Bitte warten...

Kulturgespräch 24.9.2013 Verhüllte Männer und nackte Frauenbeine

Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin, über ihr neues Buch "Angezogen - Das Geheimnis der Mode"

"Die neuen Beine der Frauen; wie die Jungens; Comme de Garcons`; sexy; Unisex." Das sind Kapitel aus dem neuen Buch von Barbara Vinken, Literaturwissenschaftlerin und Romanistin. "Angezogen, das Geheimnis der Mode" heißt das Buch. Es erscheint heute im Klett-Cotta Verlag und darauf abgebildet sind zwei Frauenbeine in blickdichten grellfarbigen Strumpfhosen. Früher war durchsichtig, glänzend und hauchdünn angesagt, heute eben blickdicht, dick und bunt.

Barbara Vinken (2009)

Barbara Vinken (2009)

Ist der Wandel der Mode eine Laune der Kultur oder steckt mehr dahinter, Frau Vinken?

Ich denke, dass der Wandel der Mode. System hat oder Methode. Das kann man an diesen neuen Beinen der Frauen ganz schön sehen. Man kann sagen, dass in der Moderne die Frauenmode ganz systematisch die Männermode übernommen hat. Und zwar nicht nur in der Sache, also nicht einfach nur eine Imitation an den Anzug oder den Frack oder an den Smoking, sondern, und das sieht man an diesen neuen Beinen, dass sie vor allen Dingen die Haltung, also die Allüre der Männer vor der Moderne, übernommen hat. Während die aristokratischen Männer ihre wunderbaren Beine in ganz engen, blickdichten Strümpfen inszenierten, haben die Frauen ihre Beine natürlich immer unter langen Röcken versteckt. Insofern kann man sagen, sind diese neuen Beine der Frauen die alten Beine der Männer; oder es sind die Beine der Männer vor dem großen Bruch den die Mode gebracht hat, nämlich vor der Französischen Revolution.

Und was ich daran so interessant finde ist, dass jetzt nicht nur diese engen Strümpfe, die den männlichen Po, die Beine, die Schenkel, oft auch das Geschlecht ganz wunderbar zeigten, dass nicht nur das übertragen wird, sondern vor allen Dingen diese Geste des Zeigens "schau mal, wie schön meine Beine sind"  dass diese Geste auch in die Frauenmode gewandert ist.

Das ist eine einseitige Richtung, oder? Dass sich Frauen an Männermode orientieren, umgekehrt gibt es das nicht, oder doch?

Die Hauptrichtung in der Moderne war die, dass die Frauenmode ihre Altmodischkeit, ihre Anachronismen abgelegt hat und endlich modern werden konnte, indem sie sich Männermode angeeignet hat. Insofern ist das sicherlich die Hauptrichtung. Aber wenn Sie sich jetzt die neuen Anzüge anschauen, die ganz schmale männliche Linie,  in der die Körperlichkeit der Männer - sei es auch eine extrem auf Linie reduzierte Körperlichkeit - doch wieder gezeigt wird.

Das ist zum ersten Mal passiert, jetzt am Anfang des 21. Jahrhunderts, dass tatsächlich Techniken aus der weiblichen Haute Couture in die Männermode eingewandert sind. Und das ist interessant, dass diese Anzüge wirklich Unisex sind, also die können Männer und Frauen tragen. Es ist zum ersten Mal eine sexy Männermode in der vorher die Männer weibliche Prinzipien, nämlich das sehr auf den Körper Geschnittene und dieses extreme Betonen der Silhouette, dass sie das übernommen haben.

Also doch ein wechselseitiger Einfluss. Sie haben einmal gesagt, ein besonders gelungenes Kleid könne man lesen wie ein Gedicht. Was wäre denn ein besonderes gelungenes Kleid?

Also zum Beispiel Kleider, in denen die Geschichte eingeschnürt ist, in denen man die ganze Geschichte der Mode lesen kann. Solche fantastischen Kleider hat zum Beispiel "Comme de Garcons" gemacht. Das sind oft Kleider, die wir auf den ersten Blick als dissonant und störend oder als vollkommen ungewohnt empfinden. Das sind Kleider in denen, finde ich, etwas wie ein Kondensat von Geschichte oder etwas von den Konflikten der Geschichte sichtbar wird. Und die muss man dann langsam entschlüsseln. Und das dauert, wie bei einem Gedicht auch.

