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Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos / Fragezeichen / Aktenordner

NSU-Untersuchungsausschuss Die neun größten Rätsel

1. Warum wurde Michèle Kiesewetter erschossen?

Auch der Untersuchungsausschuss konnte nicht klären, ob die Polizistin Kiesewetter gezielt ermordet wurde oder ein Zufallsopfer war. Auffällig: Zur selben Zeit, als Kiesewetter beschlossen hatte, ihren Urlaub zu verkürzen, wurde telefonisch der Mietvertrag für das vom NSU angemietete Wohnmobil verlängert, das nach der Tat nahe Heilbronn registriert wurde. Andererseits: Auch Kiesewetter selbst wusste erst kurz vor ihrem Einsatz, zu welcher Tageszeit sie in Heilbronn sein würde. Wann und wo sie Pause machte, war kaum vorhersehbar. Um sie gezielt zu ermorden, hätten die Mörder weniger riskante Tatgelegenheiten finden können.

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe sagte am 9. Dezember 2015 im NSU-Prozess in München aus, die beiden NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten auf Kiesewetter und ihren Kollegen geschossen, um deren Pistolen zu stehlen.

2. Wer saß am Steuer des NSU-Wohnmobils?

Gut eine halbe Stunde nach der Tat registrierten die Polizisten am Kontrollpunkt Oberstenfeld das Kennzeichen des vom NSU angemieteten Wohnmobils. Wer am Steuer saß, stellten die Beamten nicht fest. Nach wie vor gibt es keinen Beweis dafür, dass es Mundlos und Böhnhardt waren. Am Tatort Theresienwiese fand man von ihnen auch keine DNA-Spuren. Aber: In der ausgebrannten Wohnung des NSU-Trios in Zwickau wurde eine Jogginghose mit Taschentüchern von Mundlos entdeckt. Darauf fanden sich Blutspritzer von Kiesewetter. Der Träger muss laut einem Gutachter bei der Tat in Heilbronn dabei gewesen sein.

3. Hatten die Täter in Heilbronn Helfer?

Mehrere Zeugen beobachteten kurz nach der Tat in der Nähe der Theresienwiese blutverschmierte Männer. Dass es keine Augenzeugen gibt, obwohl die Täter sich noch die Zeit nahmen, um Dienstwaffen und Ausrüstung an sich zu bringen, wirft die Frage auf: Stand jemand Schmiere, um an dem eigentlich belebten Platz die Tat abzusichern? Die Täter hatten laut Ermittlern Ortskenntnisse. Nach wie vor sind mehrere DNA-Spuren am Tatort offen. Aber: Der Generalbundesanwalt hält Mundlos und Böhnhardt für die alleinigen Täter.

4. War die Mafia im Spiel?

Die "Soko Parkplatz" ermittelte anfangs stark in Richtung Organisierte Kriminalität und verfolgte dabei mehrere Spuren nach Osteuropa. Die Tatwaffen sind osteuropäische Fabrikate. Ein Informant der Polizei meldete, ein blutverschmierter Mann sei in ein Auto gesprungen, dessen Fahrer auf Russisch "Dawei Dawei" gerufen hätte. Die Europäischen Polizeibehörde Europol stellte "Kreuztreffer" fest: Eine Reihe von Nummern am Tattag im Heilbronner Handynetz gehörten zu osteuropäischen Schwerkriminellen. Michèle Kiesewetter war unter anderem bei einem verdeckten Einsatz in einer Russendisko in Kornwestheim eingesetzt. Und aus dem NSU-Umfeld gab es Kontakte zur Organisierten Kriminalität.

5. Wie passt der Mord in Heilbronn zu anderen Verbrechen des NSU?

Die Tat in Heilbronn unterscheidet sich vom Muster der neun anderen Morde, die dem NSU zugeschrieben werden. Zuvor waren die Opfer stets Männer mit Migrationshintergrund. Die Tatwaffe war jeweils eine Ceska-Pistole. In Heilbronn waren die Opfer dagegen zwei Polizisten. Die Täter benutzten zwei andere Waffen. Und: Mit der Tat von Heilbronn endete offenbar die NSU-Mordserie. Im Bekennervideo des NSU werden die neun ersten Morde ausführlich dargestellt, zur Tat von Heilbronn ist lediglich eine Fotomontage am Ende des Videos zu sehen. Offen ist, warum die Mordserie 2007 endete. Was passierte bis 2011? Bedeutet der Hinweis am Ende des Bekennervideos auf "Paulchen’s neue Streiche" und "2DVD", dass der NSU weitere Taten plante?

