Das Bild zeigt die Hände des BW-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne), der bei einer Pressekonferenz eine schwarze FFP2-Maske mit der Aufschrift 'The Länd' in gelben Buchstaben hält. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

Veränderung durch Krise

Zwei Jahre Corona-Pandemie in BW: Was hat das Land gelernt?

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Heute vor zwei Jahren, am 25. Februar 2020, trat der erste Corona-Fall in Baden-Württemberg auf. Was hat das Land aus zwei Jahren Pandemie gelernt?

Nachdem ein 25-Jähriger aus dem Kreis Göppingen im Februar 2020 mit seiner Freundin aus Mailand zurückkehrte, wurde das Coronavirus erstmals im Land nachgewiesen: Baden-Württembergs "Patient 0". Anfangs schlug Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) ruhige Töne an: "Es gibt nach wie vor keinen kursierenden Virus bei uns." Zwei Jahre und vier Wellen später haben sich über 1,8 Millionen Menschen im Land nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Mehr als 14.000 Menschen sind nach Angaben des baden-württembergischen Gesundheitsamts an oder mit dem Virus gestorben, über 8 Millionen haben sich mindestens einmal gegen Corona impfen lassen.

Nach Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Zugangskontrollen versprechen umfassende Öffnungen nun wieder etwas mehr Normalität. Doch was hat sich in den vergangenen zwei Jahren verändert - ein Überblick:

Personalaufstockung in BW-Gesundheitsämtern

In den Ämtern habe sich vor allem der Personalabbau der letzten 20 Jahre bemerkbar gemacht, sagte Brigitte Joggerst, Landesvorsitzende des Ärzteverbandes des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Baden-Württemberg. Wegen der Corona-Pandemie werde nun wieder aufgestockt: 264 neue Stellen schuf das Land im öffentlichen Gesundheitsdienst, 251 wurden dem Gesundheitsministerium zufolge schon besetzt. Weitere 467 Stellen seien im laufenden Jahr geplant. Für die Arbeit in einer Pandemie würden die bisher geschaffenen Stellen zwar nicht ausreichen, so Joggerst. "Wir wissen jetzt aber, wie und wo Personal gewonnen werden kann und wie es rasch geschult werden kann." Digital seien die Gesundheitsämter im Land ebenfalls deutlich besser aufgestellt als noch vor zwei Jahren - auch wenn Meldungen aus Kliniken und Heimen teils immer noch per Fax kämen.

Gewerkschaften: Ausstattung der Schulen lässt zu wünschen übrig

Gerade beim Thema Digitalisierung hätten zwar auch die Schulen "große Fortschritte" gemacht, sagte die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Monika Stein. Aber: "Für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind sie noch nicht ausgestattet." Das Land müsse zum Beispiel die langfristige Wartung von Tablets und Laptops sicherstellen. Zudem brauche es Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer in Sachen Digitalisierung.

"Großübung" in Sachen Pandemie für BW-Unternehmen

Kaum jemand hätte gewusst, was eine Pandemie überhaupt ist, sagte Uschi Götz, Sprecherin des Verbands Unternehmer Baden-Württemberg. "Jetzt haben alle eine Großübung über eine lange Zeit hinweg gehabt." Flexiblere Schichtmodelle in der Industrie, mehr Homeoffice statt Büro - für eine mögliche weitere Pandemie sei man gerüstet. Auch kleinere Betriebe hätten in der Pandemie dazugelernt, sagte die Sprecherin des Bunds der Selbstständigen in Baden-Württemberg, Sybille Erhardt. Viele hätten eigene Online-Shops eingerichtet oder über soziale Netzwerke Kontakt zu ihren Kundinnen und Kunden gehalten, als der Einzelhandel geschlossen wurde. All das sei aber auch von der Internetversorgung vor Ort abhängig gewesen, betonte Erhardt. Gerade in ländlichen Regionen sei die teils immer noch ein Problem.

Verwaltung: Digitaler Behördengang bald Regelfall?

