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Von A wie Abriss bis Z wie Zugentgleisung

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Das Jahr 2012 beginnt mit einem Paukenschlag. Am 20. Januar kündigt die Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz an. In den Monaten danach entlässt das Unternehmen aus Ehingen Tausende Mitarbeiter, jede zweite Filiale muss schließen. Der Versuch, den Drogisten mit staatlicher Hilfe zu retten, scheitert im Juni. Schlecker wird zerschlagen, die Pleite kostet knapp 25.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland. Einige ehemalige Mitarbeiterinnen wollen trotzdem weitermachen. Am Ende des Jahres wagen sie den Schritt in die Selbständigkeit und gründen zum Teil in Kooperation ihre eigenen Drogeriemärkte.

Das Jahr 2012 beginnt mit einem Paukenschlag. Am 20. Januar kündigt die Drogeriemarktkette Schlecker Insolvenz an. In den Monaten danach entlässt das Unternehmen aus Ehingen Tausende Mitarbeiter, jede zweite Filiale muss schließen. Der Versuch, den Drogisten mit staatlicher Hilfe zu retten, scheitert im Juni. Schlecker wird zerschlagen, die Pleite kostet knapp 25.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland. Einige ehemalige Mitarbeiterinnen wollen trotzdem weitermachen. Am Ende des Jahres wagen sie den Schritt in die Selbständigkeit und gründen zum Teil in Kooperation ihre eigenen Drogeriemärkte.

Sie soll 50 Millionen Euro gekostet haben und wäre damit eines der teuersten Kunstwerke in Deutschland: die Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren. Erworben hat sie der Künzelsauer Unternehmer und Kunstsammler Reinhold Würth. Das Gemälde aus dem 16. Jahrhundert hat viel erlebt: Immer wieder wechselte es den Besitzer und überstand wie durch ein Wunder unversehrt beide Weltkriege. Ihr letzter Eigentümer, die Erbengemeinschaft des Hauses Hessen, veräußerte sie schließlich an Reinhold Würth. Seit Januar 2012 ist die Madonna in Schwäbisch Hall zu bewundern.

17 Monate nach dem Nordflügel fällt Ende Januar der Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs dem Abrissbagger zum Opfer. Im Februar werden im Schlossgarten die ersten Bäume gefällt. Auch 2012 bewegt das Milliardenprojekt Stuttgart 21 die Gemüter. Immer noch treffen sich die Projektgegner jeden Montag zu Kundgebungen, am 26. November zum 150. Mal.

Am 21. Februar überquert Janice Jakait mit ihrem Boot die Ziellinie in Barbados - genau 90 Tage nach ihrem Start in Portugal. Die Extrem-Ruderin aus dem nordbadischen Neulußheim hat für die Atlantiküberquerung nur ihre Muskelkraft benötigt - sowie ein Hightech-Ruderboot, das für Stürme mit Zwölf-Meter-Wellen genauso gerüstet ist wie für eine mögliche Kollision mit einem 400 Meter langen Tanker. An Bord sind eine Solarpaneele für eine Wasser-Entsalzungsanlage, ein GPS-Gerät und 250 Kilogramm Lebensmittel. Zwei Jahre lang hat sich Jakait intensiv vorbereitet. Die 34-Jährige wollte mit ihrer 6.500 Kilometer langen Fahrt auch ein Zeichen gegen den zunehmenden Unterwasserlärm in den Weltmeeren setzen.

Innovativ, schnittig, legendär: Der Porsche 911 ist das große Vermächtnis von Ferdinand Alexander Porsche, der am 5. April mit 76 Jahren in Salzburg stirbt. Der Sohn von Unternehmensgründer Ferry Porsche hat das Design der schwäbischen Sportwagenschmiede maßgeblich mitgestaltet. 1958 war er in das Konstruktionsbüro des Autobauers eingestiegen. 1972 stieg er wieder aus dem operativen Geschäft aus und gründete das "Porsche Design Studio". Mit seinen Armbanduhren, Brillen und Schreibgeräten im "Design by F. A. Porsche" erlangte er weltweites Renommee.

Im April führt Baden-Württemberg per Gesetz die Gemeinschaftsschule ein. Mit der Mehrheit von Grünen und SPD stimmt der Landtag für die neue Schulart, in der alle Schüler eines Jahrgangs gemeinsam unterrichtet werden sollen und die den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verringern soll. Die Unterscheidung in Haupt-, Realschule und Gymnasium entfällt hierbei. Nach den Sommerferien geht die Gemeinschaftsschule an den Start. 42 Schulen beteiligen sich an dem grün-roten Reformprojekt. Etwa 2.000 Schüler haben sich für die neue Schulform angemeldet.

Ein Geburtstagsständchen für Baden-Württemberg: Am 25. April feiert das Land mit einem großen Festakt Jubiläum. Vor genau 60 Jahren wurde aus den alten Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern der neue Staat im Südwesten Deutschlands gebildet. Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) lobte bei der Festsitzung im Landtag das aus seiner Sicht lebenswerteste Land in ganz Europa. "Nirgends in Deutschland, ja in Europa, sind Lebensqualität und Lebenschancen in der gesamten Fläche so gleichmäßig gut wie bei uns in Baden-Württemberg."

