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Bio-Piraterie Stevia boomt - Indianer gehen leer aus

Süßungsmittel aus der Stevia-Pflanze finden sich inzwischen in vielen Produkten - kalorienfrei, für Diabetiker geeignet. Die neue Süße hat jedoch einen bitteren Beigeschmack, ethisch-moralisch: Biopiraterie.

Ohne Kalorien, bis zu dreihundertfach stärkere Süßkraft als Zucker, für Diabetiker geeignet - seit sie endlich zugelassen sind, findet man Süßungsmittel aus der Stevia-Pflanze in vielen Produkten. Verschiedene Organisationen prangern jetzt Hersteller und Politik in ihrer Analyse an: Alles geklaut - Stevia sei ein Fall von Biopiraterie.

Alice Thiel-Sonnen, SWR Umwelt und Ernährung, berichtet

Stevia-Pflanze

Blätter einer Stevia-Pflanze

Die Ursprungsländer der Stevia-Pflanze sind Paraguay und Brasilien. Das Indianer-Volk der Guaraní hat sie über Jahrhunderte genutzt zum Süßen und als Medizin und das traditionelle Wissen weitergegeben. Jetzt, wo das Süßungsmittel, das aus der Pflanze gewonnen wird, in den Industrieländern boomt, machen multinationale Konzerne damit das große Geschäft - das Guaraní-Volk hingegen geht weitgehend leer aus.

Kleinbauern werden ausgebootet: Bio-Piraterie

Stichwort Stevia: Stevia ist ein rein pflanzlicher Süßstoff der aus den Blättern der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana gewonnen wird. Er enthält keine Kalorien, keine Kohlenhydrate, kein Fett und kein Cholesterin. Er verursacht kein Karies und kann möglicherweise den Blutdruck senken. Seit Dezember 2011 ist Stevia in der EU als Lebensmittel-Zusatzstoff zugelassen. Stevia gibt es in unterschiedlichen Darreichungsformen: frische und getrocknete Blätter, flüssig, in Pulverform und als Süßstoff-Tabs. Stevia wird auch zur Herstellung von Kosmetika oder als Badezusatz verwendet.

Die Stevia-Pflanze wird dort vor allem von Kleinbauern angepflanzt. Als Rohstofflieferant sind sie zu einem kleinen Teil also noch am Gewinn beteiligt. Aber, was in Joghurt, Cola oder Schokolade als "die neue Süße" landet, sind nicht die Blätter der Stevia-Pflanze. Die haben in den USA, in Europa und der Schweiz gar keine Zulassung. Es sind aufwendig aus den Blättern gewonnene Moleküle, die eingesetzt werden - so genannte Steviolglykoside.

Genau die werden wohl schon bald synthetisch hergestellt werden können. Dann braucht man nicht einmal mehr die Stevia-Blätter als Rohstoff. Schon im kommenden Jahr soll der erste Süßstoff mit Steviolglykosiden aus dem Labor auf den Markt kommen. Dann wären die Kleinbauern in Paraguay und anderen Ländern, wo die Stevia-Pflanzen angebaut wird, ganz aus dem Rennen.

Ein klassischer Fall von Biopiraterie, sagt ein großer Verbund von Nicht-Regierungsorganisationen, dem Hilfswerk Misereor und der Universität Hohenheim in Stuttgart. Sie haben jetzt eine Analyse dazu vorgelegt.

Indianern stehen Ausgleichszahlungen zu

Guarani

Das Indianer-Volk der Guaraní nutzt Stevia seit Jahrhunderten zum Süßen und als Medizin

Es gibt das Nagoya-Protokoll als internationales Abkommen, das besagt, dass den Trägern traditionellen Wissens ein gerechter Vorteilsausgleich zusteht. Darüber sollten die Hersteller und Nutzer von Steviolglykosiden mit den Guaraní und der Regierung Paraguays verhandeln, fordern Misereor und die anderen Organisationen.

Außerdem sollte die Werbung auf den mit Steviolglykosiden gesüßten Produkten gestoppt werden, wenn sie mit "traditionell" oder "natürlich" wirbt, denn das sei eine bewusste Irreführung von Verbrauchern.

Online: Heidi Keller und Christine Härrer