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Kulturgespräch 10.5.2013 Gedanken versengen nicht

Jürgen Serke über die Ausstellung "Verbrannte Bücher" in Stuttgart

80 Jahre liegt die Aktion „wider den undeutschen Geist“ zurück. Schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden jüdische, marxistische und pazifistische Schriftsteller verfolgt. Höhepunkt war die am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz sowie in 21 anderen deutschen Universitätsstädten inszenierte öffentliche Bücherverbrennung. Der Journalist und Schriftsteller Jürgen Serke, 1938 in Landsberg an der Warthe geboren, engagiert sich für jene verfolgten Schriftsteller.

Herr Serke, 80 Jahre nach der Bücherverbrennung, 68 Jahre nach Kriegsende – es lässt sich schwer vorstellen, dass eine Autorin oder ein Autor von Rang in seiner Wirkung nachhaltig von diesem Autodafé betroffen war. Täusche ich mich?

Sie waren alle betroffen – und zwar ganz sichtbar. Denn es war die Absicht der Nazis, eine bestimmte Literatur aus dem Bewusstsein der Deutschen zu löschen. Und das ist auch lange geglückt. Nach 1945 wollte von den Autoren, deren Bücher 1933 verbrannt wurden, niemand etwas wissen. Es war eine unglaublich schwierige Situation. Es gab nur einen Schriftsteller, der erfolgreich war: Carl Zuckmeyer. 

„Des Teufels General“ handelt vom Schicksal des Flieger-Generals Ernst Udet. Das Theaterstück fand große Zustimmung und war sehr erfolgreich, weil es einen menschlichen Udet zeigte.

Doch später hatte Zuckmayer große Schwierigkeiten. Nämlich als „Der fröhliche Weinberg“ aus den 1920er Jahren und „Der Hauptmann von Köpenick“ verfilmt wurden. Hier hat man die Szenen mit kritisch beschriebenen Juden aus den Drehbüchern herausgestrichen. Dann, 1960, als in Frankfurt ein Stück von Zuckmeyer gespielt wurde und ebenfalls entsprechende Szenen herausgestrichen wurden, protestierte er. Ein anderes Mal, als er nicht protestierte, wurde in Berlin im „Fröhlichen Weinberg“ der Kleiderjude im Stück belassen. Doch jetzt protestierte die jüdische Gemeinde mit Heinz Galinski: so könne man keinen Juden zeigen.

Nur so, anhand dieses Beispiels, sieht man, was in der Bundesrepublik los war.

In den vergangenen 68 Jahren ist einiges wieder aufgelegt worden. Rowohlt, Fischer, Suhrkamp und andere Verlage haben viel getan, um jene Autoren, die ins Vergessen gestürzt werden sollten, dem Vergessen zu entreißen. Dennoch gibt es einige Autoren, die weniger gelesen werden als andere. Ist das eine Folge der Bücherverbrennung, der Unterdrückung? Oder ist es so, dass uns diese Autorinnen und Autoren heute einfach nichts mehr sagen?

Ich muss Ihnen widersprechen. Die Autoren sagen uns heute alle noch etwas. Diejenigen zumindest, die eine ästhetische Qualität haben, und darauf kann man sich schnell einigen. Aber das hat sich nicht so abgespielt, wie Sie das darstellen.

Als ich 1977 mit „Die Verbrannten Dichter“ herausgekommen bin, war noch gar nichts geschehen. Da wurde Hans Albert Walters Geschichtswerk über das Exil – davon gab es drei Bände im Luchterhand-Verlag – eingestellt. Erst durch die Tatsache, dass der „Stern“, der damals eine Auflage von 1,8 Millionen hatte, die Serie gebracht und damit eine große Wirkung erzielt hat, veränderte sich alles. Auf einmal waren dann auch die Verlage da.

Ich gebe Ihnen für die 1970er und 80er Jahre Recht. Aber ich argumentiere jetzt aus der Perspektive des Jahres 2013

Nun gut, die Geschichten verändern sich immer. Es gibt immer ein Auf und Ab. An der Qualität der Leute, die ich in „Die verbrannten Dichter“ dargestellt habe, hat sich nichts geändert. Volker Weidemann hat „Das Buch der verbrannten Bücher“ geschrieben. Es kam zu einem Zeitpunkt heraus, als mein Buch nach 30 Jahren nicht mehr erschienen ist. Weidemann hat sich in seinem Werk mit mittelmäßigen Autoren, deren Werke damals verbrannt wurden, beschäftigt. Und das ist wieder eine andere Geschichte. Aber auch eine sehr interessante.

Gibt es einen Autor, eine Autorin, von dem oder von der Sie sagen können, er oder sie sollte heute stärker gelesen werden, als er/sie wahrgenommen wird?  

Da gäbe es so viele! Aber ich nenne einen Mann, der ganz jung gestorben ist: Franz Peter Kien. Ein Lyriker und zugleich ein großer Maler. Er war ein Freund von Peter Weiss. Kien war ein deutschsprachiger tschechischer Jude, der in Auschwitz ums Leben gekommen ist.

Ich habe versucht, meinen Teil dazu beizutragen, in einer großen Ausstellung, und habe Peter Kiens Gedichte herausgebracht. Aber bisher noch nicht mit großem Erfolg.

Anders war es mit Selma Meerbaum-Eisinger. Das ist eine Wiederentdeckungsgeschichte, auf die ich wirklich stolz bin. Anfang der 1980er Jahre habe ich ihre Gedichte herausgebracht – die Gedichte eines 17-jährigen Mädchens. „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“, so der Titel.

Diese Wiederentdeckungsgeschichte hat angedauert bis heute. Und Meerbaum-Eisinger hat hier auch wieder ihren Platz gefunden. Man sagt das so einfach: ein 17-jähriges Mädchen. Wir müssen uns einmal vorstellen, wie viele Menschen namenlos mit 17 oder 18 Jahren verschwunden sind. Menschen, die wahrscheinlich ebenfalls über die schriftstellerische Qualität von Selma Meerbaum-Eisinger verfügt haben.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Schriftsteller und Journalisten Jürgen Serke führte Reinhard Hübsch am 10.05. 2013 um 7.45 Uhr


Die Sammlung von Jürgen Serke „Die verbrannten Dichter“ ist im Kunstmuseum Solingen zu sehen; das Buch mit eben diesem Titel ist im Belz & Gelberg Verlag erschienen. Im Stuttgarter Rathaus eröffnet am 10.05. eine neue Ausstellung zur Bücherverbrennung.