Wahrscheinlich aus Wut und Verzweiflung über eine Zwangsräumung kommt es am 4. Juli in Karlsruhe zu einem Drama, bei dem fünf Menschen sterben. Geräumt werden soll die zwangsversteigerte Wohnung einer 55-Jährigen. Ihr Freund nimmt den Gerichtsvollzieher, den Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes, den neuen Wohnungseigentümer und einen Sozialarbeiter als Geiseln. Später lässt der 53-Jährige den Sozialarbeiter gehen und erschießt die drei anderen Männer und seine Freundin. Dann richtet er sich selbst. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Mann die Geiselnahme und die Ermordung seiner Opfer geplant hat.

Was der Fußballfan von großen Turnieren kennt, dem frönt Ende Juli auch der Stuttgarter Opern-Fan: Live-Übertragung und Public Viewing. Der SWR überträgt Mozarts "Don Giovanni" aus der Stuttgarter Oper als multimediales Event in Fernsehen und Hörfunk. Im Internet können die Zuschauer die Inszenierung aus sechs frei wählbaren Kamera-Perspektiven verfolgen. In der ausverkauften Oper sitzen 1.400 Besucher. Vor dem Opernhaus sehen Tausende das Stück bei sommerlicher Picknick-Atmosphäre auf einer Großbildleinwand im Schloßgarten. Entertainer Harald Schmidt führt durch den Abend.

Ende Juli entgleist am Stuttgarter Hauptbahnhof ein Intercity. Die etwa 100 Reisenden bleiben unverletzt. Der Vorfall löst eine erneute Diskussion um Stuttgart 21 aus. Hat die Deutsche Bahn bei dem Bauvorhaben wirklich alles im Griff? Kritiker erhalten neue Nahrung, als Ende September an fast der gleichen Stelle erneut ein Intercity aus den Gleisen springt. Anfang Oktober passiert das Ganze noch einmal mit einem Testzug. Die Folge: wochenlange Behinderungen im Bahnverkehr. Das angekratzte Image der Deutschen Bahn verschlechtert sich weiter, als ein Schweizer Gutachten Mitte Oktober Zweifel am Brandschutz im geplanten Tiefbahnhof aufkommen lässt.

Der Bodensee, er schafft sie alle - auch den "Orca". Schon zweimal in diesem Jahr - im Mai und im Juli - hat der See den Stuttgarter Extremschwimmer Bruno Dobelmann mit dem passenden Spitznamen in die Knie gezwungen: ohne Neoprenanzug versucht er, den Bodensee in seiner ganzen Länge von 64 Kilometern zu durchschwimmen. Blasenprobleme, das kalte Wasser und teilweise heftiger Gegenwind zwingen "Orca" zum Aufgeben. Ende August scheitert auch Extremschwimmerin Kirsten Seidel aus Dresden. Sie will ebenfalls ohne wärmenden Neoprenanzug ab Bodman (Kreis Konstanz) nonstop um den See herum. Die 136 Kilometer lange Mammut-Tour endet schon nach 64 Kilometern und rund 36 Stunden im österreichischen Bregenz.

Kann teuer werden, so ein Aufruf zu einer Facebook-Party. Ende August bekommt ein 17-Jähriger einen Gebührenbescheid über rund 400 Euro zugestellt. Er hat wie zahlreiche vor und nach ihm dieses Jahr zu einer öffentlichen Party über das Netzwerk aufgerufen. Der Jugendliche will es im Juli auf der Theresienwiese in Heilbronn krachen lassen. Häufig enden diese Events mit vermüllten Straßen und verärgerten Anwohnern. In Heilbronn ist die Polizei im Vorfeld auf die Aktion aufmerksam geworden. Der 17-Jährige zieht seine Einladung zurück und muss "nur" die Gebührenzahlung übernehmen. Innenminister Reinhold Gall (SPD) kündigt an, zukünftig auch das Internetportal selbst in die Pflicht zu nehmen.

Der echte Apple-Fan ist bereit zu leiden, wenn es um das Objekt seiner Begierde geht. Geschehen am 21. September in Sindelfingen. An diesem Tag eröffnet hier der erste Apple-Store in Baden-Württemberg. Zeitgleich soll das iPhone 5 erstmals über den Ladentisch gehen. Hunderte Fans fiebern in einer langen Schlange der Eröffnung entgegen und hoffen darauf, ein Handy der neueste Version ergattern zu können. Mehrere Dutzend Menschen harren bereits seit ein Uhr in der Nacht vor dem Einkaufszentrum aus. Die Mitarbeiter begrüßen sie mit La-Ola-Wellen, Jubelschreien und energischen "Welcome"-Rufen.

"Ich beglückwünsche Sie zunächst, jung zu sein." Mit diesen Worten hat der französische Staatspräsident Charles de Gaulle vor 50 Jahren mit seiner "Rede an die Jugend" im Ludwigsburger Schlosshof die deutsch-französische Freundschaft begründet. 50 Jahre danach, am 22. September, treffen sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Präsident François Hollande am selben Ort, um an diese historische Ansprache zu erinnern. "Merkollande" feiern mit rund 650 geladenen Gästen "50 Jahre grenzenlose Freundschaft".

