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Kulturgespräch 13.11.2013 Ein neues Ägypten

Der Politologe und Dokumentarfilmer Asiem El Difraoui über Menschen einer Gesellschaft, die sich von der Bleiglocke der Diktatur befreit haben

"Wir sind ein Volk, das sich nicht kennt", sagen viele Ägypter. Sie waren unter der Bleiglocke der Diktatur gefangen, und jetzt brechen alle sozialen, politischen, religiösen und ethnischen Strömungen hervor. Für sein Buch „Ein neues Ägypten?“ hat sich der Politologe und Autor Asiem El Difraoui auf eine Reise durch das Land begeben und hat mit vielen Menschen gesprochen, in Städten und in ländlichen Regionen.

Zwei Marktfrauen und ein Kind warten in Manshiet Nasr an einem alten Anhänger, auf dem Obst und Gemüse zum Verkauf geladen ist

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Herr El Difraoui, haben Sie eine Antwort auf die Frage gefunden, wer sich hinter dem ägyptischen Volk verbirgt?

Es gibt ja natürlich keine eindeutige Antwort, aber was man natürlich feststellt, ist, dass Ägypten wesentlich vielfältiger ist als es gemeinhin dargestellt wird und als man das Land, gerade auch im Westen, wahrnimmt. Die Ägypter kennen sich aber selbst kaum. Im Westen hat man fast schon ein Art mythischer Vorstellung, etwa vom ägyptischen Fellachen, dem Bauern, oder dem ewig währenden Volk am Nil. Dabei ist das ganze Land wirklich ein hoch komplexes Mosaik aus ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, unterschiedlichen Ethnien, wie zum Beispiel den Nubiern im Süden oder den Beduinen im Sinai. Und diese Komplexität und die Vielfältigkeit war auch für mich eine Neuentdeckung. Ich habe das zwar immer erahnt, konnte mir das physisch aber nicht vorstellen. Und das habe ich versucht, in meinem Buch darzustellen.

Sie haben sich auf den Weg gemacht, um Menschen kennen zu lernen, mit ihnen zu sprechen, persönliche Schicksale zu erfahren. Wie offen sind Ihnen die Menschen dort begegnet?

Die Menschen waren erstaunlich offen. Ich habe keinen einzigen Ägypter getroffen, der nicht ganz offen über seine Wünsche, Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen gesprochen hat. Das fängt mit verschleierten Beduinenfrauen an, geht über junge Fußballfans, die immer nur als Krawallmacher dargestellt wurden, über die Nubier bis hin zu den Christen, die die einzigen waren, die – zumindest in bestimmten Gegenden - ein bisschen Angst hatten, offen zu reden. Aber diese erstaunliche Offenheit war irgendwie ein Wunder und zeigt auch, dass es in Ägypten seit dem Sturz Mubaraks enorme gesellschaftliche Veränderungen gegeben hat. Nun kann man nur hoffen, dass dieser große Mut der Ägypter, sich wirklich auszudrücken, sich für ihre politischen und gesellschaftlichen Ideale einzusetzen, den sie nach dem Putsch - so muss man es wohl nennen, einen Putsch gegen das Mursi-Regime und die neue, starke Macht der Militärs, wenn auch mit Unterstützung in weiten Teilen des Volkes – gezeigt haben, nicht wieder unterdrückt wird und es keine neue Bleiglocke geben wird.

Ist denn bei der Bevölkerung auch etwas von der Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings zu spüren, von Optimismus, von Zuversicht?

Das ist ganz unterschiedlich. Ein Teil meiner Reise fand ja während der Regierung des ersten freigewählten ägyptischen Präsidenten, des Muslimbruders Mursi, statt. Da waren die Ägypter sehr desillusioniert. Sie hatten das Gefühl, dass die Regierung das Land nicht voranbringt, dass viele Errungenschaften der Revolution Mubaraks nicht Bestand haben würden. Und dann kam der Putsch, den viele Leute auch begrüßen, weil sie glauben, dass er ihnen ein besseres Ägypten bringen wird.

