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Kollage: Außenansicht des Hauptbahnhofs in Stuttgart und Geldscheine

SWR-Recherche zu Stuttgart-21-Tunnelbau S21 könnte Dauersanierungsfall werden

Dem SWR und der "Stuttgarter Zeitung" liegt das KPMG-Gutachten zu Stuttgart 21 komplett vor. Darin steht, dass der Tunnelbau in der schwierigen Geologie Stuttgarts riskanter ist als bisher angenommen.


Von Harald Kirchner

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2:17 min | Fr, 2.12.2016 | 19:30 Uhr | SWR Fernsehen BW

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Sanierungsbedarf wegen Gipsschicht?

S21-Tunnelbau riskanter als bisher bekannt

Aus einem Gutachten, das der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn in Auftrag gegeben hat, geht hervor, dass S21 zum Dauersanierungsfall werden könnte. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wurde nicht informiert.

Ein Gutachten im Auftrag des Aufsichtsrats der Deutschen Bahn AG geht davon aus, dass der Tunnelbau in der schwierigen Geologie Stuttgarts riskanter ist, als bisher angenommen. Grund dafür ist der so genannte Anhydrit, eine Art Gipsschicht, die, wenn sie mit Wasser in Berührung kommt, zu quellen beginnt. Die Risiken waren zwar immer bekannt, doch die Bahn hat stets behauptet, die technischen Probleme im Griff zu haben.

Nun besagt das Gutachten der Wirtschaftsprüfer KPMG und des Ingenieurbüros Ernst Basler+Partner, das dem SWR vollständig vorliegt, dass nicht nur beim Bau mit Schwierigkeiten zu rechnen sei, sondern auch immer wieder Sanierungen nach der Inbetriebnahme der Tunnel nötig werden könnten. Über dieses Gutachten gab es in der Vergangenheit bereits Berichte, diese basierten aber auf einer Kurzfassung.

"Unüblich großes Risiko für Betriebstauglichkeit"

Konkret heißt es in dem Gutachten: "Zusammenfassend stellen wir fest, dass es für Tunnel im Anhydrit, und dabei insbesondere für Übergangszonen mit geringer Überdeckung, gemäß Einschätzung EBP (Ernst Basler+Partner red.) keine bautechnische Lösung gibt, welche eine risiko- bzw. unterhaltfreie Nutzungsdauer über Jahrzehnte, erst recht nicht bis zur üblicherweise geforderten Nutzungsdauer von 100 Jahren, zuverlässig sicherstellen kann. Einzelne Maßnahmen können zu einer Verlangsamung, nicht aber zu einer Unterbindung des Quellens führen. Insofern muss man sich bewusst sein, dass bei jedem Tunnel im Anhydrit inhärent ein im Ingenieurbau unüblich großes Risiko für die Betriebstauglichkeit besteht."

Schlimmste Befürchtungen der Kritiker bestätigt?

Bauarbeiter arbeiten auf der Baustelle des ersten unter dem Neckar verlaufenden Verkehrstunnels der Deutschen Bahn in Stuttgart (Baden-Württemberg).

Risiken für Tunnelbau bei Stuttgart 21 größer als bisher angenommen (Archiv)

Das heißt, nicht nur die Baukosten könnten sich deutlich erhöhen, sondern es besteht das Risiko eines Dauersanierungsfalls, der den Eisenbahnbetrieb im neuen Stuttgarter Bahnknoten empfindlich stören könnte. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) kannte diese brisanten Ergebnisse bisher nicht. Er habe das Gutachten trotz Nachfragen nicht von der Bahn erhalten. In einer ersten Reaktion sagte Hermann dem SWR, wenn es tatsächlich so im Gutachten stehe, dann seien die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker jetzt auch noch von den Bahnexperten bestätigt worden. Das beunruhige ihn sehr. Denn das könne das Projekt nochmals verteuern und könnte das Risiko des Projektes nochmals vergrößern.

Die Bahn teilte auf SWR-Anfrage mit, das von dem weltweit renommierten Tunnelbauexperten Professor Walter Wittke entwickelte Bauverfahren habe sich bislang bewährt. "Im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 sind bereits über die Hälfte der relevanten Anhydritlinsen erfolgreich durchfahren worden. Sämtliche Hebungen liegen deutlich unterhalb der Toleranzschwelle", so die Bahn.

Auch der Engelberg-Tunnel wurde durch Anhydrit gebohrt

Einen ähnlichen Fall gibt es in der Nähe Stuttgarts bereits - es ist der Engelberg-Autobahntunnel der A81 nahe Leonberg. Auch dieser Tunnel wurde durch Anhydrit gebohrt und muss immer wieder saniert werden. Demnächst steht wieder eine Sanierung an, die Kosten sollen im dreistelligen Millionenbereich liegen. Dazu zitierte die Bahn auf SWR-Anfrage Wittke: "Wir sind absolut sicher, dass in den Stuttgart-21-Tunneln kein dem Engelbergtunnel vergleichbarer Sanierungsbedarf eintreten wird."

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