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Vorsitzender der AWO Ludwigshafen "Fast unmöglich, mit Hartz IV auszukommen"

Der designierte Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) ist überzeugt, dass in Deutschland auch ohne Tafeln niemand hungern müsste. Dem widerspricht der Chef der AWO Ludwigshafen, Scharff, im SWR-Interview entschieden.

Holger Scharff, AWO Ludwigshafen

Geht hart mit Jens Spahn ins Gericht: AWO-Chef Holger Scharff

Was halten Sie denn von der Aussage vom designierten Gesundheitsminister Spahn, ohne Tafeln müsse niemand hungern?

Holger Scharff: Jens Spahn hat keine Ahnung, wovon er redet! Kein Mensch geht freiwillig zur Tafel, wenn er nicht muss. Es gibt heute ältere Menschen mit kleiner Rente und Kleinstrente, die zum Leben nicht reicht.  Alleinerziehende mit Kindern und geringem Einkommen nutzen die Tafel, damit ihre Kinder nicht hungern müssen; selbst Familien, in denen Mann und Frau arbeiten, haben oft so kleine Einkommen, dass sie Essen von der Tafel holen müssen. Wenn es die Tafel nicht gäbe, müssten sie immer einige Tage im Monat von wenig Essen oder ohne Essen leben. Ohne die Tafel würden Menschen hungern!

Wie würde die Situation aus Ihrer Sicht  für arme Menschen aussehen, wenn es keine Tafeln gäbe?

Scharff: Diese Menschen würden hungern oder obdachlos werden, weil sie dann versuchen, das vorhandene Geld anders einzusetzen. Menschen zahlen dann ihre Stromrechnung nicht, zahlen die Miete nicht, - das alles mit den dann zu erwartenden Folgen. Man würde Menschen damit ins Elend treiben!

Holger Scharff ist Vorsitzender des Stadtverbands der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Ludwigshafen. Der Wohlfahrtsverband kämpft gegen soziale Ungleichheit.

Armut ist weit mehr als die Frage, ob man hungern muss oder nicht. Was bedeutet es, arm zu sein?

Scharff: Wenig Geld bedeutet für eine gesamte Familie keine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Kinder haben es schwerer in der Schule, können bei Bedarf keine Nachhilfe bezahlt bekommen. Es gibt keinen gemeinsamen Sonntagsausflug von Eltern und Kindern. Die Kinder haben keine Chance, zu ihrem Geburtstag ein kleines Fest zu machen oder Freunde bei ihrer Geburtstagsfeier zu besuchen, kein Kinobesuch mit den Eltern oder mit den Freunden. Oft fehlt es den Kindern an dem benötigten Schulmaterial, weil auch hier die Zuschüsse nicht ausreichend sind und vieles mehr. Insgesamt vereinsamt eine solche Familie oft zusammen mit den Kindern.

Wer von Hartz IV lebt ist nicht arm, sagt Spahn. Wie sehen Sie das?

Scharff: Das Gegenteil ist der Fall: Menschen im Sozialbezug sind arme Menschen!

Familien bei der Tafel

Bedürftige beim Essen in einer Stadtmission (Archiv)

Wie schwer ist es für Betroffene, mit dem Hartz IV-Satz auszukommen?

Scharff: Es ist fast unmöglich, mit Hartz IV auszukommen. Die Preissteigerungen werden durch keine Erhöhungen im Sozialbereich wirklich abgebildet. Damit haben die Menschen eigentlich immer weniger Geld zur freien Verfügung in der Tasche.

Welche Maßnahmen fordern Sie von der Bundesregierung, um Armut zu bekämpfen?

Scharff: Die Erhöhung der Sozialbezüge auf einen nachvollziehbaren Satz und zwar auf Grundlage der heutigen Kostensituation für ein menschenwürdiges Leben. Außerdem keine Sanktionen mehr im Sozialbereich für die Menschen und Planungen für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Das Interview führte Panja Schollbach