Und was sagt denn ein Kleid aus über das lyrische Ich, das in ihm steckt?

Ein Kleid ist erst einmal von dem Designer gemacht. Aber Sie haben recht, es wird auch immer getragen. Und deswegen ist bei dem Kleid auch der Zusammenhang zwischen Vergänglichkeit und Körper besonders eng, also zwischen Tod und einem Körper, indem die Zeit des Lebens, die Zeit der Mode sichtbar werden kann.

Früher waren Kleider fast eine Staatsangelegenheit. Mode drückte ja einen gesellschaftlichen Stand aus. Was drückt sie denn heute aus?

Mode drückte den Stand aus. Und man kann sagen, dass die Mode früher vor allen Dingen die Stände geteilt hat. Früher machten Kleider insofern wirklich Leute, dass man sofort sehen konnte wer zu welchem Stand gehört. Das ist heute nicht mehr so. Heute trennt oder unterscheidet die Mode vor allen Dingen die Geschlechter. Und das ist eine Entwicklung, die erst im 18. Jahrhundert begonnen hat: Männer und Frauen fingen an, sich extrem unterschiedlich zu kleiden.

Ist ja heute nicht mehr zwingend so.

Das ist eine sehr komplexe Frage. Man kann natürlich sagen, Männer und Frauen ziehen heute dasselbe an, Jeans, Pullover, Jacke. Die Frage ist, ob sie dasselbe tun, wenn sie dasselbe anziehen. Und bei genauer Betrachtung ist es so, dadurch, dass sich Männer und Frauen gleich anziehen, etwas sichtbar geworden ist, was davor immer unsichtbar blieb, nämlich die Beine und der Po. Man kann sagen, Hosen sind für Frauen vielleicht wahnsinnig praktisch, vor allen Dingen zeigen sie aber etwas, was man bis dahin nie gesehen hat. Ich würde sagen der Unisex ist etwas, was eigentlich unter falscher Flagge fährt, er dient nämlich der Übertragung der ursprünglichen erotischen Zone Beine und Po in der Männermode auf den weiblichen Körper; und damit eine Hypererotisierung des Weiblichen.

Der Anzug hebt den individuellen Körper in Kollektivkörpern auf. Und genau das ist durch den Unisex in der weiblichen Mode nicht passiert. Insofern ist der Unisex ein Trick, nämlich unter falscher Flagge diesen Geschlechtsunterschied noch einmal besonders zu unterstreichen.

Sie widmen ein ganzes Kapitel Ihres Buches dem Ehepaar Obama. Ist Michelle Obama für Sie eine gut gekleidete Frau?

Ich habe die Obamas so in den Mittelpunkt gestellt, weil sie für mich im Moment das Paar sind, das den Stand der Dinge, am reinsten verkörpert.

Er zieht sich an wie ein Mann sich in den modernen Demokratien anziehen soll, nämlich so, dass er daran gar nicht denken will. Er zieht sich für das Amt an, das er bekleiden will. Michelle Obama zieht sich an wie eine Frau, mit all dem was jetzt der Stand der Mode ist. Also eine etwas anachronistische Weiblichkeit, auch einen sehr starken, sehr durchtrainierter Körper. Und insofern finde ich, dass sich die Geschlechterordnung in der Mode des Präsidentenehepaars sehr schön abbildet.

Sie kleidet sich typisch weiblich. Nun ist sie nur First Lady, aber unsere Politikerinnen treten eigentlich in ihrer Kleidung nicht sehr weiblich auf. Oder, würden Sie das unterschreiben?

Ja. Aber das liegt natürlich daran, dass Michelle Obama First Lady ist. Und es ist Amerika. In Deutschland gibt es eine Nulltoleranz gegen Weiblichkeit im öffentlichen Raum. Man kann bei uns Autorität oder Macht und Weiblichkeit nicht zusammendenken. Das heißt, wir fordern dieses Opfer der Weiblichkeit, wir oktroyieren das den Frauen und Männern, die bei uns zu etwas kommen wollen, auf. Das heißt, wir geben dem keinen Raum.


Das SWR2 Kulturgespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken führte Ulla Zierau am 24.9.2013 um 7.45 Uhr