Das 9-Euro-Ticket wird in vielen Verkehrsverbünden in Baden-Württemberg sehr gut verkauft.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Eibner-Pressefoto | DROFITSCH/EIBNER)

Zahlreiche Tickets verkauft

Verkehrsverbünde in BW sehen für 9-Euro-Ticket keine Zukunft und erhöhen die Preise

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Oliver Linsenmaier
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Die Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg verkaufen derzeit fast nur noch 9-Euro-Tickets. Doch eine Weiterführung des Angebotes halten sie für unrealistisch - und erhöhen die Ticketpreise.

Das 9-Euro-Ticket wird in Baden-Württemberg extrem gut angenommen. Das bestätigen sechs der 21 Verkehrsverbünde auf SWR-Anfrage. Erstmals werden dabei auch konkrete Zahlen von verkauften Tickets genannt. Doch wie stehen die Verbünde zu einer Fortführung des Angebotes? Gibt es Überlegungen für regionale Angebote? Und was wären dabei die größten Herausforderungen? Ein Überblick.

Wie viele 9-Euro-Tickets wurden verkauft?

Allein der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat bereits 1,3 Millionen 9-Euro-Tickets über die eigenen Vertriebskanäle verkauft. Hinzu kommen 350.000 Abos sowie Jahres- und Semestertickets, die umgestellt wurden. Damit erreichte der VVS im Juni zum ersten Mal wieder eine Auslastung wie vor der Corona-Pandemie. In vielen Regionalzügen lag sie sogar darüber.

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Der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) verkaufte zwischen dem 23. Mai und dem 30. Juni 315.000 Fahrkarten für neun Euro. Hinzu kamen 100.000 umgewandelte Abos. Im Regio-Verkehrsverbund Freiburg (RVF) wurden bislang 187.000 9-Euro-Tickets verkauft. Auch hier kamen umgestellte Abos, Jahreskarten und Semestertickets (80.000) hinzu. Die Verkäufe über die Deutsche Bahn (DB) sind - im Gegensatz zum KVV - noch nicht enthalten.

Beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) wurden alleine im Juni rund 271.000 Aktions-Tickets verkauft. Der Verkehrsverbund Neckar-Alb-Donau (naldo) sowie der Bodensee-Oberschwaben Verkehrsverbund (bodo) konnten zu den bisher verkauften 9-Euro-Tickets keine genauen Angaben machen. Doch sehen sie ebenfalls eine sehr hohe Nachfrage.

Wurden überhaupt noch andere Tickets verkauft?

Alle angefragten Verkehrsverbünde sagen ganz klar: Es werden fast nur noch 9-Euro-Tickets verkauft. Genaue Zahlen werden aber nicht genannt. Nur der Freiburger RVF kommuniziert ganz offen: Der Verkauf von anderen Tickets ging um 85 Prozent zurück. Hier wurden außer den 9-Euro-Tickets nur noch Einzelfahrscheine oder Kombi-Tickets verkauft.

Der VRN in Mannheim macht zwar keine Angaben, wie viele andere Tickets weniger verkauft wurden. Allerdings hätte der geringere Absatz zu einem Verlust von 6,7 Millionen Euro an Einnahmen geführt, die nicht durch das 9-Euro-Ticket (2,5 Millionen Euro Einnahmen) kompensiert werden konnten. Er geht aber davon aus, dass der Bund die Einnahmeverluste ausgleicht. Das bekräftigte die Geschäftsführung auf SWR-Anfrage.

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Macht eine Fortführung des 9-Euro-Tickets Sinn?

Auch bei der Frage, ob ein dauerhaft vom Bund finanziertes 9-Euro-Ticket wünschenswert wäre, sind sich die angefragten Verkehrsverbünde weitgehend einig. Das Ticket sei für die Kundinnen und Kunden sehr attraktiv, für den Bund allerdings auch extrem teuer. Eine dauerhafte Finanzierung durch den Bund mit jährlich etwa zehn Milliarden Euro halten die Verbünde daher für unrealistisch.

Sollte über die Fortführung des Angebotes nachgedacht werden, müsse die Finanzierung gewährleistet werden. "Eine preisgünstige Anschlusslösung kann es nur geben, wenn der Bund diese auch finanziert. Das Land und die kommunalen Aufgabenträger können dies finanziell nicht alleine stemmen", sagt beispielsweise KVV-Geschäftsführer Alexander Pischon.