6. Hatte der NSU Unterstützer in Baden-Württemberg?

Fest steht: Das NSU-Trio pflegte Freundschaften in Baden-Württemberg und war bis mindestens 1998 regelmäßig zu Besuchen in Ludwigsburg. 2003 waren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Stuttgart und machten Fotos im Nordbahnhofviertel, in dem viele Migranten wohnen. Suchten sie dort nach Anschlagszielen? Ermittlungen des Bundeskriminalamtes haben ergeben, dass 18 Personen aus dem Umfeld des NSU zeitweise in Baden-Württemberg wohnten - darunter ein Ex-Freund von Beate Zschäpe und ein Mitglied der ehemaligen Rechtsrockband "Noie Werte", deren Musik der NSU in einer ersten Fassung des Bekennervideos verwendete. Dieses Bandmitglied soll auf einer NPD-Veranstaltung erklärt haben, dass es dem abgetauchten NSU-Trio gut gehe. Beweise, dass Freunde aus Baden-Württemberg den NSU aktiv unterstützten - etwa mit Geld - gibt es nicht.

7. Welche Rolle spielt der Ku-Klux-Klan?

Der rassistische Geheimbund war seit 1992 bis mindestens 2007 in Baden-Württemberg aktiv. Auch gewaltbereite Rechtsextremisten waren dort Mitglieder. Ob es Verbindungen zum NSU-Umfeld gab, ist unklar. Bekannt ist, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe vor ihrem Untertauchen selbst an Treffen einer Klan-Gruppierung in Thüringen teilgenommen hatten. Als das Bundesamt für Verfassungsschutz von Klan-Umtrieben in Baden-Württemberg hörte, war es alarmiert: Es setzte 2000 seinen V-Mann Corelli auf den Klan an. Dem fielen zwei Polizisten aus Baden-Württemberg auf, die sich dem Ku-Klux-Klan angeschlossen hatten. Mindestens drei weitere Polizisten sollen Interesse bekundet haben. Das Landesamt für Verfassungsschutz hatte schon früher Hinweise auf Klan-Strukturen im Land, entschied sich aber zunächst gegen eine Beobachtung. Den Verfassungsschützern des Landes entging angeblich, dass ihr V-Mann "Radler" im Jahr 2000 eine eigene Klan-Gruppierung gegründet hatte. Weil der V-Mann dem Verfassungsschutz seine Klangründung verschwiegen hatte, sei die Zusammenarbeit mit ihm beendet worden.

8. Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz?

Mit Hinweisen auf Ku-Klux-Klan-Aktivitäten im Land ist der Verfassungsschutz nachlässig umgegangen. Die Kriminalpolizei Schwäbisch Hall informierte im März 1999 darüber, dass Ku-Klux-Klan-Anhänger eine Familie bedrohen sollen. Diese Information gelangte aber nicht an den Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, der den V-Mann "Radler" betreute. "Radler" war inzwischen selbst Mitglied im Ku-Klux-Klan geworden. Weitere Hinweise auf Ku-Klux-Klan-Umtriebe aus den Jahren 2003 und 2007 wurden beim Verfassungsschutz lediglich zur Kenntnis genommen. In der rechtsextremen Szene waren Landes- und Bundesamt für Verfassungsschutz gut vertreten. Aus Akten geht zum Beispiel hervor, dass zwei Neonazis über zwei andere sprachen. Was sie nicht wussten: Alle vier waren V-Leute. Die offene Frage: Wie konnte es sein, dass es bei dieser Dichte an V-Leuten nie einen Hinweis auf den NSU gab?

9. Was wusste Florian H. über den NSU?

Florian H. aus Eppingen soll bei seiner Ausbildung zum Pfleger in Heilbronn Kolleginnen erzählt haben, er wisse, wer die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen hat. Bei der Polizei widersprach er später: Er kenne die Täter nicht. Eine Freundin von Florian H. sagte im Untersuchungsausschuss, er habe den Begriff "NSU" schon im Mai 2011 benutzt, also vor dem Auffliegen des Trios. H. war als Jugendlicher in der rechten Szene von Heilbronn aktiv, er soll für sie auch Waffen aufbewahrt haben, bevor er schließlich ausstieg. Im September 2013 verbrannte der 21-jährige H., kurz bevor er vom Landeskriminalamt erneut vernommen werden sollte. Die Polizei geht von einem Suizid aus, die Familie von Florian H. bezweifelt das.


Autoren: Mark Kleber und Anno Knüttgen, SWR Redaktion Landespolitik
Redaktion: Samantha Maier