Martin Rupps (Foto: SWR, SWR/Kristina Schäfer)

Bundestagswahlkampf wird amerikanisch. Ein Kommentar

Es ist alles gesagt, nur nicht von allen

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Noch nie war ein Bundestagswahlkampf so amerikanisch, meint Martin Rupps. Es geht nur noch um Personen, nicht mehr um Inhalte.

Ein Bundesminister rüffelt auf Twitter die eigenen Leute, weil sie ihn am Vorabend in ein Krankenhaus bringen ließen. Eine Wochenzeitung druckt eine leere Seite aus Protest darüber, dass Annalena Baerbock (Grüne) angeblich keinen Termin für ein Interview fand. Auch der Bundestagswahlkampf wird – wie der US-Präsidentschaftswahlkampf – mit jedem Mal irrwitziger.

Bloß keine Schwäche zeigen!

Als Peter Altmaier (CDU) kürzlich eine Supergesundmeldung absetzte, musste ich an die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton denken. Nicht einmal eine Stunde nach einem Schwächeanfall strahlte sie wieder, als mache sie Werbung für Zahnpasta. Ich glaube, der einzige Mensch, der sich keinen erkrankten Peter Altmaier vorstellen kann, ist Herr Altmaier selbst.

Baerbock, Laschet und Scholz im Zerrspiegel der sozialen Medien - bei Desinformation liegen die Beiträge über Baerbock weit vorne. © SWR (Foto: SWR)
Baerbock, Laschet und Scholz im Zerrspiegel der sozialen Medien - bei Desinformation liegen die Beiträge über Baerbock weit vorne. © SWR

Über Jahrzehnte reichte im Fernsehen eine Debatte der Spitzenkandidaten "Drei Tage vor der Wahl". Ok, es dürfen gern ein bisschen mehr sein. Aber diesmal wimmelt es nur so von Einzel- und Gruppenauftritten mit Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz. Wer bei der Kandidatin abblitzt, reagiert beleidigt und druckt ins Leere. "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen", witzelte einst Karl Valentin. "Die Kandidatin und die Kandidaten haben schon alles gesagt, aber noch nicht überall", könnte er in diesem Wahlkampf sagen.

Meinungsumfragen sind in jedem Wahlkampf das sprichwörtliche Salz in der Suppe. Diesmal wird mit ihnen so viel Politik gemacht wie noch nie. Alle paar Tage schießen immer neue Umfrageergebnisse ins Kraut, ermittelt bei ein paar hundert angeblich repräsentativen Frauen und Männern. Tatsächlich sind Meinungsforscher in letzter Zeit oft daneben gelegen.

Ich halte es für unausweichlich, dass Deutschland den amerikanischen Wahlkampf mit seinem Personenkult adoptiert. Die Stilisierung des drögen, konturlosen SPD-Kanzlerkandidaten zum Strahlemann und Retter gibt einen Vorgeschmack darauf.

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