Von Juni bis August gibt es das dreimonatige Angebot des 9-Euro-Tickets. Die wichtigsten Antworten kompakt zusammengefasst:

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Paritätische fordert weiterhin 9-Euro-Ticket für Freiwillige

Eine Weiterführung des 9-Euro-Tickets über den August hinaus hat zum Beispiel der Paritätische Baden-Württemberg gefordert - zumindest für Freiwillige. Damit könne ihr persönlicher Einsatz bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) wertgeschätzt werden, teilte der Wohlfahrtsverband am Freitag (5.8.) mit. Zudem machten die Fahrtkosten zur Arbeit ohne ein solches Ticket oft bis zu einem Drittel des Taschengeldes aus, das junge Menschen erhielten, die ein FSJ absolvierten.

Sorge vor Preissteigerungen und verringerten Angeboten

Doch dürfe ein dauerhaft günstiges Angebot nicht zulasten des ÖPNV-Ausbaus gehen. Sonst drohen laut Pischon Preissteigerungen und Angebotskürzungen. Das bestätigt auch bodo-Prokurist Bernd Hasenfratz. Wenn dem Öffentlichen Nahverkehr dauerhaft Geld entzogen würde, habe das zur Folge, dass das Angebot reduziert werden müsse: "Auf keinen Fall darf es passieren, dass der Öffentliche Nahverkehr durch übermäßig niedrige Ticketpreise an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit stößt."

Daher würde sich auch Thilo Ganter vom RVF in Freiburg vielmehr wünschen, "das vorhandene Geld für den Ausbau des Angebots, den Kauf von Fahrzeugen, die Beseitigung von Qualitätsmängeln und den Ausbau der Infrastruktur" zu verwenden.

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Hohe Energiepreise setzen Verkehrsverbünde in BW unter Druck

Das unterstreicht auch Niklas Hetfleisch, Pressesprecher der VVS in Stuttgart: "In der aktuellen Situation halten wir es für wichtiger, die Aufrechterhaltung des Betriebes finanziell abzusichern, denn die Verkehrsunternehmen stehen aufgrund der hohen Preise für Dieselkraftstoff und Bahnstrom erheblich unter Druck." Zudem sei es grundsätzlich sinnvoller, den Fahrplan zu verdichten, neue Strecken zu bauen und zusätzliche Fahrzeuge zu beschaffen. "Günstige Tarife setzen ein dichtes Angebot mit ausreichenden Kapazitäten voraus", sagt er.

Gibt es Überlegungen für Angebote in den Verkehrsverbünden?

Keiner der angefragten Verkehrsverbünde plant ein günstiges Anschlussticket beziehungsweise eine Alternative zum 9-Euro-Ticket. Die einhellige Meinung: Aus eigener Kraft sei solch ein Angebot nicht zu finanzieren. Schon jetzt seien die Tarife erheblich subventioniert, sagt Ganter vom RVF in Freiburg. Weitere Subventionierungen hält er angesichts der aktuellen Kostensteigerungen für kaum finanzierbar.

Das sieht man beim Verkehrsverbund naldo ähnlich. "Solch ein Ticket muss von staatlicher Seite finanziert werden. Aktuell kämpfen unsere Verkehrsunternehmen um jeden Cent in der Kasse, denn die Fahrgastzahlen sind durch Corona um 25 Prozent zurückgegangen und die Dieselpreise drastisch gestiegen", sagt naldo-Pressesprecherin Anne Lohmüller.

VVS setzt auf 365-Euro-Ticket für Jugendliche

Der VVS in Stuttgart will sich vielmehr auf die Umsetzung eines landesweiten 365-Euro-Tickets für Jugendliche konzentrieren, welches zum 1. März 2023 in Kraft treten soll. Davon seien 40 Prozent aller Fahrgäste in der Region Stuttgart betroffen.

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Werden die Ticketpreise weiter erhöht?

Anstatt die Kundinnen und Kunden auch nach Ende des 9-Euro-Tickets zu entlasten, werden viele Verkehrsverbünde in Baden-Württemberg ihre Preise erhöhen. Der VVS in Stuttgart hatte unlängst bereits eine Preiserhöhung von 4,9 Prozent zum 1. Januar angekündigt. Die KVV in Karlsruhe hat bereits zum 1. August die Preise um 2,3 Prozent erhöht. Allerdings sind hier die aktuellen Preissteigerungen durch die Energiekrise noch nicht enthalten.

Um durchschnittlich 6,3 Prozent wird der Verkehrsverbund naldo zum 1. Oktober seine Ticketpreise erhöhen. Der RVF in Freiburg plant für das kommende Jahr eine Tarifanpassung. Höhe und Umfang seien noch nicht beschlossen, sagt Ganter, dürften aber bei mindestens fünf Prozent liegen. Auch am Bodensee und in Oberschwaben müssen sich die Fahrgäste auf höhere Preise einstellen. Man werde an einer Tarifanpassung nicht vorbeikommen, heißt es vom bodo. Wie diese aussehen wird, ist aktuell aber noch nicht klar.

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