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Beamte der Spurensicherung der Polizei arbeiten auf der Heilbronner Theresienwiese an einem Tatort, an dem zuvor die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter getötet wurde / Mann mit Kapuze und Pistole

NSU-Untersuchungsausschuss Die fragwürdigsten Ermittlungsentscheidungen

1. Chaos am Tatort

Etwa eine Viertelstunde nach den Schüssen auf die beiden Polizisten herrscht auf der Theresienwiese Chaos. Mehrere Streifenwagen treffen ein, Polizisten irren umher. Eine Polizistin schickt wohl Neugierige weg, die sich kurz nach der Tat versammelt haben. Das berichten Zeugen. Ob einige der Weggeschickten die Täter noch gesehen haben, lässt sich nicht mehr aufklären. Die Personalien dieser möglichen Zeugen wurden nicht aufgenommen. Nur einige davon melden sich später von selbst noch einmal bei der Polizei. Am Tatort selbst war zunächst nur der Bereich um das Polizeiauto mit Flatterband abgesperrt. Der Sperrung wurde erst ausgeweitet, nachdem eine Reihe von Polizeiautos vorgefahren waren und Staub aufgewirbelt hatten. Möglicherweise wurden dadurch Spuren verwischt.

2. Die Jagd nach dem Phantom

Fast zwei Jahre suchte die Polizei nach einer Verdächtigen, die es gar nicht gab. Am Polizeiauto, in dem Michèle Kiesewetter starb, fand sich die DNA einer "unbekannten weiblichen Person". Die DNA tauchte auch im Zusammenhang mit 21 weiteren Verbrechen in Deutschland, Österreich und Frankreich auf. Kriminaltechnikern kam das seltsam vor, sie berieten auf Fachtagungen über den Fall. Aber sie konnten sich nicht vorstellen, dass Wattestäbchen der Spurensicherer verunreinigt sein könnten. Genau das wiesen 2009 Ermittler im Saarland nach. Die DNA stammte von einer Frau, die die Wattestäbchen bei der Herstellerfirma verpackt hatte. Die bis dahin wichtigste Spur zum Polizistenmord in Heilbronn löste sich in Luft auf.

3. Rechtsextremismus nicht auf dem Schirm

Im Untersuchungsausschuss sagte Profiler Andreas T. vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg, man habe sich 2007 keine Rechtsextremisten vorstellen können, die mordend durch die Republik ziehen. Ein rechtsextremer Anschlag auf Polizisten sei bis dahin unbekannt und deshalb nicht wahrscheinlich gewesen. Auch habe ein Bekennerschreiben gefehlt. Deshalb habe man nicht in diese Richtung ermittelt. Im Untersuchungsausschuss wurde T. darauf hingewiesen, dass Anschläge von Rechtsextremisten auf Polizisten bis 2007 durchaus bekannt waren. Er räumte daraufhin ein, das sei den Profilern nicht bekannt gewesen sie hätten "vielleicht fehlerhaft recherchiert".

4. Ermittlungsansätze verworfen

Der zuständige Heilbronner Staatsanwalt verzichtete darauf, ein Mailkonto von Michèle Kiesewetter auswerten zu lassen. Er ließ auch Phantombilder von Zeugen am Tattag nicht veröffentlichen, obwohl die ermittelnden Polizisten dafür waren. Auch das Phantombild, das nach den Aussagen von Kiesewetters schwer verletztem Kollegen Martin A. entstand, hielt der Staatsanwalt nicht für verwertbar. Das schrieb er vorab einem Gutachter, der A.s Erinnerungsvermögen erst überprüfen sollte. Der Polizist, der mit A. das Phantombild zeichnete, sagte im Ausschuss, von den 2.000 Phantombildern in seiner Karriere sei als einziges das von A. gezielt nicht veröffentlicht worden. Aus Sicht des Beamten hat es sogar Ähnlichkeit mit Uwe Böhnhardt.

5. Der Blick verengt sich

Nach dem Auffliegen des NSU im November 2011 richteten sich die Ermittlungen nur noch auf den NSU. Ermittlungsansätze der "Soko Parkplatz" in Richtung osteuropäischer Mafia wurden fallengelassen. Die von Zeugen beobachteten blutverschmierten Männer spielten keine Rolle mehr. Dass ein Kollege von Michèle Kiesewetter auf einem Phantombild Ähnlichkeiten mit einen Mann sah, der ihm am Abend vor der Tat aufgefallen war, weil er Kiesewetter und ihn in einem Café angestarrt hatte, war für das Bundeskriminalamt unwichtig. Begründung: Der Mann sah nicht wie Mundlos oder Böhnhardt aus. Im Ausschuss wurde daraufhin die Frage aufgeworfen, ob man nicht stärker nach möglichen Helfern hätte suchen müssen.

6. Die Polizei übersieht Beweismittel im Fall Florian H.

Am 16. September 2013 verbrennt der ehemalige Neonazi Florian H. in einem Auto auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. Am Nachmittag des Tages hätte H. eigentlich bei der Polizei aussagen sollen. H. soll behauptet haben, vom NSU schon gehört zu haben, bevor die Terrorzelle öffentlich bekannt wurde. Die Polizei weiß um die Brisanz des Falles, ermittelt aber oberflächlich. Schon nach einem Tag lautet das Ermittlungsergebnis: Selbstmord. Das ausgebrannte Auto untersuchen die Ermittler nicht gründlich. Anderthalb Jahre später findet Florian H.s Schwester im Autowrack unter anderem den vermeintlich verschwundenen Zündschlüssel, ein Feuerzeug, einen Benzinkanister, eine Machete, eine Luftdruckpistole und eine Speicherkarte. Die Folgen: Disziplinarverfahren gegen drei ermittelnde Polizisten, neue Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Die ergeben, dass Florian H. sich wahrscheinlich selbst umgebracht hat. Und dass die Polizei bei den Ermittlungen noch mehr schlampte: Mehrere Zeugenaussagen wurden nicht zu den Akten genommen.


Autoren: Mark Kleber und Anno Knüttgen, SWR Redaktion Landespolitik
Redaktion: Samantha Maier