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100 Jahre "Schwarzwaldmädel" Zeitgeschichte unterm Bollenhut

Seit 100 Jahren fasziniert das "Schwarzwaldmädel" das Publikum. Das Operetten-Bärbele flirtete mit den Nazis, wurde Kinostar und lebt bis heute auf den Theaterbühnen. Anlass für eine Ausstellung und mehr im SWR Studio Freiburg.

Wahrlich verrückt, was sich um das Singspiel von Leon Jessel aus dem Jahr 1917 alles berichten lässt. "Zeitgeschichte unterm Bollenhut", so heißt das Projekt zum Jubiläum. Dazu gehören Sendungen, Videos hier im Netz und auch eine Ausstellung im Funkhaus. Und im August wird der Film von 1950 in St. Peter open Air wiederaufgeführt.

Ausstellungs-Eröffnung mit Talk und Musik

Die Ausstellung wurde eröffnet mit Musik und Talk im Funkhaus. Gast bei SWR-Redakteur Klaus Gülker war nicht nur ein ziemlich echtes Schwarzwaldmädel, Sigi Schwarz ("100 ist für eine Frau ein gutes Alter, nochmal richtig durchzustarten").

Gast war auch der Leon-Jessel-Biograf Albrecht Dümling. Er berichtete von der Uraufführung: 1917 fürchtete man einen Flop. Das Gegenteil trat ein. Die Heile-Welt-Geschichte in einem verträumten Schwarzwalddorf traf den Nerv der Zeit. Es war Kriegswinter, es herrschte Hunger, auch der Hunger nach friedlichen Verhältnissen. Alles das bediente die Operette, für deren Libretto Textdichter August Neidhart eigens nach Allerheiligen gereist war. In den Zwanziger Jahren war das "Schwarzwaldmädel" auf den Bühnen der Welt zu Gast. In Argentinien und in Russland, im Baltikum und in den USA: Überall empfand man Stück und Musik als besonders typisch für das romantisch verklärte Deutschland.

Geliebt und doch verboten

In der NS-Zeit änderten sich die Verhältnisse. Hohe Nazis liebten diese "besonders deutsche Musik", ganz anders als der ihnen verhasste Jazz. Das Problem für sie: Der Komponist war nach dem NS-Rassenverständnis "Volljude", obwohl er zum Christentum konvertiert war. Und Musik jüdischer Künstler galt automatisch als "entartete Musik". Die war verfemt und wurde verboten. Das geschah auch dem "Schwarzwaldmädel", allerdings durfte es bis 1937 noch wenigstens ein Schattendasein auf den deutschen Bühnen führen. Denn bis hin zu Gauleitern, zu Himmler und Hitler hatte Jessels Musik Fans. Der Komponist selbst biederte sich den neuen Herrschern an, wollte gar eine Hymne auf die Bewegung schreiben. Er war Anhänger der neuen Zeit - und wurde doch ihr Opfer. Als er sich darüber in einem Brief beklagte, verhaftete ihn die Gestapo. An den Folgen starb Jessel 1942 in Berlin.

Neubeginn und Filmerfolg

Nach Kriegsende begann das Programm des deutschen Rundfunks mit Musik aus dem Schwarzwaldmädel: Ehedem verfemte Musik, die man nun wieder spielen konnte und damit gleich auch zur bequemen Wiedergutmachung an jüdischen Komponisten beitragen wollte. Die Musik Jessels, so Dümling, war halt gefälliger als die des ebenfalls verbotenen Arnold Schönberg. 1950 dann kam der Film "Schwarzwaldmädel" in die Kinos. Ein Riesenerfolg: 15 Millionen Menschen sahen ihn und träumten, wie 1917, im Ruinen-Nachkriegsdeutschland von der heilen Welt im Schwarzwald. Sonja Ziemann und Rudolf Prack wurden Superstars, und rund um Freiburg erinnern sich heute noch Menschen daran, dass sie damals als Statisten dabei waren.

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Schwarzwaldmädel 2017: Bilder aus Schönebeck

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Schwarzwaldmädel 2017: Christina Heuel ist in Schönebeck das "Bärbele"

Schwarzwaldmädel 2017: Christina Heuel ist in Schönebeck das "Bärbele"

Wer sagt denn, dass Bollenhüte nur was für Schwarzwaldmädel sind?

"Oh Bli Bla Bli Bla Blasius" - das Bärbele im Dialog mit Domkapellmeister Römer (Alexander Klinger)

Hans (Timo Rößner) hat alles im Blick

Grande dame im kleinen Dorf: Martina Schilling spielt Malwine von Hainau

Tanz mit dem Schatten: Ein echter Hingucker mit Lauren Slater-Klein (vorn)

Applaus am "Bierer Berg": Nach der Premiere der Produktion gab es stehende Ovationen für das Ensemble

Der Osten liebt den Südwesten

Nach der Wende in der DDR kam die Operette auch im Osten wieder zu Ehren. In einer Zeit, in der die vertraute Heimat zu einem unsicheren Ort des Umbruchs geworden war, galt Jessels Rührstück vielen als sicherer Hafen. Und erstaunlich oft wird es bis heute gerade in den neuen Ländern gespielt. Zuletzt in Sachsen-Anhalt beim dortigen "Schönebecker Operettensommer", wo das "Schwarzwaldmädel" bis Ende Juli - bei hoher Bollenhut-Dichte - auf der Freilichtbühne Station macht.

Ausstellung im Funkhaus

Zu sehen sind Dokumente und Bilder rund um die Geschichte des "Schwarzwaldmädels", die schon vor der Operette im Jahr 1846 mit Berthold Auerbachs Erzählung "Die Frau Professorin" begann. Daher stammt der Stoff, den Neidhart und Jessel 1917 zur Operette umbauten.


Auch eine kleine Sammlung von Schwarzwald-Souvenirs gehört dazu: Schließlich kommen (fast) keine Inszenierung und (fast) kein Schallplatten-Cover ohne Bollenhutmädle aus. Prunkstück der Ausstellung ist ein Grammophon in Form eines Schwarzwaldhauses, natürlich liegt ein Schwarzwaldmädel-Potpourri auf Schellackplatte auf dem Drehteller.

In einem kleinen Kino (zwei Sitze!) sind Videos zu sehen, auch ein Ausschnitt aus dem Heimatfilm von 1950 gehört dazu, dazu Eindrücke von den Dreharbeiten 1950 in und um St. Peter und auch Ausschnitte aus dem "Schwarzwaldmädel" an der Hochfirstschanze Titisee-Neustadt 2010/2011.

Die Ausstellung ist bis zum 8. September zu sehen montags bis freitags von 8.00 bis 16.00 Uhr, SWR Studio Freiburg, Foyer. Eintritt frei.

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikautomatenmuseum Bruchsal, Andreas Seim, und dem Bezirksamt Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf / Fachbereich Kultur, Elke von der Lieth, Kommunale Galerie Berlin, Grafik: Joachim Dietl, Berlin, sowie dem Deutschen Phonomuseum St. Georgen, Jürgen Weisser, dem Bund Heimat und Volksleben, Ursula Hülse, und dem Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, sowie Ulrike Walter, Freiburg, und weiteren Leihgebern. Herzlichen Dank!