Josef Karcher (Foto: SWR)

"Zwei Minuten": Die Kolumne zum Wochenende

Partylöwe auf Abwegen

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Das Vereinigte Königreich ist ziemlich verschnupft. Premier Boris Johnson hat eingeräumt, während des Corona-Lockdowns an einer Party teilgenommen zu haben. Das lässt den Brexit in einem neuen Licht erscheinen, meint Josef Karcher.

Vor vielen, vielen Jahren da herrschte in Britannien ein großer König. Er stammte aus der Dynastie der Tudor und trug den Namen Heinrich der VIII. Dieser König hatte ein besonderes Faible für Frauen. Insgesamt waren es sechs. Er liebte sie alle, mehr oder weniger, am Anfang sehr, gegen Ende nicht mehr so sehr. Zwei ließ er hinrichten. Von der allerersten wollte sich Heinrich scheiden lassen.

Die Kolumne von Josef Karcher können Sie hier auch als Audio hören:

Doch der Papst spielte nicht mit und beharrte auf der Unauflöslichkeit eines Bundes, der vor Gott geschlossen worden war. Dem König war dies völlig schnuppe. Mit dem streng-katholischen Laden auf dem europäischen Festland wollte er nichts mehr zu tun haben. Er sagte Adieu und gründete seine eigene Kirche. Praktischerweise mit ihm selbst als Oberhaupt.

Party mit Tee und Gebäck

Vor diesem historischen Hintergrund kann jetzt die Brexit-Story neu interpretiert werden, der Austritt der Briten aus der Europäischen Union, den Boris Johnson nach einem Volksentscheid so rigoros durchgezogen hat. Es lässt sich erahnen, dass er die nächtlichen EU-Ratssitzungen in Brüssel leid war, bei Wasser und Kaffee und deutsch-französischen Schnittchen. Nutzlose Zeitverschwendung. Viel lieber wäre er daheim gewesen bei einer prächtigen Party mit Tee und Gebäck.

Wobei - die eine oder andere alkoholische oder sonstige Ausschweifung hätte hinzukommen können. Wo sonst soll Boris der Partylöwe, seine Strubbel-Wuschel-Frisur auch herhaben? Im konkreten Fall war das Wetter auch ausnahmsweise unbritisch, viel zu schön, um den Tag im Home-Office zu verbringen. Im gepflegten Garten ein paar coole Drinks und lockere Small Talks – das ist doch Politik. Sorry! Die Corona-Pandemie hat eben auch den Effekt, dass sie alle Schwächen demaskiert.

Wie lässt Shakespeare seinen Hamlet sagen: "Schnöde Taten müssen sich verraten." Und für den einstigen Brexit-Helden Johnson mag nun gelten: "Das ist der Anfang vom Ende." Das stammt ebenfalls von Shakespeare. Und zwar aus dem Sommernachtstraum.     

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