Ehre wem Ehre gebührt: Im Oktober wird das Filderkraut als regionale Spezialität geschützt. Ein entsprechendes Gütesiegel der Europäischen Kommission soll sicherstellen, dass Filderkraut und Filderspitzkraut wirklich aus der Filderebene bei Stuttgart kommen. Die aus zehn Landwirtschaftsbetrieben bestehende "Interessengemeinschaft Filderkraut" hat 2006 den geografischen Schutz beantragt. Die Variante des Spitzkohls wird seit Jahrhunderten auf der 22.000 Hektar großen Ebene angebaut. Übrigens, auch die "Schwäbischen Maultauschen", der "Schwarzwälder Schinken" und die "Schwarzwaldforelle" haben bereits das Gütezeichen "geschützte geografische Angabe" erhalten.

Die Grünen erobern das Stuttgarter Rathaus: Am 21. Oktober wird Fritz Kuhn zum Oberbürgermeister gewählt und ist damit der erste grüne Politiker im Chefsessel einer deutschen Landeshauptstadt. Kuhn, der auf Wolfgang Schuster (CDU) folgen wird, erreicht 52 Prozent der Stimmen. Der von der CDU und der FDP unterstütze Sebastian Turner (parteilos) kommt auf 45 Prozent. Eine herbe Schlappe für die Christdemokraten, die vor eineinhalb Jahren bereits den Ministerpräsidenten-Posten an die Grünen abgeben mussten.

Die Affäre um zwei ehemalige Beamte der Böblinger Bereitschaftspolizei, die zeitweise Mitglieder des Ku-Klux-Klan waren, kostet das Land im Sommer Vertrauen. Im Oktober wird bekannt, dass ein früherer Verfassungsschützer vor etwa zehn Jahren Dienstgeheimnisse an ein Führungsmitglied des rassistischen Geheimbundes verraten haben soll. Das macht die Lage nicht besser. Außerdem erschüttern Ermittlungspannen bei der NSU-Mordserie das Vertrauen vieler Bürger in den Verfassungsschutz. Landesinnenminister Reinhold Gall (SPD) kündigt daher Reformen an.

Drama auf der Autobahn 5 bei Offenburg. Am 18. November kommen bei einer Karambolage sechs Menschen ums Leben. Vorausgegangen ist die Falschfahrt eines jungen Mannes, der unter Alkoholeinfluss steht. Es ist der dritte schwere Verkehrsunfall mit mehreren Toten innerhalb von drei Wochen auf Autobahnen im Land. Ende Oktober stirbt auf der A 5 bei Baden-Baden ein Elternpaar mit seinen zwei Kindern. Anfang November kommen auf der A 6 bei Heilbronn ein Familienvater und seine drei Kinder ums Leben.

14 Menschen sterben am 26. November bei einem Brand in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt. Insgesamt arbeiten in dem Gebäude der Caritas 120 Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung. Ursache des verheerenden Brandes ist die Explosion eines mobilen Gasofens mit einer daran angeschlossenen Gasflasche, der in einer Werkstatt steht. Dort kommt es offenbar zu einer schlagartigen Ausbreitung von Feuer und Rauch. Die Menschen in dem Raum hatten nach Darstellung der Experten kaum eine Chance, dem Inferno zu entkommen.

Am 30. November gegen 4.00 Uhr machen sich in Kornwestheim drei Güterwaggons selbständig und rollen Richtung Stuttgart. Ein Fahrdienstleiter bemerkt die herrenlose Fahrt, stellt geistesgegenwärtig die Weichen um und lenkt die Waggons auf ein unbenutztes Gleis im Bahnhof von Feuerbach. Dort prallen sie mit voller Wucht gegen einen Prellbock und hinterlassen eine Spur der Verwüstung: Oberleitungen reißen, mehrere Träger des Bahnhofsdaches knicken um, einer der Waggons kommt auf einem Bahnsteig zum Stehen. Der ist wegen der frühen Stunde noch leer, Menschen werden nicht verletzt. Wieder müssen die Pendler im Großraum Stuttgart mehrere Tage mit Verkehrsbehinderungen leben.

Die letzte CDU-Bastion in einer baden-württembergischen Großstadt fällt. Am 2. Dezember erobert ein Sozialdemokrat das Karlsruher Rathaus. Kultusstaatssekretär Frank Mentrup schlägt seinen CDU-Kontrahenten Ingo Wellenreuther im ersten Wahlgang überraschend deutlich mit 55 Prozent der Stimmen. Er wird von SPD, Grünen, den Piraten und der Karlsruher Liste unterstützt. Wellenreuther, der auch Präsident des Fußball-Drittligisten Karlsruher SC ist, kommt auf 35 Prozent. Die CDU stellt somit in keiner Großstadt des Landes mehr den Oberbürgermeister. Bereits am nächsten Tag beginnt daher die Diskussion, wie die Partei 2013 wieder die Gunst der Wähler gewinnen kann.

(Autorin: Nicole Asmuth)

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