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Umweltskandal in Mittelbaden Daten und Fakten zur PFC-Verseuchung

Von Stephan Germann

Vom "flächenmäßig größten Umweltskandal Deutschlands" sprechen Experten angesichts der PFC-verseuchten Ackerböden in Mittelbaden. Wie konnte es dazu kommen? Und welche Lösungen gibt es?

Übersicht über PFC-belastete Flächen

Übersicht über PFC-belastete Flächen

Was ist dieses PFC überhaupt?

PFC ist die Abkürzung für "poly- oder perfluorierte Chemikalien". Dabei werden unterschiedlich lange Kohlenstoffketten verwendet, bei denen die Wasserstoff-Atome teilweise (poly-) oder vollständig (per-) durch Fluor-Atome ersetzt werden. Dadurch haben PFC wasser-, schmutz- und fettabweisende Eigenschaften. Zur Gruppe der PFC zählen mittlerweile mehr als 1.200 verschiedene Einzelsubstanzen, die in hunderten verschiedenen Produkten eingesetzt werden, vom Pizzakarton bis zur Outdoorjacke.

Und wo ist das Problem?

Obwohl PFC seit Jahrzehnten hergestellt werden, sind ihre gesundheitlichen Auswirkungen noch lange nicht vollständig erforscht. Nach Angaben des Umweltbundesamts weisen Tierversuche darauf hin, dass PFC verschiedene Krebsarten auslösen können. Außerdem gebe es den Verdacht, dass sie sich negativ auf die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern auswirken. Den Angaben zufolge reichern sich vor allem PFC mit langen Kohlenstoffketten im Organismus und entlang der Nahrungskette an. Kurzkettige PFC sind in dieser Hinsicht etwas unproblematischer, wandern dafür aber schneller durch die Böden und gelangen so schneller ins Grundwasser.

Wie sind die PFC auf die mittelbadischen Äcker gekommen?

Im Verdacht steht ein Komposthändler aus Bühl. Er soll Schlämme aus der Papierherstellung zu Kompost verarbeitet und diesen teilweise an die Bauern in der Region verschenkt haben. Nach Angaben des Regierungspräsidiums Karlsruhe ist auf allen jetzt bekannten PFC-belasteten Böden damit gedüngt worden. Der Händler bestreitet allerdings, an der Verseuchung schuld zu sein. Das Beimischen von Papierabfällen sei damals nicht illegal gewesen, im Gegenteil: Gewerbeaufsicht und Papierhersteller hätten ihm die Abfälle geradezu aufgedrängt. Der Händler fordert, auch andere mögliche PFC-Quellen zu suchen. Der Streit beschäftigt die Gerichte bis heute.

Welches Ausmaß hat die Verseuchung in Baden-Württemberg?

Felder mit Gras, Raps, Mais und einem Baum.

Die Behörden empfehlen, in PFC-Gebieten nur bestimmte Pflanzen anzubauen (Symbolbild)

Laut Landratsamt Rastatt sind mittlerweile 700 Hektar Land zwischen Bühl und Rastatt untersucht worden - 400 davon sind PFC-belastet. Auf den betroffenen Äckern wird bis 2021 ein sogenanntes Vorernte-Monitoring durchgeführt: Rechtzeitig vor der Ernte werden Proben der angebauten Produkte auf PFC-Rückstände untersucht. Überschreiten die Werte die vom baden-württembergischen Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz festgelegten Grenzen, darf die Ware nicht verkauft werden. Auch die Brunnen in der Region werden regelmäßig kontrolliert. Zwei Wasserwerke wurden dichtgemacht, weil zu viel PFC im Trinkwasser nachgewiesen wurde. Kritiker wie beispielsweise der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) monieren, dass die Behörden lediglich kontrollieren, aber eine Sanierung der Böden vor sich herschieben.

Wäre eine Sanierung überhaupt denkbar?

Weil PFC in der Natur nicht vorkommen, können sie auch nicht auf natürliche Weise abgebaut werden. Abhilfe würde also nur ein großflächiger Bodenaustausch schaffen - und der ist teuer. Ein Gutachten kam schon Ende 2015 auf einen dreistelligen Millionenbetrag für die Sanierung - mit ungewissem Ausgang. Denn nirgendwo auf der Welt habe man bisher Erfahrung mit der Sanierung solch großer Flächen. Heute gehen die Schätzungen eher in die Milliarden. Sind PFC erst einmal ins Grundwasser gelangt, wird es noch schwieriger, weil sich die PFC im Untergrund immer weiter verteilen und beispielsweise über Beregnungsanlagen wieder in den Umlauf kommen. Niemand weiß, wie weit die Chemikalien im Untergrund heute schon verbreitet sind. Wie man sie beseitigen kann, wird nach Angaben der Behörden derzeit erst erforscht.

Wie hoch ist der Schaden?

Etwa 60 Landwirte in Mittelbaden haben PFC-belastete Äcker. Für die Bauern kann das PFC-Problem existenzbedrohend werden. Denn wenn die angebaute Ware nicht verkauft werden darf, kommt dafür zunächst einmal niemand auf. Etlichen Landwirten in der Region stünde das Wasser bis zum Hals, heißt es beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV). Durch die im Raum stehenden Stilllegungen von besonders hoch belasteten Ackerflächen drohen weitere Verluste. Und auch der Komposthändler steht durch den Verdacht, der Verursacher zu sein, vor den Trümmern seiner Existenz.