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Neue Videoclips der Bundesregierung sollen mit Augenzwinkern dazu animieren, zuhause zu bleiben. Gemacht sind sie im Stil von "Opa erinnert sich an den Krieg".

Die Videos mit #besondereHelden haben am Wochenende für Aufmerksamkeit im Netz gesorgt. Alleine auf dem Twitteraccount von Regierungssprecher Steffen Seibert wurden die Clips hunderttausendfach angesehen. Die Botschaft ist klar - so endet auch jeder Clip: "Werde auch du zum Helden und bleib zuhause."

Die Videos erscheinen wie eine Art Mini-Geschichts-Doku mit einem Rückblick älterer Herrschaften auf ihre Jugend und die zweite Corona-Welle im Jahr 2020. Der fiktive Anton Lehmann erzählt vom Corona-Jahr:

"Und das Schicksal dieses Landes lag plötzlich in unseren Händen. Also fassten wir all unseren Mut zusammen und taten, was von uns erwartet wurde... Wir taten nichts. Waren faul wie die Waschbären. Tage- und nächtelang blieben wir auf unserem Arsch zu Hause und kämpften gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Unsere Couch war die Front, und unsere Geduld war die Waffe."

Textauszug aus dem Videoclip

#besonderehelden https://t.co/lrb0ntUee3

Ein Sprecher des Bundespresseamts erklärte auf Anfrage, die Videos seien Teil der Informationsmaßnahmen in der Corona-Pandemie. "Kontakte zu reduzieren ist derzeit unser wichtigstes und wirksamstes Mittel, um die Pandemie einzudämmen." Diesen Appell wolle man mit den Videos an möglichst viele junge Menschen herantragen.

Auch das Moderatoren- und Comedy-Duo Joko & Klaas hat einen der beiden Clips verbreitet:


https://www.facebook.com/jokoundklaas/posts/4238246386226794

Kommentare von "cool" bis "geht an Realität vorbei"

Die Menschen setzen sich online kritisch damit auseinander. Die Kommentare reichen von "Cool gemacht" bis "Wer produziert denn so was?!" Manche greifen Aspekte aus dem Video auf, twittern zum Beispiel ihre Couch mit den Worten "meine Front für heute". Ein Twitter-Nutzer findet den Spot so gelungen, dass er ihn als "universelle Botschaft" englisch untertitelte.

Moniert wird andererseits, dass die Videobotschaften mit Humor an der Realität vorbeigingen. Facebook-Nutzerin Annalee Klewe schreibt: "Dass so viele Menschen gerade um ihre Existenzen bangen und ohne Hilfe vom Staat absaufen, das darf natürlich nicht so in der Form nach außen dringen. Risikogruppen schützen definitiv, aber nicht die ganze Welt lähmen." Andere bemängelten hingegen etwa, dass Themen wie Einsamkeit, häusliche Gewalt oder Existenzängste in den Spots keine Rolle spielen - oder dass die eigentlichen Helden doch beispielsweise die Beschäftigten im Gesundheitswesen seien.

Facebook-Nutzer Paul Rampe resümiert: "Entweder versucht sich unsere Bundesregierung hier in Humor, oder in Bürgermotivation, beides misslingt ihr mMn (meiner Meinung nach) aufs Übelste."

Sascha Lobo kann Kritik an den "brillanten Spots" nicht verstehen

Der Blogger Sascha Lobo kann nicht verstehen, dass die "brillanten Spots auf Krampf scheiße gefunden werden."

Deutsches Twitter selten knalldackeliger (und deutscher), als wenn diese brillanten Corona-Spots auf Krampf scheiße gefunden werden. Manche Leute erreicht man so und nur so, also lasst eure innere Abiturientenkonferenz EINMAL für 10 Minuten NICHT raushängen. #besondereHelden https://t.co/VjISUjWtis

"Wann haben wir verlernt, mal 5 grade sein zu lassen?"

Mit einer solchen Meinung ist er nicht alleine. "Da macht man ein lustiges Video, welches dazu motivieren soll, sich an die Maßnahmen zu halten, und es wird von vielen bis ins Detail analysiert und zerrissen. Wann haben wir verlernt, mal 5 grade sein zu lassen und nicht zu allem klugzuscheißen", fragt sich Twitter-Nutzer S. Münch.

Müncher Medienwissenschaftler findet Corona-Clips gut

Auch der Werbeexperte Hansjörg Zimmermann hält die Corona-Spots für sehr gelungen. Der Münchner Medienwissenschaftler sagte im SWR, er sei sehr überrascht, "so etwas Emotionales von der Bundesregierung zu sehen. Das ist ein ganz neuer Ton." In der Zielgruppe der 20-Jährigen kämen die Clips überwiegend gut an. Das habe eine nicht repräsentative Umfrage ergeben, die er unter Studierenden durchgeführt habe: "Es gibt auch kritische Stimmen. Die sind aber in der Minderheit. Ich sage mal 80 zu 20."

Dass die Botschaft ankomme, tragen seiner Einschätzung nach die „Hollywood-Geigen“ und die guten Stimmen der Schauspieler bei, aber auch die Sprachwahl. "Wir schimmelten rum" - das sei so ein bisschen WhatsApp- und Internet-Sprech. "Damit ist eine gewisse Werbewirkung erst mal erreicht."

Zimmermann hofft auf mehr dieser Botschaften von der Bundesregierung

Kritischer würde dagegen die Botschaft gesehen, dass man durch Nichtstun zum Helden werden könne: "Die einen sagen, da bin ich nicht dabei - das wird sehr ambivalent gesehen. Die anderen finden das sehr cool." Zimmermann hofft, dass die Bundesregierung bei dieser Art der Botschaftsvermittlung bleibt. Es sei der richtige Ansatz und könne seiner Meinung nach noch extremer sein: "Ich muss sagen: Chapeau! Das gefällt mir gut!"

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