Alles in allem muss man aber sagen, dass allgemein eine große Besorgnis herrscht, dass sich das Land einerseits wirtschaftlich nicht mehr stabilisieren und anderseits weiter spalten wird. Was man aber nicht außer Acht lassen darf, ist, dass die Menschen in Ägypten wenig Erfahrung mit Formen von Demokratie, von freier Meinungsäußerung haben. Eigentlich ist in jedem Gespräch heraus gekommen, dass die Menschen hin und hergerissen sind zwischen großen Hoffnungen und tiefen Sorgen.

Gibt es denn trotz der großen Heterogenität der ägyptischen Gesellschaft gemeinsame Ziele, Vorstellungen, die die Menschen, quer durch alle Schichten, miteinander verbinden und für die es sich lohnt zu kämpfen?

Das kann man so nicht sagen, aber es gab so etwas wie gemeinsame Ursprungsforderungen. Den meisten Ägyptern geht es wirklich um ganz einfache, aber entscheidende Dinge, wie soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde, Respekt des Staates vor dem Volk, ein funktionierendes Schul- und Gesundheitssystem. Und diese Basisprinzipien sozialer Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit sind der kleinste gemeinsame Nenner, den eine große Mehrheit der Ägypter fordert.

Sie waren ein halbes Jahr lang in Ägypten unterwegs. Welche Begegnungen, welche Erfahrungen haben Sie besonders beeindruckt? Was ist Ihnen geblieben von dieser Zeit?

Ich glaube, sehr viel. Die Berichterstattungen in den europäischen Medien konzentriert sich ja oft auf die Hauptstadt Kairo, aber wenn man aufs Land fährt oder in Kleinstädte oder auch Millionenmetropolen, die man hier im Westen einfach nicht kennt, stellt man fest, dass es dort überall sehr mutige Aktivisten gibt. Das sind häufig ganz einfache Menschen, die sich ganz altruistisch für ein besseres Ägypten einsetzen. Und diesen Menschen gelingt es, zum Beispiel auch über die sozialen Netzwerke im Internet, weltweit zu kommunizieren. Auf solchen Reisen schließt man natürlich auch ganz unterschiedliche Freundschaften. Ich hatte zum Beispiel eine tolle Begegnung mit einem jungen christlichen Aktivisten in einer mittelägyptischen Stadt, der sich wirklich für das Verständnis unter den Religionen einsetzt. Oder mit einem Beduinen im Sinai, einem der ersten wirklich aktiven Journalisten in dieser Gegend, in der es vorher quasi gar keinen Journalismus gab, der sich für beduinische Belange einsetzt und während meines Aufenthalts zwei Monate lang in Haft war. Er wurde mit dem bedeutendsten arabischen Journalistenpreis ausgezeichnet, für eine Reportage über Menschenschmuggel im Sinai, wo er sich auch gegen das Leiden von Afrikanern eingesetzt hat, die versuchen, über den Sinai nach Israel und von dort aus nach Europa zu gelangen. Überall in diesem Land gibt es ganz wunderbare Menschen, die uns gar nicht bekannt sind.

Wenn wir jetzt zum Schluss eine Prognose wagen, wohin wird Ägypten, Ihrer Ansicht nach, steuern?

Ich lese sehr ungerne in Glaskugeln. Ich kann also nur sagen, was viele ägyptische Freunde, die immer noch einen großen Optimismus haben, mir gesagt haben, nämlich, dass alles noch sehr, sehr schwierig werden wird. In Europa haben solche Prozesse über 100 Jahre gedauert, in Deutschland von 1848 über den Zweiten Weltkrieg, bis es irgendwann die Bundesrepublik gab. In Ägypten wird das auch sehr lange dauern. Aber dass dieser Wandel auf jeden Fall notwendig war, um überhaupt Perspektiven für dieses Land zu schaffen, darüber sind sich ganz viele dieser zum Teil noch sehr jungen Menschen, die sich für Wandel stark machen, einig.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Politologen und Dokumentarfilmer Asiem El Difraoui führte Ulla Zierau am 13.11.2013 um 7.45 Uhr.


Asiem El Difraoui: "Ein neues Ägypten? Reise durch ein Land im Aufruhr", Edition Körber Stiftung, erscheint am 13. November.