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Corona-Leugner, die an Verschwörungsmythen glauben, sorgen für Konflikte in Familien oder am Arbeitsplatz und beschäftigen zunehmend Beratungsstellen. In Baden-Württemberg haben die Verantwortlichen viel zu tun - und Kurioses zu berichten.

"Querdenken", die "Q-Anon"-Bewegung, fanatische Impfgegner: Deren oft krude Verschwörungsmythen spielten laut der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg (ZEBRA) in Freiburg im Jahr 2020 in 84 Beratungsfällen eine Rolle. Das seien gut ein Drittel aller Fälle (289) gewesen, bestätigt Sarah Pohl, Koordinatorin bei ZEBRA, im Interview mit dem SWR. "Aktuell ist es mehr denn je. Wir haben sehr viel mit Angehörigen zu tun, die sich über die Weihnachtstage gerade aufgrund der Verschwörungstheorien miteinander gestritten haben, wo es erst einmal wirklich offensichtlich wurde, wie sich jemand in der Art und Weise radikalisiert hat", sagt Pohl.  

Chlor im Kühlschrank, Zahlencodes gegen Corona


Verzweifelte Lebenspartner, Angehörige oder Arbeitskollegen wendeten sich an die Beratungsstelle. Sie verspürten Ohnmacht und Hilflosigkeit, weil sie gegenüber den Verschwörungsgläubigen nicht mehr durchdringen. Pädagogin Pohl berichtet von haarsträubenden Fällen, etwa von dem Glauben, Chlor könne gegen Corona helfen: "Da gab es tatsächlich den einen oder anderen Fall, wo der Angehörige schon dieses Zeug im Kühlschrank gelagert hatte. Dann ging es um vermeintliche Zahlencodes gegen Corona, die man sprechen könnte. Und wir hatten Menschen, die die Befürchtung hatten, das Coronavirus sei freigesetzt worden, um die Alten zu töten, sie also gezielt auszurotten." 

Viele ältere Menschen glauben an Verschwörungstheorien

Partnerschaften gingen aufgrund der Polarisierung zu Bruch, sagt Pädagogin Pohl: "Soll unser Kind in der Schule eine Maske tragen oder eben nicht? Solche Fragen sind ein großes Thema bei uns." Bemerkenswert: Viele jüngere Menschen sorgen sich um ihre Eltern. Laut Pohl wissen gerade über 65-Jährige nicht, wie sie mit Fake-News umgehen sollen und teilten dubiose Inhalte auf Social Media Kanälen wie Whats App.

Dokumentation Querdenker, Corona-Leugner, Wutbürger – woher kommt der Frust im Südwesten?

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Dies bestätigten auch Studien. Pohl berichtet von einem besonders krassen Fall: "Da hat ein Paar sein ganzes Haus verkauft und gesagt, wir ziehen jetzt nach Schweden. Da ist es sicher, da passiert mir nichts. Das sind ganz paradoxe Dinge." In einem anderen Fall habe ein älteres Ehepaar beschlossen, sämtliches Kapital von der Bank abzuheben und in Gold zu investieren.

Die vom Land unterstützte Beratungsstelle gibt es erst seit Februar 2020. Einen Vergleich zur Vor-Corona-Zeit können die drei Festangestellten und zwei freiberuflichen Mitarbeiter also nicht ziehen. Erfahrungen aus anderen Bundesländern deuten allerdings daraufhin, dass die Zahl der Beratungsfälle im Bereich Verschwörungsmythen bundesweit zugenommen hat. So teilte die Beratungsstelle "Sekten-Info NRW" dem SWR mit, die Zahlen seien "sprunghaft angestiegen" - von 40 Beratungsfällen in 2019 auf 125 in 2020. Diese sei ein Viertel aller Fälle.

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Experte: Mehr Beratungsfälle bedeuten nicht mehr Verschwörungsglauben

Der Amerikanist Michael Butter befasst sich an der Universität Tübingen mit dem Thema Verschwörungsmythen. Der Professor warnt davor, von den hohen Beratungszahlen auf einen Corona-bedingt gestiegenen Verschwörungsglauben in der Bevölkerung zu schließen. Er verweist auf eine aktuelle Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Demnach halten 14 Prozent der Bevölkerung die Aussage für "wahr" oder "wahrscheinlich wahr", das Coronavirus sei nur "ein Vorwand, um die Menschen zu unterdrücken."

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Der allgemeine Glaube an eine Weltverschwörung hat der Studie zufolge in der Corona-Krise jedoch nicht zugenommen. "Für viele Menschen ist der Glaube allerdings wichtiger geworden. Damit gehen sie verstärkt an die Öffentlichkeit, konfrontieren Freunde oder die eigene Familie. So erklärt sich der erhöhte Beratungsbedarf", sagte Butter dem SWR.

Das Rezept der Beratungsstelle ZEBRA: Der Versuch, die Kommunikation zwischen Verschwörungsgläubigen und besorgten Angehörigen wiederherzustellen. Durch gegenseitiges Verstehen und Wertschätzung. Dabei bleibe man selbst wertneutral, was die Weltanschauung angeht.  "Manchmal erleben wir auch, dass Angehörige sehr massiv werden. Zum Streit gehören auch immer zwei. Da würde ich jetzt nicht unbedingt den Schwarzen Peter nur auf einer Seite suchen wollen. Da wird oft von beiden Seiten manchmal auch mit harten Bandagen gekämpft", so Koordinatorin Pohl.

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