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Forscher aus 1.000 Meter Tiefe gerettet Eine Rettungsaktion für die Geschichtsbücher

Ein Schwerverletzter in 1.000 Meter Tiefe, senkrechte Wände, tiefe Schluchten, mehr als 700 Einsatzkräfte und nach 274 langen Stunden die Botschaft: Höhlenforscher Johann Westhauser ist gerettet. Und er hat die Strapazen seiner Rettung aus den Tiefen der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden relativ gut überstanden.


Der 52-Jährige wurde am Donnerstag (19. Juni) sofort in die Unfallklinik ins oberbayerische Murnau geflogen. Der Arzt Nico Petterich berichtete, der Zustand des Patienten habe sich während des Transports sogar weiter stabilisiert. Bei der Ankunft im Klinikum habe Westhauser versprochen, "jeden Einzelnen" seiner Retter anzurufen. Möglicherweise war ihm nicht bewusst, dass bis zu 700 Menschen im Einsatz waren. Westhauser ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt und lebt in Pfinztal-Söllingen (Kreis Karlsruhe).


Die Einsatzleitung zeigte sich nach zwölf strapaziösen Tagen erleichtert und zufrieden. Am Untersberg bei Berchtesgaden sei ein "Kapitel alpiner Rettungsgeschichte" geschrieben worden, sagte Norbert Heiland, der Vorsitzende der Bergwacht Bayern. Er würdigte die Leistung der vielen Retter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und Kroatien.

Letzte Etappe verzögerte sich

Am Donnerstagmittag hatten Helfer den in der Riesending-Schachthöhle bei einem Steinschlag verletzten Forscher ans Tageslicht gebracht. Die Rettungsaktion hatte sich am Ende doch noch hingezogen. Eigentlich war das Rettungsteam mit dem Verletzen in der Nacht zum Donnerstag am Höhlenausgang erwartet worden. Da die Helfer jedoch in der Nacht noch eine mehrstündige Pause einlegten, verzögerte sich das Ende der Aktion. Erst gegen 5.30 Uhr setzte das Rettungsteam den Weg zur Oberfläche fort.

Auf der letzten Passage zum Höhlenausgang mussten die Retter noch einmal unter Extrembedingungen arbeiten. In einem 180 Meter hohen Schacht wurde Westhauser freischwebend in seiner rund 100 Kilogramm schweren Trage von Menschenhand nach oben gezogen, danach ging es weitere 200 Meter nach oben.

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Längste und tiefste Höhle Deutschlands

Westhauser war am 8. Juni mit zwei Begleitern in der längsten und tiefsten Höhle Deutschlands unterwegs, als er gegen 1.30 Uhr durch einen Steinschlag verletzt wurde. Während ein 38 Jahre alter Begleiter bei dem Verletzten blieb, stieg der andere etwa zehn Stunden lang zum Ausgang der Höhle auf und alarmierte die Einsatzkräfte. Daraufhin war in den Berchtesgadener Alpen eine internationale Rettungsaktion angelaufen.

Mammutaufgabe für Rettungskräfte

Die Rettung sei zu Beginn als "schier unmöglich" eingestuft worden, sagte Heiland von der Berwacht Bayern. Einsatzleiter Klemens Reindl sprach auf der Pressekonferenz nach der Rettung des Höhlenforschers von einer "Mammutaufgabe". 202 Retter seien allein in der Höhle im Einsatz gewesen. "Die haben dort geschuftet, die haben dort Höchstleistungen gebracht. Die Besten der Höhlenrettung in Europa waren hier versammelt", erklärte Reindl. Insgesamt seien 728 Rettungskräfte im Einsatz gewesen.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), an dem der Höhlenforscher Westhauser arbeitet, dankte der Bergwacht Bayern und den vielen Helfern vor Ort. "Wir sind sehr erleichtert und glücklich", erklärte KIT-Präsident Holger Hanselka nach der Rettung. Westhauser ist in Karlsruhe Techniker am Institut für Angewandte Physik des KIT. Der Höhlenforschung geht er in seiner Freizeit nach.

Höhleneingang soll verschlossen werden

Nach der Rettungsaktion hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die Sorge, dass die Riesending-Höhle zur Touristenattraktion für Neugierige werden könnte. Deshalb will er den Eingang verschließen lassen. "Technisch ist es einfach, und rechtlich halte ich es angesichts der extremen Gefahren, die damit verbunden sind, für geboten", sagte Herrmann. Er fürchte, dass mancher, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit auf die Idee komme, sich das anzuschauen. "Das führt dazu, dass Leute in die Höhle einsteigen, die überhaupt nicht die Fähigkeit haben. Dem vorzubeugen halte ich für absolut notwendig", so Herrmann. Der Minister dankte den Rettern und lobte die "vorbildliche internationale Solidarität", die die Rettung des Höhlenforschers Johann Westhauser möglich gemacht hatte.



Die Riesending-Schachthöhle ist 1.148 Meter tief. Sie gilt als tiefste und längste Höhle Deutschlands. Die Höhle besteht aus riesigen Schächten, großen Hallen und engen Röhren sowie einem See. Das gigantische Gangsystem umfasst eine Länge von 19,2 Kilometern. Die Höhle liegt sechs Kilometer nördlich von Berchtesgaden, direkt an der Grenze zu Österreich. Der Eingangsschacht wurde bereits 1995 entdeckt, blieb zunächst aber nahezu unbeachtet. Erst von 2002 an begannen Forscher, das System nach und nach zu erkunden. Die Erforschung der Höhle ist mühsam, da der Gangverlauf immer wieder durch Schluchten unterbrochen wird.