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Mit knapp 18 Millionen Downloads ist die deutsche Corona-Warn-App die erfolgreichste aller freiwilligen Tracing-Apps weltweit. Dennoch wollen viele Menschen sie nicht installieren. Tübingens Oberbürgermeister Palmer fordert nun eine Nutzungspflicht.

Seit Mitte Juni gibt es die Corona-Warn-App in Deutschland. Sie informiert ihre Nutzer, wenn sie einer mit Corona infizierten Person begegnet sind - sofern auch der Erkrankte die App installiert hat. Denn die Nutzung ist freiwillig. In der Bevölkerung stößt die App weiterhin auf große Vorbehalte. In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage im Auftrag des Technikverbandes gfu gaben 52 Prozent der 2.000 Befragten an, sie wollten die App des Robert Koch-Instituts (RKI) nicht installieren.

Knapp die Hälfte (48 Prozent) erklärte, die App habe für sie keinen persönlichen Mehrwert. Ein Drittel (33 Prozent) bezweifelte, dass die Daten ausreichend geschützt sind. Dabei hatten Datenschützer und auch Nicht-Regierungsorganisationen wie der Chaos Computer Club das Datenschutzkonzept der App zum Start ausdrücklich gelobt. Knapp ein Drittel (30 Prozent) befürchtet Eingriffe in die Selbstbestimmung.

Palmer fordert Nutzungspflicht der Corona-Warn-App

Für Patrick Schmich, den Leiter des Epidemiologischen Daten- und Befragungszentrums am RKI, ist eine höhere Installationsquote "natürlich wünschenswert". Man habe aber diese im weltweiten Vergleich sehr hohen Downloadzahlen nur erreicht, weil man die Datenmenge auf das Mindestmaß reduziert und auf ein strenges Datenschutzkonzept gesetzt habe. Außerdem sei die Corona-Warn-App nur ein Instrument zur Pandemie-Bekämpfung, neben sozialer Distanz und einer Mund-Nasen-Bedeckung.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) sieht die Freiwilligkeit bei der Nutzung dennoch problematisch. Weil die Nutzungsquote zu niedrig liege, würden nur 10 Prozent der möglichen Warnungen ausgesprochen, sagte Palmer am Mittwoch im SWR. Der Grünen-Politiker fordert deshalb eine Pflicht zur Nutzung der App - und plädiert für pragmatische Lösungen. "Wer kein entsprechendes Handy hat, der sollte eines vom Staat kostenlos geliehen bekommen. Das wäre immer noch sehr viel billiger als die zig Milliarden Euro an Wirtschaftsschäden, die eine Woche Lockdown ansonsten kosten würde."

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Argumente der Gegner für Tübingens OB nicht nachvollziehen

Auch datenschutzrechtliche Bedenken kann Palmer nicht nachvollziehen. Im Falle einer Nutzungspflicht "würden sehr viel weniger Rechte preisgegeben als bei den anderen - im April schon beschrittenen - Wegen", so der Tübinger Oberbürgermeister. Für ihn gibt es deshalb "überhaupt keine Gründe, die App nicht zu nutzen". "Die App könnte, wenn genügend Menschen mitmachen, den allergrößten Teil der Infektionsketten abbrechen. Sehr viel schneller und effektiver als die Gesundheitsämter", sagte Palmer.

"Deswegen ist die Warn-App ein Schlüsselelement, um Lockdownmaßnahmen zu verhindern."

Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister von Tübingen (Archivbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Marijan Murat/dpa (Archivbild))
Palmer sieht keine datenschutzrechtlichen Bedenken bei der Corona-Warn-App. picture alliance/Marijan Murat/dpa (Archivbild)

Die Anwendung des RKI gehört mit knapp 18 Millionen Downloads in Deutschland zu den erfolgreichsten Anwendungen in den App Stores von Apple und Google. Rund ein Drittel (35 Prozent) der Befragten der gfu-Umfrage hatte die App bereits heruntergeladen oder plante dies. 13 Prozent gaben an, dass eine Installation der App bei ihnen technisch nicht möglich sei. Insgesamt bewerteten die Nutzer die App eher positiv. Fünf Prozent sind damit eher unzufrieden und nur drei Prozent völlig unzufrieden.

Deutsche App nicht kompatibel mit Angebot aus der Schweiz und Frankreich

Nach wie vor gibt es Kritik an der App aus den Grenzregionen - auch in Baden-Württemberg. So ist die deutsche Corona-Warn-App nicht mit den entsprechenden Apps in der Schweiz und in Frankreich kompatibel. Das geht aus einem Antwortschreiben des Bundesgesundheitsministeriums an den Oberbürgermeister von Weil am Rhein (Kreis Lörrach), Wolfgang Dietz (CDU), hervor.

Er hatte zuvor von Jens Spahn (CDU) Abhilfe gefordert. Das Problem sind nicht vereinbare Systeme: In Deutschland erfolgt der Datenabgleich der Corona-Warn-App auf dem jeweiligen Handy des Nutzers, in Frankreich hingegen auf einem zentralen nationalen Server. Ein geplanter sogenannter Gateway-Server der EU wird zwar die grenzüberschreitende Nutzung der Corona-Warn-Apps zwischen verschiedenen anderen EU-Mitgliedsländern ermöglichen, nicht aber mit Frankreich. Im Falle der Schweiz verhindern rechtliche Hürden, dass das Land den europäischen Server nutzt, weil es nicht Mitglied der EU ist.

Medizinstatistiker zieht unbefriedigendes Fazit

Für die Übertragung der Testergebnisse sind laut Schmich vom RKI mittlerweile 120 Labore an die App angeschlossen. Bislang seien bereits über 300.000 Testergebnisse in der App bereitgestellt worden. Bei den Telefon-Hotlines, die zur App angeboten werden, seien inzwischen rund 250.000 Anrufe aufgelaufen und beantwortet worden.

Nicht geäußert zur Datenauswertung haben sich bisher die Gesundheitsämter und Bundesgesundheitsminister Spahn Sie können oder wollen nicht bewerten, wie wirksam die Anwendung ist. Für den Medizinstatistiker Gerd Antes aus Freiburg ist das mehr als enttäuschend. "Das Fazit ist sehr unbefriedigend, weil wir wirklich heiß darauf gemacht worden sind und auch die Hoffnung geschürt worden ist, dass damit alle Probleme gelöst werden."

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