Online-Terminvergabe, Anträge im Internet, Einsatz von Chatbots - viele Rathäuser in Baden-Württemberg hätten in Sachen Digitalisierung dazugelernt, sagte Antje Dietrich, Studiendekanin für digitales Verwaltungsmanagement an der Hochschule Kehl. "Gerade bei kleinen Kommunen sind die Fortschritte auch sehr personenabhängig - zum Beispiel davon, ob der Bürgermeister dahintersteht", sagte Dietrich. Daneben müssten auch die Bürgerinnen und Bürger erst lernen, die Möglichkeiten digitaler Behördengänge in vollem Umfang zu nutzen, betonte Dietrich. Oft sei gar nicht bekannt, dass viele Anliegen auch im Internet erledigt werden könnten. "Die Zugänge sind zudem oft noch zu kompliziert und uneinheitlich", sagte Dietrich. "Das muss smart werden." Wichtig seien zum Beispiel Online-Bezahlmöglichkeiten und leichtere Authentifizierungen. "Das fordert der Bürger auch."

BW-Gesundheitsministerium: Entscheidungen müssen transparenter werden

Bei der Schließung vieler Betriebe wurde die Landesregierung von Gerichten korrigiert. Auch Einschränkungen wie nächtliche Ausgangssperren hielten den Bewertungen der Richterinnen und Richter nicht immer stand. Ob hieraus Lehren gezogen wurden, ist fraglich. Das Gesundheitsministerium sieht seine Verordnungen vielmehr "bis auf ganz wenige Fälle bestätigt". Dazugelernt habe man jedenfalls in Sachen Kommunikation. Es könne durchaus der Eindruck entstanden sein, dass Änderungen der Corona-Regeln auch mal "etwas kurzfristig verkündet" wurden, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Man habe zwar versucht, "zeitnah und rechtzeitig" zu kommunizieren. "Wir haben uns aber vorgenommen, unsere Entscheidungen noch transparenter zu machen." Die öffentliche Experten-Anhörung zur Belastung des Gesundheitssystems im Februar sei ein Beispiel dafür.

Landesregierung will BW krisenfest gestalten

Die grün-schwarze Landesregierung will mit einer Enquetekommission Lehren aus der Corona-Pandemie für künftige Krisen ziehen. Unter dem Titel "Krisenfeste Gesellschaft" sollen bis zum Frühjahr 2024 Vorschläge erarbeitet werden, wie man sich etwa gegen Cyberattacken oder die Klimakrise wappnen kann. Experten und Expertinnen, Abgeordnete und Bürgerinnen und Bürger sollen Teil der Kommission sein. Welchen Fokus sie haben sollte - darüber waren sich die Parteien im Landtag zuletzt aber uneinig. SPD und FDP warfen Grün-Schwarz vor, sich einer Aufarbeitung der Corona-Politik zu verweigern. Die Fraktionschefs von Grünen und CDU, Andreas Schwarz und Manuel Hagel, betonten dagegen, der Fokus liege auf der Zukunft. Allerdings würde auch er rückblickend manche Dinge anders machen, sagte Hagel (CDU). "Flächendeckende Schulschließungen etwa, mit ihren enormen Auswirkungen auch auf die Psyche junger Menschen, kann ich mir heute so nicht mehr vorstellen."

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Pandemieende in Sicht?

Neben Baden-Württembergs "Patient 0" hatten sich in der Folge auch seine Freundin und ihr Vater, Hans Bösmüller, Oberarzt an der Pathologie der Uniklinik Tübingen, mit dem Virus infiziert. Corona habe ihn seither nicht mehr losgelassen - vor allem als Pathologen nicht: Das Gefühl, dass er großes Glück gehabt habe, sei immer im Hinterkopf, vor allem vor und nach einer Autopsie, so Bösmüller. Corona werde bleiben - wie die Grippe, sagt er: mal stärker, mal schwächer. Und doch ist er zum ersten Mal optimistisch: "Die Wellen in diesen Ausmaßen werden wir wahrscheinlich hinter uns gebracht haben." Das entspricht der Einschätzung des Landesgesundheitsamtes, das angesichts weiterhin sinkender Sieben-Tage-Inzidenz in Baden-Württemberg den Höhepunkt der fünften Welle am Donnerstag überschritten sah.

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SWR