der horizontale Platz reicht nicht

Deshalb mag Folkard Asch die Idee der Skyfarm: Schon in einem 20stöckigen Gebäude, so die Rechnung, ließe sich pro Hektar 200mal so viel Reis ernten wie im traditionellen Anbau.

Iss Dich satt auf meinem Dach

Bis dahin gibt es bereits einen mittleren Weg. Statt für die Kulturpflanzen eigene Häuser zu bauen, kann man Lebensmittel bereits in bestehenden Gebäuden produzieren. Auf den Dächern von Bürogebäuden oder an Fassaden. Im New Yorker Stadtteil Bronx existieren bereits einige solcher Dachfarmen. All die Beispiele zeigen: Es wird derzeit viel experimentiert. Von dem mit Abwässern gedüngten Salat auf den städtischen Äckern in Dakar über die staatlich propagierte agricultura urbana in Kuba bis hin zu den verschiedenen Überlegungen, Gemüse auf Bürodächern oder Reis in Skyfarmen zu züchten.

Kein Wunder: Inzwischen leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und außerdem müssen im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen auf der Welt mit Nahrung versorgt werden.